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Freitag, 11. Juni 2021

Zu Gast bei #02 - TuS Lindlar

Mitte April 2021 verständigten sich die Fußballverbände in Nordrhein-Westfalen darauf, die Amateur-Spielzeiten der Saison 2020/21 offiziell zu annullieren. Keine große Überraschung, rollte doch deutschlandweit seit Ende Oktober 2020 kein Ball mehr auf den Amateurplätzen im Lande. Auch das "Volksbank Parkstadion" im oberbergischen Lindlar wartet sehnsüchtig darauf, wieder Schauplatz von Fußballspielen sein zu dürfen. Der ortsansässige TuS Lindlar hat seit seiner Gründung im August 1925 schon die ein oder andere Krise überstanden und auch die Corona Pandemie scheint der Verein zu überstehen. Zumindest nutzte man nun die Zwangspause, um die heimische Spielstätte mit einer neuen modernen Flutlichtanlage auszustatten. Die alten Scheinwerfer waren 60 Jahre alt und hatten ausgedient. Nun wurden diese unter den wachsamen Augen des 1. Vorsitzenden Wolfgang Waldheim von einem lokalen Elektrounternehmen gegen 12 LED Hochleistungsstrahler ausgetauscht. Möglich gemacht wurde dieses Großprojekt auch durch Sponsoren, welche den Verein teilweise schon Jahrzehnte unterstützen und dem TuS bis heute die Treue halten. Etwa 1.100 Mitglieder hat der TuS Lindlar, neben Fußball werden auch zahlreiche weitere Sportarten praktiziert. Die Fußballabteilung ist aber das Aushängeschild des Vereins, zwar spielt die Erste Mannschaft des TuS Lindlar mittlerweile in der Kreisliga A und trifft dort sogar auf die eigene Zweitvertretung, doch näherte sich in diesem Jahr zum 35. Mal der Tag des größten Vereinserfolges. Die Saison 1985/86 beendete man als Meister der Verbandsliga Mittelrhein und sicherte sich dadurch den Aufstieg in die Oberliga Nordrhein. Die kleine Gemeinde aus Oberberg hatte plötzlich einen Fußball-Drittligisten.
Als der Verein im August 1925 gegründet wurde, spielte der Fußball zunächst überhaupt keine Rolle, vielmehr beschloss eine Wandergruppe aus der Gemeinde sich als organisierten Verein zu gründen. So entstand der "DJK Turn- und Sportverein Vorwärts Lindlar", die Gründer entschieden sich damals für die Vereinsfarben grün und weiß, welche man bis heute beibehalten hat. Die Fußballabteilung bildete sich etwa ein halbes Jahr später und bestritt am 14. März 1926 ihr Premierenspiel gegen den Lokalrivalen Frielingsdorf, welches man mit 0:1 verlor. 14 Tage später gewann die Lindlarer Elf dann ein Rückspiel mit 3:0. Beide Spiele mussten auf einem Platz im benachbarten Engelskirchen austragen werden, da den Lindlaren zu dieser Zeit noch keine geeignete Spielfläche zur Verfügung gestellt wurde. Ein Problem, welches den jungen Verein in seinen Anfangsjahren noch länger belasten sollte und das, obwohl der Fußball bei der Bevölkerung schnell auf großes Interesse stoß. Dies führte zur raschen Gründung einer zweiten Fußballmannschaft innerhalb des Vereins. Nur die Gemeindeverwaltung schien der einsetzende Fußball-Boom zunächst nicht zu interessieren, sämtliche Anfragen nach einem eigenen Sportplatz blieben unbeantwortet. In der Chronik zum 50. jährigen Vereinsjubiläum heißt es wörtlich: "Spiele mussten meist auswärts ausgetragen werden, es sei denn, ein sportbesessener Besitzer einer Kuhweide trieb seine Rindviecher in den Stall, um seine Weide in den Dienst der guten Sache zu stellen." Die ersten Heimspiele trug der damalige "DJK TuS Vorwärts" also im wahrsten Sinne des Wortes auf Ackern aus. Ein Jahr nach der Gründung fand man immerhin schon mal ein eigenes Vereinslokal, die Gaststätte "Zur Helling" existiert bis heute und stellte den Sportlern damals neben der Möglichkeit Vereinsabende abzuhalten auch Umkleide- und Waschräume zur Verfügung.

Die Gaststätte "Zur Helling" steht bis heute im Ortskern

Gleichzeitig übernahm Konrad "Lehrer" Claus den Vereinsvorstand, eine Persönlichkeit, welcher das Lindlarer Vereinsleben über Jahre prägen und nachhaltig verändern sollte. Unter seinen Anstrengungen bekam man Ende 1926 auch endlich die erste eigene Spielstätte zur Verfügung gestellt. Die Kirchengemeinde Lindlar überließ dem Verein eine Wiese im Abrahamstal, welches damit die erste feste Heimat der Lindlarer Fußballer wurde. Eröffnet wurde das neue Sportgelände mit einem erneuten Spiel gegen Frielingsdorf. Die Geschichte des TuS Lindlar im Abrahamstal war aber schnell zu Ende erzählt, die Kirchengemeinde machte noch im selben Jahr einen Rückzieher und untersagte die weitere Benutzung des gerade erst eröffneten Platzes. Der junge Verein war wieder heimatlos. Eine Tatsache, die dem Vorstand, angeführt von Lehrer Claus, zurecht Kopfschmerzen bereitete. Claus gab keine Ruhe und forderte die Gemeindeväter vehement dazu auf, die Sportplatzfrage endlich zu klären. Am 30. März stellte die Gemeinde Lindlar seinem ortsansässigen Verein dann endlich ein Gelände zur Verfügung. Die "Dicke Linde" am Ortseingang von Kemmerich sollte die neue Heimat des DJK werden. Bevor man hier aber Fußball spielen konnte, musste auf dem Gelände auch ein geeigneter Platz entstehen. Die finanziellen Mittel hierfür wurden unter anderem durch den Verkauf von Rosen auf der Dorfkirmes beschafft. Die Bevölkerung sah den Verein mittlerweile als festen Bestandteil der Gemeinde, was auch einen hohen Anstieg der Mitgliederzahlen zur Folge hatte. So konnte das Projekt "Sportplatz Dicke Linde" schnell und problemlos finanziert werden. Schon ein halbes Jahr nach der Übergabe durch die Gemeinde wurde der ausgebaute Sportplatz am 23. August 1927 natürlich mit einem Spiel gegen Frielingsdorf eröffnet. Die Partie soll mit einem gerechten 2:2 unentschieden geendet haben, einen ersten Heimsieg feierte Lindlar sechs Wochen später als eine Overather Elf mit 2:0 geschlagen werden konnte.
Die Sportplatzfrage war nun zwar geklärt, doch das nächste Problem ließ nicht lange auf sich warten. Im September 1928 kam es zum Bruch zwischen "Vorwärts Lindlar" und dem Fußballverband Aggertal, welchem der Verein bei seiner Gründung zugeteilt wurde. Nicht weiter bekannte Unstimmigkeiten sorgten für den selbst gewählten Austritt Lindlars, welchen man aber drei Wochen später widerrief, um doch noch an einer Meisterschaftsrunde in der gerade gestarteten Saison teilnehmen zu können. Der Spielleiter des Bezirks Aggertal forderte aber zunächst die Begleichung einer offenen 15 Reichsmark Geldstrafe, welche den Lindlarern vom Verband auferlegt wurde. Diese scheinbar kleine Summe, führte zum kompletten Bruch und der Lindlarer Fußball schwebte kurzzeitig in der Luft. Im März 1929 fand man dann im Gau Oberberg eine neue sportliche Heimat, den Wechsel des Bezirks nahm man gleichzeitig auch zum Anlass das "DJK Vorwärts" aus dem Vereinsnamen zu streichen. Von nun an spielte man als "TuS Lindlar 1925 e.V." und wurde direkt vor das nächste Problem gestellt. Die einsetzende Weltwirtschaftskrise machte auch vor den Toren Lindlars nicht halt, ein Großteil der Mitglieder stand nun ohne Arbeit da und war daher nicht mehr in der Lage den Mitgliedsbeitrag zu bezahlen. Erneut war es Lehrer Claus, welcher den Verein mit durchdachten Maßnahmen durch die nächste schwierige Zeit führte. 1933 vollzog man den bereits länger angestrebten Wechsel von Oberberg in den Gau Mittelrhein und spielte nun hauptsächlich gegen Vereine aus dem Kölner Raum. Die Grün-Weißen "Dorfkicker" wurden in der großen Stadt meist nur als "Lenkeler Buhre" verschrien, waren aber Dank einer mit motivierten Nachwuchstalenten ausgestatteten Mannschaft konkurrenzfähig. Die Machtübernahme von Hitler stellte das Vereinsleben dann vor die größte Zäsur der immer noch jungen Vereinsgeschichte. Nach und nach wurden die Mitglieder in den Wehr- und Arbeitsdienst eingezogen und bereits 1936 konnte man beim TuS Lindlar keine Fußballmannschaft mehr aufbieten und wurde aus dem laufenden Meisterschaftswettbewerb ausgeschlossen.
