Freitag, 11. Juni 2021

Zu Gast bei #02 - TuS Lindlar

Mitte April 2021 verständigten sich die Fußballverbände in Nordrhein-Westfalen darauf, die Amateur-Spielzeiten der Saison 2020/21 offiziell zu annullieren. Keine große Überraschung, rollte doch deutschlandweit seit Ende Oktober 2020 kein Ball mehr auf den Amateurplätzen im Lande. Auch das "Volksbank Parkstadion" im oberbergischen Lindlar wartet sehnsüchtig darauf, wieder Schauplatz von Fußballspielen sein zu dürfen. Der ortsansässige TuS Lindlar hat seit seiner Gründung im August 1925 schon die ein oder andere Krise überstanden und auch die Corona Pandemie scheint der Verein zu überstehen. Zumindest nutzte man nun die Zwangspause, um die heimische Spielstätte mit einer neuen modernen Flutlichtanlage auszustatten. Die alten Scheinwerfer waren 60 Jahre alt und hatten ausgedient. Nun wurden diese unter den wachsamen Augen des 1. Vorsitzenden Wolfgang Waldheim von einem lokalen Elektrounternehmen gegen 12 LED Hochleistungsstrahler ausgetauscht. Möglich gemacht wurde dieses Großprojekt auch durch Sponsoren, welche den Verein teilweise schon Jahrzehnte unterstützen und dem TuS bis heute die Treue halten. Etwa 1.100 Mitglieder hat der TuS Lindlar, neben Fußball werden auch zahlreiche weitere Sportarten praktiziert. Die Fußballabteilung ist aber das Aushängeschild des Vereins, zwar spielt die Erste Mannschaft des TuS Lindlar mittlerweile in der Kreisliga A und trifft dort sogar auf die eigene Zweitvertretung, doch näherte sich in diesem Jahr zum 35. Mal der Tag des größten Vereinserfolges. Die Saison 1985/86 beendete man als Meister der Verbandsliga Mittelrhein und sicherte sich dadurch den Aufstieg in die Oberliga Nordrhein. Die kleine Gemeinde aus Oberberg hatte plötzlich einen Fußball-Drittligisten.
Als der Verein im August 1925 gegründet wurde, spielte der Fußball zunächst überhaupt keine Rolle, vielmehr beschloss eine Wandergruppe aus der Gemeinde sich als organisierten Verein zu gründen. So entstand der "DJK Turn- und Sportverein Vorwärts Lindlar", die Gründer entschieden sich damals für die Vereinsfarben grün und weiß, welche man bis heute beibehalten hat. Die Fußballabteilung bildete sich etwa ein halbes Jahr später und bestritt am 14. März 1926 ihr Premierenspiel gegen den Lokalrivalen Frielingsdorf, welches man mit 0:1 verlor. 14 Tage später gewann die Lindlarer Elf dann ein Rückspiel mit 3:0. Beide Spiele mussten auf einem Platz im benachbarten Engelskirchen austragen werden, da den Lindlaren zu dieser Zeit noch keine geeignete Spielfläche zur Verfügung gestellt wurde. Ein Problem, welches den jungen Verein in seinen Anfangsjahren noch länger belasten sollte und das, obwohl der Fußball bei der Bevölkerung schnell auf großes Interesse stoß. Dies führte zur raschen Gründung einer zweiten Fußballmannschaft innerhalb des Vereins. Nur die Gemeindeverwaltung schien der einsetzende Fußball-Boom zunächst nicht zu interessieren, sämtliche Anfragen nach einem eigenen Sportplatz blieben unbeantwortet. In der Chronik zum 50. jährigen Vereinsjubiläum heißt es wörtlich: "Spiele mussten meist auswärts ausgetragen werden, es sei denn, ein sportbesessener Besitzer einer Kuhweide trieb seine Rindviecher in den Stall, um seine Weide in den Dienst der guten Sache zu stellen." Die ersten Heimspiele trug der damalige "DJK TuS Vorwärts" also im wahrsten Sinne des Wortes auf Ackern aus. Ein Jahr nach der Gründung fand man immerhin schon mal ein eigenes Vereinslokal, die Gaststätte "Zur Helling" existiert bis heute und stellte den Sportlern damals neben der Möglichkeit Vereinsabende abzuhalten auch Umkleide- und Waschräume zur Verfügung.