Lindlar war nach Kriegsende stark gezeichnet und an Sport war kaum zu denken, trotzdem belebten bereits im Sommer 1945 die Mitglieder das Vereinsleben wieder. Lehrer Claus war noch vor Ausbruch des Krieges aus dem Verein schweren Herzens ausgeschiedenen und in einem anderen Wirkungsbereich aktiv geworden. Der erste Nachkriegsvorstand hatte mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie Claus zu seiner Lindlarer Zeit. Der Sportplatz an der Dicken Linde hatte im Krieg stark gelitten und war teilweise mit einer Betondecke versehen, trotzdem fanden zunächst noch Spiele auf dem Platz in Kemmerich statt. Zum ersten Nachkriegsspiel wartete mit Frielingsdorf erneut der Lieblingsgegner auf die Grün-Weißen. Der Sportplatz Dicke Linde war aber nicht mehr zeitgemäß, ein regelmäßiger Spielbetrieb wäre hier nicht mehr möglich gewesen, sodass der frisch gewählte Vorstand sich um eine neue Spielstätte kümmern musste.

Im Ortsteil Kemmerich befand sich die erste echte feste Spielstätte des TuS

Wiederum trat man an die Gemeinde heran, mit der Bitte, ein neues Gelände zu Verfügung zu stellen, man bekam eine Fläche auf dem "Sandbuckel", einer Anhöhe oberhalb der Nord-West-Papier-Werke, damals einer der größten Arbeitgeber Lindlars. Die Firma existiert heute nicht mehr, in den ehemaligen Werkhallen befindet sich mittlerweile eine Kletter- und Boulderhalle. Auch vom neuen Sportplatz auf dem Sandbuckel ahnt man heutzutage nichts mehr, dabei feierte der TuS hier seine ersten größeren sportlichen Erfolge und machte den Sandbuckel über die Ortsgrenzen hinaus bekannt. In der Vereinschronik heißt es: "Der enorme Kampfgeist grün-weißer Mannschaften auf heimischem Gelände, aber auch wohl die akustische Unterstützung eines begeisterungsfähigen starken Anhangs begründeten den Ruf des „Sandbuckels” als einen der gefürchtetsten Sportplätze des Bergischen Landes." Bevor es soweit war, musste der Verein das neue Gelände erneut in Eigeninitiative ausbauen, um so einen Spielbetrieb zu ermöglichen. Dank der tatkräftigen Unterstützung seiner Mitglieder entstand binnen kürzester Zeit die neue Lindlarer Fußballfestung auf dem Sandbuckel. Der Fußball war auch nach Kriegsende weiter die dominierende Sportart in Lindlar, Versuche, den damals ebenfalls populären Feldhandball im Vereinsleben zu integrieren, scheiterten auf Grund zu geringer Nachfrage. Das rollende Leder fand aber immer mehr Anklang in der Gemeinde und die TuS-Elf feierte in der Saison 1947/48 die Meisterschaft der 2. Kreisklasse und den damit verbundenen Aufstieg in die 1. Kreisklasse. Die erste "Meisterschaft" der Vereinsgeschichte lies die Ambitionen nochmals größer werden und mit der Unterstützung von finanzstarken Sponsoren konnte der Kader weiter verstärkt werden. Nun spielten erstmals auch Nicht-Lindlarer für den Verein. Man verpflichtete nicht nur Spieler aus dem benachbarten Wipperfürth, sondern hatte fortan auch Akteure in den eigenen Reihen, welche zuvor in Peine oder Cottbus gekickt hatten. So wunderte es keinen, dass es für den TuS Lindlar in der Saison 1949/50 nach einem direkten Durchmarsch in die Bezirksliga aussah, ein sportlicher Einbruch in den entscheidenden Spielen zum Saisonende kostete Grün-Weiß aber die lang gehaltene Tabellenspitze und den Aufstieg. Neben den Ligaspielen waren auch die Spiele um den Sülztalpokal in Lindlar immer prestigeträchtig. 1947 riefen die Mannschaften aus dem Sülztal den lokalen Pokalwettbewerb ins Leben. Der TuS sollte nun jährlich gegen Frielingsdorf, Rösrath, Immekeppel und Untereschbach um den Pokal spielen. Nach dem Rösrath die erste Austragung gewinnen konnte, sicherte sich der TuS den Titel von 1948 bis 1950 dreimal in Folge und unterstrich damit seine lokale Vormachtstellung in Sachen Fußball.
Zum 25. jährigen Vereinsjubiläum wurde man vor neuerliche Probleme gestellt. Hatte der Sandbuckel in den vergangenen Spielzeiten meist eine große Zuschauermasse angezogen, brachen diese nun ein und es fehlte an Einnahmen. Zu besten Zeiten nahm der Verein 400 DM pro Heimspieltag nur durch Eintrittsgelder ein, nun musste man kürzer treten. Den Spielern wurden Privilegien gestrichen, die Anreise zu Auswärtsspielen mussten sie fortan aus eigener Tasche bezahlen. Der Vorstand versuchte den Zuschauerschwund durch reduzierte Eintrittspreise entgegenzulenken, ohne Erfolg. Als auch noch die ersten Sponsoren ihr Engagement beendeten, war die Finanzlage nicht mehr schön zu reden. Auch die sportlichen Erfolge und der fest geplante Bezirksliga-Aufstieg blieben aus, das verbitterte die aktiven Spieler und zu Beginn der Saison 1952/53 verließen zahlreiche Akteure den Verein in Richtung der Konkurrenz. Ein Einschnitt im Lindlarer Fußball, die ortsfremden Spieler hatten dem Verein den Rücken gekehrt, man besann sich daher seinen eigenen alten Tugenden und formierte eine neue junge Mannschaft ausschließlich mit Spielern aus Lindlar. Zunächst als Not-Elf gestartet konnte man in der ersten Spielzeit überraschend noch die Klasse halten, 1953/54 folgte dann aber der Schritt zurück in die 2. Kreisklasse. Dem Vereinsgefüge tat der Abstieg keinen Abbruch und auch die Finanzen entspannten sich langsam wieder. 1954 konnte man schon wieder, unter Zuschuss von Land und Gemeinde, 7000 DM für den Ausbau des Sandbuckels berappen. Eine Overather Firma baute unter Mithilfe der Vereinsmitglieder eine Drainage, welche für deutlich verbesserte Spielbedingungen bei Regenwetter sorgte.
Auch die junge Lindlarer Fußballtruppe fand wieder in die Spur und sehnte sich nach der schnellen Rückkehr in die 1. Kreisklasse. Ein großes Entscheidungsspiel um den Aufstieg gab es am 16. Juni 1956 im Stadion Kradepohl in Bergisch Gladbach. Zu dieser Zeit eine der modernsten Spielstätten im Umkreis, drei Jahre zuvor traf hier die heimische SSG 09 Bergisch Gladbach als damaliger Deutscher Amateur Meister in der ersten DFB Pokal Runde vor 12.000 Zuschauern auf den VfB Stuttgart. Der TuS Lindlar traf am Kradepohl nun auf die Reservemannschaft des SC Rapid Köln, beide Teams standen am Ende der regulären Saison punktgleich an der Tabellenspitze der 2. Kreisklasse und so musste ein Entscheidungsspiel auf einem neutralen Platz über den Aufstieg entscheiden, mit dem besserem Ende für die Kölner. Eine bittere Niederlage für den Grün-Weißen aus Lindlar, aber die junge Mannschaft hatte bewiesen, dass eine Rückkehr in die nächsthöhere Liga möglich war. Mit Karl Heinz Metten hatte der TuS Lindlar einen neuen starken Mann in seinen Reihen. Er führte seine Mannschaft als Spielertrainer und Kapitän 1959 zum Meistertitel und zurück in die 1. Kreisklasse. Nebenbei war Metten seit 1953 auch als Geschäftsführer im Vorstand des Vereins tätig.
Sportlich konnte man sich den folgenden Jahren in der ersten Kreisklasse etablieren. Im Vorstand kam es 1962 zur Wahl von Richard Stein zum 1. Vorsitzenden, ein Mann, der eine goldene Zukunft für den TuS Lindlar vorhersah und vorausschauend Dinge in die Wege leitete, die bis heute ihre Spuren hinterlassen. Der "Sandbuckel" war mittlerweile nicht mehr zeitgemäß und der Verein war wieder auf der Suche nach einem neuen Spielort. Die Gemeinde wurde dieses mal selbst aktiv und baute einen Sportplatz an der Kölner Straße, dieser wurde am 27. Juni 1964 eröffnet und ist bis heute die Heimat des TuS geblieben. In Eigenverantwortung und aus eigener Kasse installierte der Verein noch seine eigene Flutlichtanlage und umzäunte das Gelände, alles zusammen für den stolzen Preis von 50.000 DM. Mit der Eröffnung der neuen Spielstätte begannen die Goldenen Zeiten der Fußballabteilung. Die erste Saison an der Kölner Straße beendete man als unangefochtener Meister der 1. Kreisklasse und stieg erstmals in der Vereinsgeschichte in die Bezirksklasse auf. Bereits in der zweiten Saison (1966/67) spielte der TuS vorne mit und lieferte sich ein Duell mit dem VfL Gummersbach um den Aufstieg in die Landesliga. Am Ende der regulären Saison standen beide Teams punktgleich an der Tabellenspitze und abermals musste ein Entscheidungsspiel auf einem neutralen Platz über den Aufstieg entscheiden. 5.000 Fans verwandelten das Leppestadion in Engelskirchen in einen wahrhaften Hexenkessel und sahen eine dramatische 0:1 Niederlage der Lindlarer. Gummersbach stieg auf, Lindlar stand mit leeren Händen da. Als kleiner Trost blieb im selben Jahr der überraschende Sieg im Kreispokal, als man das Finale gegen den Topfavoriten Bergisch Gladbach mit 2:0 gewann. Den Kreispokaltitel konnte man ein Jahr später verteidigen, der Landesliga-Aufstieg wurde erneut verpasst. In der Sommerpause hatte man seinen Kader mit erfahrenen Spielern aus dem Umkreis zwar verstärkt, stand aber am Ende der Saison hinter Aufsteiger RSV Rath-Heumar und VfL Leverkusen nur auf dem dritten Tabellenplatz.
Vor der Saison 1968/69 soll der Vorsitzende Stein dann folgende Worte an das Trainerteam der ersten Mannschaft gerichtet haben: "Wir können die Meisterschaft nicht von Ihnen verlangen, aber wir erwarten sie von Ihnen." Die Ansage schien zu fruchten und der Vorstand verpflichtete weitere namhafte Neuzugänge. Von Saisonbeginn an dominierte der TuS Lindlar die Konkurrenz und setzte sich an die Tabellenspitze, erst am 17. Spieltag gab es die erste Saisonniederlage. Bereits am 24. Spieltag konnte die vorzeitige Meisterschaft gefeiert werden, die Grün-Weißen hatten die Konkurrenz kurz und klein geschossen und standen sechs Spieltage vor Saisonende schon als Landesliga-Aufsteiger fest. Als die Meistermannschaft vom vorentscheidenden Auswärtsspiel in Hennef nach Lindlar zurückkehrte, wurde sie von hunderten euphorisch feiernden Fans empfangen. Der ortseigene Musikverein spielte, der Bürgermeister überreichte den Spielern Blumen. Ein Dorf im Ausnahmezustand, aber das war erst der Anfang.
Vor Beginn der Landesligasaison 1969/70 verließ zwar der Aufstiegstrainer Gerhard Happ den TuS, wurde aber durch den ehemaligen türkischen FC Köln Spieler Coskun Tas würdevoll ersetzt. Tas brachte von seinem ehemaligen Verein Viktoria Köln noch spielerische Verstärkung mit und auch anderweitig wurde der Kader punktuell verbessert. Der Mannschaftsstamm blieb aber weitestgehend erhalten, nur einen Abgang gab es zu verkraften. Die Ziele wurden klein gehalten, der viertletzte Tabellenplatz und der damit verbundene Klassenerhalt wären schon ein Erfolg. Es kam anders. Die Saison begann mit einem 1:2 Auswärtssieg beim SC West Köln und als man am 2. Spieltag das erste Heimspiel an der Kölner Straße mit 3:2 gegen Porz gewann, standen die Grün-Weißen an der Tabellenspitze der Landesliga. Zum Ende einer respektablen Hinrunde lag der TuS auf Tabellenplatz fünf und hatte direkten Anschluss an die Spitzengruppe. Als die Rückrunde mit einem 5:0 Heimsieg gegen den SC West begann, titelte die regionale Presse bereits ein wenig übermütig: "Der Weg zur Meisterschaft führt über den TuS Lindlar." Die Zuschauerzahlen explodierten daraufhin auf dem Sportplatz an der Kölner Straße, bei jedem Heimspiel waren über 1000 Zuschauer live vor Ort und sahen einen wie entfesselt spielenden TuS Lindlar. Am vorletzten Spieltag kam es zum großen Spitzenspiel gegen den SC Pulheim. 500 Lindlarer begleiteten ihre Mannschaft zum Auswärtsspiel der beiden punktgleichen Tabellenführer. Insgesamt sahen 2.500 Zuschauer eines der dramatischsten Spiele der Lindlarer Fußballgeschichte. Als der Schiedsrichter das Spiel abpfiff, stand auf seinem Notizzettel ein 2:2. Meisterschaftsentscheidung vertagt, auch am letzten Spieltag gewannen beide Mannschaften ihre Spiele, sodass beide nach 30 Spielen punktgleich die Tabelle anführten und wieder ein Entscheidungsspiel auf neutralem Platz die Dinge klären musste. Für den TuS bereits das dritte Entscheidungsspiel der Vereinsgeschichte, die ersten beiden Möglichkeiten hatte man verloren. Kein gutes Vorzeichen? Lindlar machte jedenfalls mobil für das große Spiel am 7. Juni 1970 in der Radrennbahn des Müngersdorfer Stadions. Am selben Tag spielte die Deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Mexiko ein Vorrundenspiel gegen Bulgarien, was in Lindlar vollkommen zur Nebensache geriet. Eine schier endlose Reihe von PKWs und Sonderbussen machte sich aus dem Oberbergischen an diesem Tag auf den Weg nach Köln. Der Vorsitzende Stein soll so im Bann dieses Spieles gewesen sein, dass er auf der Hälfte der Fahrt nach Müngersdorf entsetzt feststellen musste, dass er seine Frau in Lindlar vergessen hatte. Laut Vereinschronik soll es seine Frau aber auf anderem Wege noch rechtzeitig ins Stadion geschafft haben und war eine von 4.500 Zuschauern, welche den TuS in untypischen rot-weißen Trikots spielen sahen. Nach 90 Minuten stürmte dann der Lindlarer Anhang das Spielfeld. 2:1 gewonnen, Meister und Verbandsliga-Aufsteiger. Der TuS Lindlar durchlebte ein echtes Fußballmärchen. Die anschließenden Feierlichkeiten im Ortskern überboten alles bisher dagewesene. Die gesamte Gemeinde begrüßte seine Aufstiegshelden mit Freibier, Musik und Feuerwerk. Lindlar war eine echte Fußballstadt geworden. Die Spieler wurden gebührend gefeiert und erhielten vom Vorstand ein Geldgeschenk sowie eine Plakette als Erinnerung an eine unvergessliche Saison. Auch das Lindlarer Publikum wurde für seine Unterstützung belohnt, zum Abschluss der Saison kam der israelische Top-Verein Maccabi Haifa zu einem Freundschaftsspiel an die Kölner Straße. Drei Spieler des Kaders hatte zuletzt noch bei der WM in der isarelischen Nationalmannschaft gespielt. 1000 Zuschauer sahen auch hier einen 3:2 Sieg der Heimmanschaft aus Lindlar.