Die Gaststätte "Zur Helling" steht bis heute im Ortskern

Gleichzeitig übernahm Konrad "Lehrer" Claus den Vereinsvorstand, eine Persönlichkeit, welcher das Lindlarer Vereinsleben über Jahre prägen und nachhaltig verändern sollte. Unter seinen Anstrengungen bekam man Ende 1926 auch endlich die erste eigene Spielstätte zur Verfügung gestellt. Die Kirchengemeinde Lindlar überließ dem Verein eine Wiese im Abrahamstal, welches damit die erste feste Heimat der Lindlarer Fußballer wurde. Eröffnet wurde das neue Sportgelände mit einem erneuten Spiel gegen Frielingsdorf. Die Geschichte des TuS Lindlar im Abrahamstal war aber schnell zu Ende erzählt, die Kirchengemeinde machte noch im selben Jahr einen Rückzieher und untersagte die weitere Benutzung des gerade erst eröffneten Platzes. Der junge Verein war wieder heimatlos. Eine Tatsache, die dem Vorstand, angeführt von Lehrer Claus, zurecht Kopfschmerzen bereitete. Claus gab keine Ruhe und forderte die Gemeindeväter vehement dazu auf, die Sportplatzfrage endlich zu klären. Am 30. März stellte die Gemeinde Lindlar seinem ortsansässigen Verein dann endlich ein Gelände zur Verfügung. Die "Dicke Linde" am Ortseingang von Kemmerich sollte die neue Heimat des DJK werden. Bevor man hier aber Fußball spielen konnte, musste auf dem Gelände auch ein geeigneter Platz entstehen. Die finanziellen Mittel hierfür wurden unter anderem durch den Verkauf von Rosen auf der Dorfkirmes beschafft. Die Bevölkerung sah den Verein mittlerweile als festen Bestandteil der Gemeinde, was auch einen hohen Anstieg der Mitgliederzahlen zur Folge hatte. So konnte das Projekt "Sportplatz Dicke Linde" schnell und problemlos finanziert werden. Schon ein halbes Jahr nach der Übergabe durch die Gemeinde wurde der ausgebaute Sportplatz am 23. August 1927 natürlich mit einem Spiel gegen Frielingsdorf eröffnet. Die Partie soll mit einem gerechten 2:2 unentschieden geendet haben, einen ersten Heimsieg feierte Lindlar sechs Wochen später als eine Overather Elf mit 2:0 geschlagen werden konnte.
Die Sportplatzfrage war nun zwar geklärt, doch das nächste Problem ließ nicht lange auf sich warten. Im September 1928 kam es zum Bruch zwischen "Vorwärts Lindlar" und dem Fußballverband Aggertal, welchem der Verein bei seiner Gründung zugeteilt wurde. Nicht weiter bekannte Unstimmigkeiten sorgten für den selbst gewählten Austritt Lindlars, welchen man aber drei Wochen später widerrief, um doch noch an einer Meisterschaftsrunde in der gerade gestarteten Saison teilnehmen zu können. Der Spielleiter des Bezirks Aggertal forderte aber zunächst die Begleichung einer offenen 15 Reichsmark Geldstrafe, welche den Lindlarern vom Verband auferlegt wurde. Diese scheinbar kleine Summe, führte zum kompletten Bruch und der Lindlarer Fußball schwebte kurzzeitig in der Luft. Im März 1929 fand man dann im Gau Oberberg eine neue sportliche Heimat, den Wechsel des Bezirks nahm man gleichzeitig auch zum Anlass das "DJK Vorwärts" aus dem Vereinsnamen zu streichen. Von nun an spielte man als "TuS Lindlar 1925 e.V." und wurde direkt vor das nächste Problem gestellt. Die einsetzende Weltwirtschaftskrise machte auch vor den Toren Lindlars nicht halt, ein Großteil der Mitglieder stand nun ohne Arbeit da und war daher nicht mehr in der Lage den Mitgliedsbeitrag zu bezahlen. Erneut war es Lehrer Claus, welcher den Verein mit durchdachten Maßnahmen durch die nächste schwierige Zeit führte. 1933 vollzog man den bereits länger angestrebten Wechsel von Oberberg in den Gau Mittelrhein und spielte nun hauptsächlich gegen Vereine aus dem Kölner Raum. Die Grün-Weißen "Dorfkicker" wurden in der großen Stadt meist nur als "Lenkeler Buhre" verschrien, waren aber Dank einer mit motivierten Nachwuchstalenten ausgestatteten Mannschaft konkurrenzfähig. Die Machtübernahme von Hitler stellte das Vereinsleben dann vor die größte Zäsur der immer noch jungen Vereinsgeschichte. Nach und nach wurden die Mitglieder in den Wehr- und Arbeitsdienst eingezogen und bereits 1936 konnte man beim TuS Lindlar keine Fußballmannschaft mehr aufbieten und wurde aus dem laufenden Meisterschaftswettbewerb ausgeschlossen.
Lindlar war nach Kriegsende stark gezeichnet und an Sport war kaum zu denken, trotzdem belebten bereits im Sommer 1945 die Mitglieder das Vereinsleben wieder. Lehrer Claus war noch vor Ausbruch des Krieges aus dem Verein schweren Herzens ausgeschiedenen und in einem anderen Wirkungsbereich aktiv geworden. Der erste Nachkriegsvorstand hatte mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie Claus zu seiner Lindlarer Zeit. Der Sportplatz an der Dicken Linde hatte im Krieg stark gelitten und war teilweise mit einer Betondecke versehen, trotzdem fanden zunächst noch Spiele auf dem Platz in Kemmerich statt. Zum ersten Nachkriegsspiel wartete mit Frielingsdorf erneut der Lieblingsgegner auf die Grün-Weißen. Der Sportplatz Dicke Linde war aber nicht mehr zeitgemäß, ein regelmäßiger Spielbetrieb wäre hier nicht mehr möglich gewesen, sodass der frisch gewählte Vorstand sich um eine neue Spielstätte kümmern musste.