Vor Beginn der ersten Verbandsligasaison holte man Gerhard Happ in den Trainerposten zurück, da Tas zum VfL Engelskirchen abgewandert war. Zu Erinnerung, Happ hatte den TuS zwei Jahre zuvor in die Landesliga geführt, war also ein alter Bekannter an der Kölner Straße. Am ersten Spieltag sahen 1.100 Zuschauer ein 1:1 gegen den FC Spich, ein zufriedenstellender Start in das Abenteuer Verbandsliga, hielt man die Erwartungen doch recht niedrig und gab nur den Klassenerhalt als Saisonziel aus. Die Verbandliga war damals, die 2. Bundesliga war noch gar nicht gegründet, die dritthöchste Spielklasse und man bekam es mit starken Gegnern aus dem Landkreis zu tun. Am 2. Spieltag erfuhr man mit einer 6:0 Niederlagen bei den Amateuren des 1. FC Köln, dass es keine leichte Saison werden würde. Doch man gewöhnte sich schnell an das erhöhte Spielniveau und fuhr die ersten Siege ein und stand am Ende der Hinrunde auf einem beruhigenden siebten Tabellenplatz. Der Grundstein zum Klassenerhalt, in der Rückrunde fiel man zwar auf den zwölften Platz zurück, hielt aber mit einem Torverhältnis von 44:44 souverän die Klasse. Höhepunkt der Saison war das Heimspiel gegen den späteren Deutschen Amateurmeister SC Jülich, welches 2.500 Fans an der Kölner Straße verfolgten und damit einen ersten Zuschauerrekord in Lindlar aufstellten.
Im zweiten Verbandsliga Jahr kam es zunächst wieder zu einem Trainerwechsel, Happ hatte den Verein erneut verlassen und wurde durch Bubi Becks ersetzt. Außerdem wurde die Mannschaft verstärkt und hatte erstmals mit einem Engländer und einem Tunesier auch zwei ausländische Spieler in seinen Reihen. Die zweite Saison gestaltete sich aber deutlich schwieriger als die erste und schnell geriet der TuS in den Abstiegsstrudel und als man Becks in der Rückrunde durch Rückkehrer Coskun Tas ersetzte war, der Zug bereits abgefahren. Die Grün-Weißen stiegen ab und mussten zur Saison 1972/73 wieder zurück in die Landesliga. Was blieb, waren Erinnerungen, Highlight der Saison war der 3:1 Heimsieg vor 1.500 Zuschauern gegen den späteren Meister Bonner SC.
Tas, der im übrigen 1959 erster türkischer Spieler des 1. FC Köln war, ging den Schritt mit seiner Mannschaft zurück in die Landesliga. Der Kader hatte mit Aderlass zu kämpfen, da einige Spieler nach den Verbandsligajahren zu höherklassigen Vereinen wechseln konnten. Trotzdem blieb die schnelle Rückkehr in die Verbandsliga das ausgerufene Ziel, welches mit Rang vier in der Abschlusstabelle aber verpasst wurde. In der darauf folgenden Saison 1973/74 verlor man das Ziel Wiederaufstieg schnell aus den Augen. Der türkische Trainer trat nach neun Spieltagen freiwillig zurück und wurde mit Gerd Burckhardt durch einen ehemaligen Trainer des Bonner SC ersetzt. Für ihn galt es aber nur noch, den Schaden zu begrenzen und bereits an die Wand gemalte Schreckensszenarien abzuwenden. Diesen Job erfüllte der Trainer zusammen mit seinem Team und der TuS stand zum Saisonende immerhin im gesicherten Mittelfeld. Die Wege von Burckhardt und den Grün-Weißen trennten sich trotz erfolgreicher Zusammenarbeit zum Saisonende wieder. Die Nachfolge trat mit Gero Bisanz ein ehemaliger Trainer von Bayer 04 Leverkusen an, dieser war mit der Werkself ein Jahr zuvor aus der Regionalliga abgestiegen und wurde daraufhin freigestellt. Mit dem TuS Lindlar ging der spätere Nationaltrainer der Deutschen Frauen nun in die Jubiläumssaison 1974/75, der TuS feierte sein 50. jähriges Bestehen und wollte jenes mit der Rückkehr in die Verbandsliga krönen. Tatsächlich etablierte man sich von Saisonbeginn an der Tabellenspitze und bot sich einen Dreikampf mit der SSG 09 Bergisch Gladbach und FSV Gebäudereiniger Köln Lindenthal. Die Kölner sicherten sich punktgleich vor Lindlar und Bergisch Gladbach, die Herbstmeisterschaft. In der Rückrunde bot sich dann aber ein anderes Bild. Die SSG und die Gebäudereiniger brachen ein und fielen zurück, derweil hatte sich der VfL Gummersbach aber ins Rampenlicht gespielt und lag einen Spieltag vor Schluss nur noch einen Punkt hinter der Lindlarer Elf. Der TuS hatte es also in der eigenen Hand und musste nur einen Auswärtssieg bei Alemannia Bonn einfahren. Mit großem Fananhang ging es in Richtung Landeshauptstadt. Die Lindlarer Fans verwandelten den Bonner Nordpark in ein Grün-Weißes Fahnenmeer und sorgten für Heimspielstimmung. So stand nach 90 Minuten ein verdienter 0:3 Auswärtssieg auf der Anzeigetafel und der TuS war erneut Verbandsligist. Im Ortskern von Lindlar verbreitete ein Lautsprecherwagen die frohe Kunde des Aufstieges. Entsprechend frenetisch wurden die Meister bei ihrer Rückkehr empfangen, wildfremde Leute lagen sich vor der heimischen Sportstätte in den Armen und feierten ihre Aufstiegshelden. Später wurden die Akteure in Begleitung eines Fackelzuges in offenen Jeeps durch den Ortskern gefahren, die Nacht wurde in Lindlar zum Tag gemacht. Unvergessliche Momente für die Gemeinde.
Die Jubiläumssaison bestritt der TuS Lindlar auch mit einem Trikotsponsor, ein lokaler Reiseveranstalter zierte die Brust der grün-weißen Trikots. Damit hatte Lindlar, nur ein Jahr nach dem Eintracht Braunschweig als erster deutscher Fußballverein mit Trikotwerbung (eine umstrittene Jägermeister Kampagne) aufgelaufen war, die Zeichen der Zeit erkannt und dürfte einer der ersten Deutschen Amateurklubs mit Trikotwerbung gewesen sein. Umso erstaunlicher die Tatsache, dass der TuS zu diesem Zeitpunkt an der Kölner Straße immer noch auf einem Ascheplatz spielte. Zum Problem wurde dies spätestens mit der Verbandsligarückkehr zur Saison 1975/76. Die Fußballabteilung des TuS stellte mittlerweile 15 Mannschaft, neben den drei Seniorenmannschaften auch eine Damen-Elf, zehn Jugendteams und die Alt-Herren Mannschaft. Allesamt trugen sie ihre Heimspiele auf dem Sportplatz an der Kölner Straße aus, entsprechend sahen die Platzverhältnisse aus. So wunderte es wenig, dass die Gegner in der Verbandsliga eine gewisse Antipathie gegenüber den Lindlarern entwickelten. Alle anderen Vereine verfügten über gepflegte Rasenplätze, nur im Oberbergischen mussten sie auf dem verschrienen Acker spielen. Im Fußballverband Mittelrhein war der TuS ab 1976 sogar der einzige Verein ohne Rasenplatz. Die Gemeindeverwaltung stellte schon länger einen eigenen Rasenplatz in Verbindung mit dem Bau eines neuen Schulzentrums in Aussicht, das hierfür benötigte Genehmigungsverfahren verschob sich aber immer wieder. Mitte 1978 waren dann endlich alle Anträge ausgefüllt und es konnte mit dem Bau des neuen Rasenplatzes begonnen werden. In direkter Nachbarschaft zum Ascheplatz entstand das mit 360.000 DM veranschlagte Großprojekt. Zuschüsse hierfür gab es vom damaligen Regierungspräsidenten, dem Kreis und der Gemeinde Lindlar. 35.000 DM steuerte der TuS selber bei und in guter alter Vereinstradition packten die Mitglieder bei der Bauphase selbst mit an. Trotzdem reichten die veranschlagten Baukosten nicht aus und die Gemeinde stellte weitere 141.000 DM zur Verfügung, wodurch die gesamten Baukosten am Ende rund eine halbe Millionen Deutsche Mark betrugen. Die Anstrengungen hatte sich gelohnt, denn am 23. April 1980 wurde der neue Rasenplatz in Lindlar eingeweiht. Zum Eröffnungsspiel kam der 1. FC Köln ins Oberbergische und gewann das Freundschaftsspiel gegen die grün-weißen Lindlarer mit 7:0. 4000 Zuschauer säumten den neuen Sportplatz um die Kölner Bundesligastars zu sehen, auf dem Platz standen unter anderem Toni Schumacher, Tony Woodcock und Pierre Littbarski.

Der Rasenplatz an der Kölner Straße
wurde mit einem Spiel gegen den 1. FC Köln eröffnet

Sportlich war der TuS Lindlar gerade dabei, sich als Verbandsligist zu etablieren. 1977 ging es zwar für eine Saison zurück in die Landesliga, man schaffte allerdings die sofortige Rückkehr in die Verbandsliga. Diese war nach Einführung der Oberliga mittlerweile aber nur noch die vierthöchste Spielklasse. In der Aufstiegssaison hatte Rainer Weinem den TuS als Spielertrainer übernommen und führte diese Tätigkeit auch in den beiden darauf folgenden Spielzeiten durch. In der Saison 1979/80 kam es dann aber zum Bruch zwischen Weinem und dem TuS Lindlar. Die Hinrunde der Verbandsliga Saison stand kurz vor dem Ende und Lindlar fand sich auf einem gesicherten Mittelfeldplatz wieder, als Weinem völlig unerwartet seinen Posten kündigte und ohne Vorankündigung zum Ligakonkurenten Bergisch Gladbach 09 wechselte. Der größte Skandal der Vereinsgeschichte wird in der Chronik zum 75. jährigen Bestehen noch einmal besonders gewürdigt. Eine Woche nach seinem Wechsel kehrte Weinem bereits mit seinem neuen Verein nach Lindlar zurück und entsprechend aufgeheizt war die Stimmung im Ort. Eine Hundertschaft der Polizei war vorsichtshalber im Einsatz, um befürchtete Ausschreitungen zu verhindern. Das Spiel endete vor rund 1000 Zuschauern mit 3:3 und ging auf und neben dem Platz ohne besondere Vorkommnisse zu Ende. Am Ende der Spielzeit hielt Lindlar mit dem neuen jugoslawischen Trainer Vlado Dekic auf einem gesicherten Mittelfeldplatz die Klasse, während Bergisch Gladbach mit Trainer Weinem als Tabellenletzter abstieg, was die Lindlarer in ihrer Chronik noch einmal hämisch hervorheben.
Die nächsten Spielzeiten verliefen ruhiger im beschaulichen Lindlar, der TuS landete grundsätzlich im Mittelfeld der Verbandsligatabelle und wurde fester Bestandteil der Liga. Für das fußballerische Highlight in dieser Zeit sorgte am 29. April 1982 ein Länderspiel der Deutschen B-Jugend-Nationalmannschaft gegen den Nachwuchs der UdSSR auf dem Rasenplatz an der Kölner Straße. 3.500 Zuschauer sahen eine 0:1 Niederlage der Deutschen Mannschaft, welche von Berti Vogts trainiert wurde. Von den Deutschen Nachwuchskickern die damals in Lindlar auf dem Platz standen, schaffte später niemand den großen Durchbruch. Einzig Bernhard Trares gelang immerhin als Spieler eine Bundesligakarriere, zuletzt war er kurzzeitig Trainer in der 2. Bundesliga bei den Würzburger Kickers.
Am Ende der Saison 1982/83 ging es für den TuS Lindlar dann zurück in die Landesliga, beim damaligen Abstieg ahnte wohl noch niemand, dass man drei Jahre später den größten Erfolg der Vereinsgeschichte feiern würde. Die folgende Landesliga-Saison dominierte man von Saisonbeginn an und kehrte zurück in die Verbandsliga, nachdem man die Saison 1984/85 als sechster beenden konnte, ging die darauf folgende Spielzeit in die Geschichtsbücher des Lindlarer-Fußballs ein. Der TuS sollte Verbandsligameister werden und dadurch den Aufstieg in die Oberliga-Nordrhein schaffen, der höchsten Deutschen Amateurliga direkt unterhalb der 2. Bundesliga. Das ganze natürlich mit ganz viel Drama, man hatte die Gegner zu Saisonbeginn dominiert und zog in der Tabelle dem Rest schnell davon. Zum Saisonfinale wurden die Knie aber wackelig und von hinten schloss mit dem SV Baesweiler ein Konkurrent wieder auf. Vor dem letzten Spieltag hatten die Grün-Weißen nur noch einen Punkt Vorsprung, hatten den Aufstieg so weiter in der eigenen Hand. Ein Heimsieg gegen den FC Düren-Niederau sollte reichen, um den Meistertitel perfekt zu machen. Die Lindlarer Elf, welche seit 1983 von Karl Ernst Helmus trainiert wurde, machte sich und ihre Fans froh. 3.000 Zuschauer waren gekommen und sahen wie die Grün-Weißen schnell 4:0 in Führung gingen und alle Weichen auf Aufstieg stellten. Als der Schiedsrichter nach 90 Minuten abpfiff, stand es 5:1 und der 25. Mai 1986 war offiziell der Tag, an dem der TuS Lindlar in die Oberliga aufstieg. Sie waren damit der erste Verein aus dem damaligen Fußballkreis Rhein-Berg (heute: Berg), welcher in der 1978 gegründeten drittklassigen Liga antreten durfte.
Was nun folgte war eine Saison, die man in Lindlar hauptsächlich genießen wollte, der Sprung in die Oberliga war aus finanzieller- und sportlicher Sicht ein großer. Man traf nun beispielsweise auf die ehemaligen Bundesligisten MSV Duisburg und den Wuppertaler SV, der heutige 1. Vorsitzende und damalige Geschäftsführer Wolfgang Waldheim stand vor der schwierigen Aufgabe, einen konkurrenzfähigen Kader aufzustellen. Nach dem Aufstieg hatte er in einem Interview mit der lokalen Presse versprochen, der Lindlarer Linie treu zu bleiben und nun keine ausrangierten Ex-Profis zu verpflichten. Man wolle weiterhin Spielern aus der Region die Möglichkeit bieten, sich im halbprofessionellen Fußball unter Beweis zu stellen. Mit Siegfried Hoffstadt gehörte auch ein Spieler zum Oberliga-Kader, welcher alle Jugendabteilungen des TuS Lindlar durchlaufen hatte. Bevor die Saison los ging, waren noch einige Umbauarbeiten auf dem Sportplatz nötig, unter anderem musste ein zusätzlicher Eingangsbereich installiert werden, um so die erwarteten Zuschauermengen bei den Topspielen besser auffangen zu können. Die Modernisierungskosten konnte der TuS Lindlar durch die Unterstützung seines weiterhin vorhandenen großen Sponsorenkreises stemmen. Die Vorfreude war groß, als es endlich los ging und am 10. August 1986 erstmals eine Lindlarer Elf ein Oberligaspiel bestritt. Es ging auswärts gegen die Mitaufsteiger vom VfB Langenfeld und nach der 3:0 Niederlage wusste jeder in Lindlar, dass es eine ganze schwere Spielzeit werden würde. Zum ersten Oberliga-Heimspiel an der Kölner Straße empfing man am 2. Spieltag den 1. FC Bocholt und feierte vor 1.700 Zuschauern den ersten Punktgewinn beim 1:1 unentschieden. Es folgte eine Reihe von klaren Niederlagen, beim Bonner SC ging man mit 7:1 fast schon unter und auch Schwarz-Weiss-Essen dominierte in Lindlar klar und gewann im Oberbergischen mit 0:3. Im Heimspiel gegen den Wuppertaler SV hielt man lange mit und stand am Ende nach einer 1:2 Niederlage doch wieder mit leeren Händen da. Am 8. Spieltag wurde dann endlich der erste Sieg verbucht, den FC Viersen besiegte man zu Hause mit 3:2 und eine Woche später fuhr man gegen die Amateure von Bayer 04 Leverkusen gleich den nächsten doppelten Punktegewinn (damals galt noch die 2-Punkte Regel) ein. Als am 10. Spieltag gegen VfL Rhede ein unentschieden und das dritte Spiel in Folge ohne Niederlage gelang, sahen viele die Grünen-Weißen endlich in der Oberliga angekommen. Eine darauf folgende Serie von sechs Niederlagen in Folge, unter anderem ein 8:1 beim späteren Meister BVL 08 Remscheid und ein 3:0 vor 10.000 Zuschauern im Wedaustadion gegen den MSV Duisburg, machten alle Hoffnungen auf einen möglichen Klassenerhalt bereits früh zunichte. In der Rückrunde konnte man den Bonner SC mit 1:0 an der Kölner Straße schlagen, ein weiterer Sieg gegen Rhede und ein Erfolg gegen den FV Bad Honnef waren schlussendlich aber deutlich zu wenig. Der 17. und vorletzte Tabellenplatz (siehe Abschlusstabelle rechts) bedeutete die Rückkehr in die Verbandsliga. Bereut hat die Oberliga-Saison in Lindlar trotz des mäßigen Erfolges aber niemand, der Verein schmückt sich in seinen Annalen bis heute mit dieser einen Spielzeit in Deutschlands höchster Amateurliga. Die Oberliga-Mannschaft brach nach dem Abstieg auseinander, die Leistungsträger verließen den Verein, um weiterhin höherklassigen Fußball zu spielen. Stürmer Erik Wagner bekam beispielsweise einen Vertrag bei Alemania Aachen in der 2. Bundesliga.
Neben dem TuS-Eigengewächs Siegfried Hoffstadt, gehörte mit Klaus Winterberg noch ein weiterer Lindlarer zum Oberliga Kader seiner Heimatgemeinde. Winterberg wurde vom SV Frielingsdorf ausgebildet und wechselte zur Saison 1979/80 in die erste Mannschaft des TuS. In einem persönlichen Gespräch erinnert sich der heute 65jährige an seine Zeit beim TuS Lindlar. Sein Wechsel von Frielingsdorf zum Stadtrivalen kam zunächst mit dem Hintergedanken zustande, einen Profivertrag beim damaligen Zweitligisten Union Solingen zu ergattern. Ein Nachbar kannte den damaligen Solinger Trainer Horst Franz und legte diesem den Spieler Klaus Winterberg ans Herz. "Ich war insgesamt sechs mal beim Probetraining in Solingen", sagt Winterberg, und auch mit seinem  Hauptarbeitgeber war bereits alles für den Fall der Fälle geklärt. Der Profivertrag blieb ihm aber verwehrt, so dass sich Winterberg dann für den Wechsel von Frielingsdorf zum höherklassigen TuS Lindlar entschied, um dort mit guten Leistungen weiter auf sich aufmerksam zu machen. In seinem Heimatort Frielingsdorf wurde ihm der Wechsel zum Rivalen übel genommen, "der damalige Vorsitzende vom SV Frielingsdorf sprach 10 Jahre kein Wort mehr mit mir und der ortsansässige Metzger wollte mich nicht mehr bedienen." Aus dem erhofften Profivertrag wurde aber nichts, Frielingsdorf verlangte für damalige Zeiten eine hohe Ablösesumme für ihren ehemaligen Spieler, welche vom TuS nicht bezahlt wurde und eine dreimonatige Sperre für Winterberg nach sich zog. Als er endlich einsatzbereit war, wurde er von einem Leistenbruch erneut ausgebremst und der angestrebte Wechsel nach Solingen musste so schnell abgehackt werden. Winterberg blieb dem TuS in den folgenden Spielzeiten treu und erlebte die erfolgreichste Zeit des Vereins hautnah mit. "Wir waren eine super Truppe damals", erinnert sich der damalige Libero, auch der Abstieg in die Landesliga am Ende der Saison 1982/83 ist für Winterberg keine negative Anekdote. "Die Mannschaft blieb zusammen und bestand hauptsächlich aus Lindlarer Spielern, das war eine super Zeit, wir waren ein echtes Team." Am Oberliga-Aufstieg hatte Winterberg entscheidenden Anteil und wurde von der Bergisches Landeszeitung sogar als "Spieler des Jahres 1985/86" ausgezeichnet. "Meine Freistöße waren damals gefürchtet, die Spieler des Gegners wollten sich teilweise nicht mehr in die Mauer stellen", blickt Winterberg heute stolz auf seine aktive Zeit zurück. Nur an die Oberliga-Saison selber hat er keine guten Erinnerungen, "uns Spielern wurden vor dem Aufstieg Versprechen gegeben, die nachher nicht gehalten wurden." Am Ende der Hinrunde verließ Winterberg den TuS in Richtung SSV Marienheide. "Ich verlor ziemlich schnell meinen Stammplatz, die Neuzugänge waren einfach besser als ich", trotzdem ist er stolz ein Teil der Oberliga Mannschaft gewesen zu sein. "Für die Region war das damals der Hammer.", selbst die Leute aus Frielingsdorf, die ihm damals seinen Wechsel noch übel genommen hatten, waren nun regelmäßig beim TuS im Stadion. Sein Abschied aus Lindlar nach Marienheide verlief in beiderseitigem Einvernehmen, "ich war enttäuscht nicht mehr regelmäßig zu spielen und entschied mich deshalb für einen Wechsel". Schade findet Winterberg, dass sich die Mannschaft von damals nie wieder getroffen hat, "es war schon eine große Nummer damals, aber die Mannschaft fiel nach der Saison auseinander." Heute hat Winterberg noch sporadischen Kontakt zu einigen ehemaligen Teamkollegen, in unserem Gespräch versuchte er Peter Vollmann telefonisch zu erreichen. Der heutige Sportdirektor von Eintracht Braunschweig spielte viele Jahre an der Seite von Winterberg in Lindlar, war aber leider zu diesem Zeitpunkt nicht erreichbar. Unregelmäßig schaut sich Klaus Winterberg auch heute noch Spiele des TuS Lindlar an der Kölner Straße an und spricht dabei gerne über seine aktive Zeit. "Die schönen Sachen vergisst man nicht!"
Nach dem Oberliga-Abstieg gab es beim TuS kurzfristig gehegte Ambitionen, die sofortige Rückkehr in die Oberliga zu schaffen, diese stellten sich schnell als utopisch heraus. Stattdessen geriet der TuS in einen Abwärtsstrudel, welcher 1990 mit dem Abstieg in die Landesliga begann und drei Jahre später mit dem Gang in die Bezirksliga seinen vorläufigen Tiefpunkt fand. Die großen Lindlarer Fußballtage gehörten der Vergangenheit an, statt MSV Duisburg empfing man nun wieder Immekeppel oder Derschlag.
Das Vereinsleben ging aber wie gewohnt weiter. Zur Saison 2008/09 konnte man auf dem ehemaligen Ascheplatz einen neuen Kunstrasen einweihen und taufte die neue Spielstätte "Volksbank Parkstadion Lindlar", der Rasenplatz bleibt seit dem weitestgehend ungenutzt. Zwischen 2013 und 2016 spielte man noch einmal für drei Spielzeiten in der mittlerweile nur noch sechstklassigen Landesliga, über die Bezirksliga folgte dann zur Saison 2019/20 der bittere Gang in die Kreisliga A. Der nächste Tiefpunkt des Lindlarer Fußballs. Bis zu jenem Abstieg hatte der TuS Lindlar ununterbrochen 54 Jahre lang auf Verbandsebene gespielt, die Gegenwart sieht bitter aus. Durch die neue Flutlichtanlage ist man in Lindlar für eine hoffentlich baldige Wiederaufnahme des Spielbetriebs aber gewappnet und wird alles dafür geben zumindest wieder in die Bezirksliga zurückzukehren. Die Jahre in der drittklassigen Verbandsliga und später das eine Oberliga-Jahr, in denen die ganze Gemeinde über die Grün-Weißen redete und jedem Spiel entgegen gefiebert wurde, sind vorbei und werden aller Wahrscheinlichkeit auch nie wieder zurückkommen. Aber das Erlebte bleibt und der TuS Lindlar hat sich zumindest in den regionalen Fußballgeschichtsbüchern für immer verewigt.

Das Volksbank Parkstadion ist die aktuelle Heimat des TuS Lindlar
Der Kunstrasenplatz wurde 2008 eröffnet
Im Frühjahr 2021 bekam der Platz neue LED Flutlichtstrahler
Der Rasenplatz befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft
des Kunstrasen
Die Sportanlagen, im Hintergrund der Lindlarer Ortskern

Donnerstag, 11. Juli 2019

Zu Gast bei #01 - SC Brühl 06/45

Wenn man an die Stadt Brühl denkt kommt den meisten Menschen wohl als Erstes ein bekannter Freizeitpark in den Sinn, geschichtlich interessierte Zeitgenossen werden auch noch wissen, dass internationale Staatsgäste der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1949 und 1996 im Schloss Augustusburg von den damaligen Bundespräsidenten empfangen wurden. Das die Schlösserstadt Brühl aber auch Heimat eines über 110 Jahre alten Fußballvereins ist, haben außerhalb der Stadtgrenzen wahrscheinlich nur hartgesottene Fußballfans auf dem Schirm.
1906 wurde der erste Stammverein des heutigen Sport-Club Brühl 06/45 gegründet; um mehr über die Geschichte des Vereins zu erfahren, machte ich mich auf den Weg in den Rhein-Erft-Kreis. In einem Hinterhof in Zentrumsnähe befindet sich das Büro des 1. Vorsitzenden Joachim Tollens, ein ziemlich lockerer Mitmensch, dem seine Vereinsarbeit sichtlich Spaß macht. Schnell ist der Computer hochgefahren und eine Statistik-Tabelle geöffnet, die einen Überblick über die verschiedenen Saisonverläufe der Brühler bietet. Tollens hat den Posten des 1. Vorsitzenden seit 2016 inne, er wurde ohne Gegenstimme gewählt. "Ich war nicht schnell genug auf den Bäumen", sagt er selber über seine Wahl. Erst am 12.7.2004 wurde Tollens Vereinsmitglied, am Tag seines Vereinseintritts gab es eine Mitgliederversammlung auf welcher er gleich zum Schatzmeister gewählt wurde. Zuvor hatte der 1957 geborene Tollens mit dem Verein seiner Heimatstadt, wie er selbst sagt, "nichts am Hut." Ein Freund hatte ihn 2004 angesprochen und ihn darüber informiert, dass der Verein neue helfende Hände nötig hätte. Der spätere 1. Vorsitzende dachte dabei an kleine Helferdienste wie Bierbänke an Spieltagen auf- und wieder abbauen, stattdessen kam dann aber die schnelle Wahl in den Vorstand. Tollens bekleidete den Posten des Schatzmeisters anfänglich ein wenig ungewollt, rasch identifizierte er sich aber mit seinem Verein und stieg in der Vorstandshierarchie 2009 zunächst in den Posten des 2. Vorsitzenden auf, bevor er am 9.10.2014 das Amt des 1. Vorsitzenden auf Grund des Rücktritts seines Vorgängers Kurt Schallehn zunächst kommissarisch übernahm und seit 12.4.2016 das gewählte Oberhaupt des Vereins ist.
Die Geschichte des Fußballs in Brühl begann lange vor der Zeit von Tollens; 1906 kam es zur Gründung des ersten Fußballvereins auf Brühler Stadtgebiet. Unter dem Namen "Brühler SV 06" schaffte man nach dem Ersten Weltkrieg den zwischenzeitlichen Aufstieg in die damals zweitklassige Bezirksliga, nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrten die Brühler in diese Spielkasse noch einmal zurück. Nach einigen Abstiegen kam es dann im Jahr 1960 zur ersten Fusion zweier Brühler Vereine, der "Brühler SV" vereinigte sich mit dem 1945 gegründeten "Brühler BC" zum "SC Brühl 06/45", die Jahreszahlen erinnern an die Gründung der beiden Stammvereine. Der Klub spielte seitdem erstmals unter dem noch heute gebräuchlichen Vereinsnamen und die Jahre nach der Fusion sollten die erfolgreichsten in der Brühler-Fußballgeschichte werden. Die in blau-gelb spielenden Brühler stiegen innerhalb kürzester Zeit von der Bezirksliga in die drittklassige Verbandsliga Mittelrhein auf. Wenn es nach dem damaligen 1. Vorsitzenden Robert Ehl gegangen wäre, sollte dies noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Ehl träumte sogar von Bundesliga-Fußball in der damals 42.000 Einwohner (heute 44.000) großen Stadt. In der Saison 1974/75 spielten die Schlossstädter dann tatsächlich eine Hauptrolle im Kampf um den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Der SCB duellierte sich damals mit Bayer 04 Leverkusen um den Meistertitel der Verbandsliga und die damit verbundene Qualifikation zur Aufstiegsrunde für die 2. Liga. Co-Trainer der Brühler war damals ein gewisser Reiner Calmund, der in seiner Geburtsstadt nach einer kurzen Spieler- und Jugendtrainer Karriere bei der
Joachim Tollens und Heiner Gillmeister
im Schlossparkstadion
Spielvereinigung Frechen 1920 nun in Brühl erste ernsthafte Spuren in der Fußballwelt hinterließ, bevor er Jahre später beim damaligen Konkurrenten Leverkusen zur Legende wurde. Das entscheidende Spiel um den Meistertitel verlor der SC Brühl damals im Leverkusener "Ulrich-Haberland-Stadion" mit 2:1. Im Buch "Fußball im Kölner Land" über die Vereinsgeschichte der Brühler beschreibt Autor Heiner Gillmeister chaotische Szenen die sich auf und neben dem Platz abspielten. Die Brühler Ersatzbank wurde von Bayer-Anhängern mit Steinen beworfen und mit Stöcken attackiert, die Spieler wurden unter Polizeischutz in die Kabine gebracht. Die Brühler konnten deshalb ihr Wechselkontingent nicht voll ausschöpfen, in der siebten Minute der Nachspielzeit landete dann ein Weitschuss von der Mittelfeldlinie im Brühler Tor und ebnete der heutigen Werkself den Weg in die 2. Bundesliga. Für den SC Brühl blieb der Vizetitel und die damit verbundene Qualifikation zur Deutschen Amateur-Meisterschaft. Im einzigen überregionalen Pflichtspiel der SCB-Geschichte bekam man Viktoria Hamburg zugelost, das Hinspiel im heimischen Schlossparkstadion gewann man mit 3:2 vor 3.600 Zuschauern. Eine gute Quote für die Brühler, während der Ligaspiele kamen im Schnitt 1.500 Menschen ins Stadion. Zum Rückspiel nach Hamburg begleiteten dann nur eine handvoll Brühler ihre Mannschaft und sahen eine deutliche 4:0 Niederlage und das vorzeitige Ausscheiden aus der Deutschen Amateur-Meisterschaft. Das war der Startpunkt eines kontinuierlichen Abstiegs der Brühler Mannschaft, in die Nähe des Aufstiegs in den Profi-Fußball kam man nie wieder, stattdessen musste man nur drei Jahre nach der Vizemeisterschaft den Abstieg in die Landesliga verschmerzen. Da parallel die Oberliga Nordrhein gegründet wurde, waren die Brühler auf einen Schlag nur noch fünftklassig. Der ungewollte Doppelabstieg war ein Ergebnis langjähriger Misswirtschaft, mit ihren angestrebten Ambitionen hatte man sich in Brühl finanziell übernommen und der komplette Vorstand trat infolgedessen zurück. So mussten in den folgenden Jahren wieder kleinere Brötchen gebacken werden und wenig später folgte sogar der Gang in die Bezirksklasse, hier hatte man erstmals einen direkten Konkurrenten aus dem Stadtgebiet. Die Renault Deutschland AG ist einer der größten Arbeitergeber der Stadt, hat seit 1959 ihren Firmensitz in Brühl und gründete eine Betriebssportmannschaft, aus der 1977 der FC Renault Brühl entstand. Der Autobauer pushte sein Werksteam mit einem ordentlichen Budget, was den schnellen Aufstieg in die Bezirksliga zufolge hatte. Der neue Klub lief dem Traditionsverein den Rang ab, stand am Ende der Saison 1987/88 vor dem SCB in der Tabelle und war kurzfristig die neue Nummer eins im Stadtgebiet. Ein Jahr später stellte man die Weichen wieder gerade und sah die Renault Leute sogar aus der Liga absteigen. Die Stadtrivalität ging in der Saison 1990/91 aber in nächste Runde und wurde nicht nur auf dem Platz ausgetragen. Das Renault Team machte sich beim SC Brühl mit den Worten "Bei uns spielen die Brühler Jungen", nicht gerade beliebt. Die Aussage war ein bewusster Seitenhieb gegen den SCB, welcher seine Mannschaft seit Jahren hauptsächlich mit Spielern aus dem Umland bestückte. Angesichts dieser Worte ist es doch erstaunlich, dass sich 1994 beide Vereine zusammentaten und aus dem SC Brühl 06/45 der SC Renault Brühl wurde. Offiziell ließ man verlauten, dass durch die Fusion vor allem der Brühler Nachwuchs gestärkt werden solle. Als offenes Geheimnis galt aber, dass die Renault-Vorstandsetage höherklassigen Fußball in Brühl sehen wollte und den "neuen" Verein weiter mit großen Geldbeträgen unterstützte. Dies zeigte Erfolg, man schaffte zunächst den Sprung in die Landesliga und kehrte 1997 in die mittlerweile nur noch fünftklassige Verbandsliga zurück. Hier traf man mit Blau-Weiss Brühl später auch auf einen neuen Gegner aus dem Stadtgebiet. Die Blau-Weißen hatten einen gewaltigen Aufstieg hinter sich und schafften unter anderem durch den Sieg des Mittelrheinpokals im Jahr 2001 die Qualifikation für die Hauptrunde des DFB Pokal. Das Spiel von Blau-Weiß Brühl gegen den 1. FC Kaiserslautern darf getrost als wichtigstes Fußballspiel auf Brühler Stadtgebiet bezeichnet werden. Genauso schnell wie der Aufstieg folgte aber auch der Fall von Blau-Weiß, nach zwei Jahren in der Verbandsliga verschwand man wieder in den Niederungen der untersten Amateur-Ligen und löste sich 2009 auf. Der SC Renault Brühl hatte diese kleine Städterivalität als Sieger beendet. Die Bestrebungen von Sponsor und Namensgeber Renault sahen vor, dass die Gelb-Blauen von der Verbandsliga weiter bis in die drittklassige Regionalliga aufsteigen sollten, ein unrealistisches Unterfangen wie später auch der Sponsor zugeben musste und die finanzielle Unterstützung daraufhin stark zurückfuhr. Die Folge war der direkte Abstieg aus der Verbandsliga zum 100-jährigen Vereinsbestehen im Jahr 2006. Als man zwei Jahre später wieder den Aufstieg schaffte, entschloss man sich Renault aus seinem Teamnamen zu streichen, mit der Hoffnung so für neue Sponsoren interessanter zu werden. Der damalige Brühler Bürgermeister und Vereinsmitglied Michael Kreuzberg führte kurze Verhandlungen mit dem Autokonzern, so kehrte der Verein zu seinem alten Namen zurück und heißt nun wieder "SC Brühl 06/45". Als Trikotsponsor blieb Renault dem Team noch bis Oktober 2017 erhalten, das komplette Sponsoring der Renault AG lief im Juni 2018 aus. Seit der Saison 2015/16 ist der SC Brühl wieder Teil des Landesliga und wechselt hier als eines der "Grenzteams" in unregelmäßigen Abständen die Staffel. Nach zwei Jahren in der Kölner Staffel, ist man zu Beginn der neuen Saison 2019/20 wieder Teil der Aachener Gruppe im Westen des Fußballverbandes Mittelrhein.
Nachdem wir im Büro von Joachim Tollens das detaillierte Gespräch über die Vereinsgeschichte abgeschlossen hatten, folgte ein kurzer Fußweg in die Heimspielstätte der Brühler. Das Schlossparkstadion ist Teil des Schloss Augustusburg, quasi mit Eröffnung der Spielstätte im Jahr 1953 ist der SCB hier Hausherr. Die vorherigen Plätze an der Liblarer- und Vochemer Straße sind heute nicht mehr vorhanden, erzählt Tollens. Bis 1994 war die Stadt Brühl nur Pächter des Schlossparkstadions, dann kaufte man dem Land NRW die Spielstätte für 1,2 Millionen D-Mark ab. Vorgabe des vorherigen Eigentümers war, dass die Spielstätte ausschließlich als reine Sportanlage genutzt werden darf und auch eine Änderung des Gesamterscheinungsbildes dürfe es nicht geben, da der gesamte Schlosspark seit 1984
Lukas Podolski und der 1. FC Köln
sind gern gesehene Gäste in Brühl
Foto: Vereinsarchiv
zu den UNESCO-Welterbestätten zählt. Als das Schlossparkstadion zwischen 2008 und 2009 grundsaniert wurde, geschah dies in enger Absprache mit der Denkmalschutzbehörde. Tollens weiß noch wie der Antrag auf eine blaue Tartanbahn abgelehnt wurde und auch die neue Flutlichtanlage nur eine bestimmte Höhe haben durfte. Mit welchem Spiel das Stadion 1953 eröffnet wurde ist nicht 100% überliefert, die Stadt Brühl spricht auf ihrer Homepage von einem Spiel des 1. FC Köln gegen eine Brühler Stadtauswahl, die Statistik-Sammlung in Tollens Büro wiederspricht dieser Behauptung allerdings. Sicher überliefert sind aber zahlreiche Testspiele, welche der 1. FC Köln über die Jahre in Brühl absolvierte. 2004 schoss hier ein junger Lukas Podolski unter anderem ein Tor für die Kölner. Tollens erinnert sich gerne an das kurzfristig angesetzte Testspiel 2012, als der FC händeringend nach einem Gegner suchte und eine Anfrage nach Brühl schickte, keine zwei Wochen später standen die Geißböcke im Schlossparkstadion auf dem Rasen. Der damalige Kölner Trainer Holger Stanislawski nach dem Spiel auf die Frage wie er den SC Brühl gesehen hat: "Nicht schlechter als meine Mannschaft." Ihr gutes Herz zeigten der SC Brühl und der 1. FC Köln im Jahr 1993 bei einem Benefizspiel für einen Brühler Spieler, welcher einen Schlaganfall erlitten hatte, alle Einnahmen in Höhe von 19.000 D-Mark wurden dem erkrankten Spieler zur Verfügung gestellt.
Der SC Brühl ist bis heute eine große Fußball-Familie, "Spieler fühlen sich bei uns zu Hause", so Tollens und erzählt unter anderem von Lukas Rösch. Gebürtig aus Baden-Württemberg stieß Rösch 2013 aufgrund eines Studiums in Köln zum Brühler Verein und fand hier seine neue Heimat. In der Vereinsgeschichte verewigte sich Rösch spätestens 2016, als er die Vereinshymne "Schlossstädter vor!" (Klick) dichtete und gemeinsam mit Teamkollegen einsang. 2018 wechselte Rösch zum TuS Erndtebrück in die Regionalliga, bliebt seinem alten Verein aber verbunden. Als ich im Juni 2019 ein Spiel im Schlossparkstadion besuchte, stand Rösch hinter dem Grill und bereitete die Stadionwurst für seinen ehemaligen Verein zu. Laut Tollens bezeichnet sich Rösch selbst als "Brühler Jung". Sportliche Ziele werden unter dem Vorsitz von Tollens, welcher an Spieltagen im Kassenhäuschen sitzt, keine mehr ausgegeben, "das ist der Mannschaft selber überlassen" so El Presidente, wie Tollens vereinsintern genannt wird. Nur eines ist dem Vorsitzenden wichtig, die Spieler sollen Lust und Spaß am Fußball haben und damit dies auch so bleibt, macht er mit dem Team auch immer wieder kleinere Ausflüge und stärkt so den Zusammenhalt und das Teamgefühl. Abstecher wie beispielsweise zur TV-Sendung "100% Bundesliga" kommen im Team sehr gut an und unterstreichen das gute Vereinsleben, welches in Zukunft noch größer werden wird. Zur neuen Saison 2019/20 startet der SC Brühl auch mit einer zweiten Mannschaft in der Kreisliga und bietet somit neuen Spielern die Chance Teil der Geschichte des "SC Brühl 06/45" zu werden. Die Historie der Schlossstädter wird also auch in Zukunft weitergehen.


Fotoimpressionen des Brühler Schlossparkstadions, aufgenommen am 2. Juli 2019


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