Im Ortsteil Kemmerich befand sich die erste echte feste Spielstätte des TuS

Wiederum trat man an die Gemeinde heran, mit der Bitte, ein neues Gelände zu Verfügung zu stellen, man bekam eine Fläche auf dem "Sandbuckel", einer Anhöhe oberhalb der Nord-West-Papier-Werke, damals einer der größten Arbeitgeber Lindlars. Die Firma existiert heute nicht mehr, in den ehemaligen Werkhallen befindet sich mittlerweile eine Kletter- und Boulderhalle. Auch vom neuen Sportplatz auf dem Sandbuckel ahnt man heutzutage nichts mehr, dabei feierte der TuS hier seine ersten größeren sportlichen Erfolge und machte den Sandbuckel über die Ortsgrenzen hinaus bekannt. In der Vereinschronik heißt es: "Der enorme Kampfgeist grün-weißer Mannschaften auf heimischem Gelände, aber auch wohl die akustische Unterstützung eines begeisterungsfähigen starken Anhangs begründeten den Ruf des „Sandbuckels” als einen der gefürchtetsten Sportplätze des Bergischen Landes." Bevor es soweit war, musste der Verein das neue Gelände erneut in Eigeninitiative ausbauen, um so einen Spielbetrieb zu ermöglichen. Dank der tatkräftigen Unterstützung seiner Mitglieder entstand binnen kürzester Zeit die neue Lindlarer Fußballfestung auf dem Sandbuckel. Der Fußball war auch nach Kriegsende weiter die dominierende Sportart in Lindlar, Versuche, den damals ebenfalls populären Feldhandball im Vereinsleben zu integrieren, scheiterten auf Grund zu geringer Nachfrage. Das rollende Leder fand aber immer mehr Anklang in der Gemeinde und die TuS-Elf feierte in der Saison 1947/48 die Meisterschaft der 2. Kreisklasse und den damit verbundenen Aufstieg in die 1. Kreisklasse. Die erste "Meisterschaft" der Vereinsgeschichte lies die Ambitionen nochmals größer werden und mit der Unterstützung von finanzstarken Sponsoren konnte der Kader weiter verstärkt werden. Nun spielten erstmals auch Nicht-Lindlarer für den Verein. Man verpflichtete nicht nur Spieler aus dem benachbarten Wipperfürth, sondern hatte fortan auch Akteure in den eigenen Reihen, welche zuvor in Peine oder Cottbus gekickt hatten. So wunderte es keinen, dass es für den TuS Lindlar in der Saison 1949/50 nach einem direkten Durchmarsch in die Bezirksliga aussah, ein sportlicher Einbruch in den entscheidenden Spielen zum Saisonende kostete Grün-Weiß aber die lang gehaltene Tabellenspitze und den Aufstieg. Neben den Ligaspielen waren auch die Spiele um den Sülztalpokal in Lindlar immer prestigeträchtig. 1947 riefen die Mannschaften aus dem Sülztal den lokalen Pokalwettbewerb ins Leben. Der TuS sollte nun jährlich gegen Frielingsdorf, Rösrath, Immekeppel und Untereschbach um den Pokal spielen. Nach dem Rösrath die erste Austragung gewinnen konnte, sicherte sich der TuS den Titel von 1948 bis 1950 dreimal in Folge und unterstrich damit seine lokale Vormachtstellung in Sachen Fußball.
Zum 25. jährigen Vereinsjubiläum wurde man vor neuerliche Probleme gestellt. Hatte der Sandbuckel in den vergangenen Spielzeiten meist eine große Zuschauermasse angezogen, brachen diese nun ein und es fehlte an Einnahmen. Zu besten Zeiten nahm der Verein 400 DM pro Heimspieltag nur durch Eintrittsgelder ein, nun musste man kürzer treten. Den Spielern wurden Privilegien gestrichen, die Anreise zu Auswärtsspielen mussten sie fortan aus eigener Tasche bezahlen. Der Vorstand versuchte den Zuschauerschwund durch reduzierte Eintrittspreise entgegenzulenken, ohne Erfolg. Als auch noch die ersten Sponsoren ihr Engagement beendeten, war die Finanzlage nicht mehr schön zu reden. Auch die sportlichen Erfolge und der fest geplante Bezirksliga-Aufstieg blieben aus, das verbitterte die aktiven Spieler und zu Beginn der Saison 1952/53 verließen zahlreiche Akteure den Verein in Richtung der Konkurrenz. Ein Einschnitt im Lindlarer Fußball, die ortsfremden Spieler hatten dem Verein den Rücken gekehrt, man besann sich daher seinen eigenen alten Tugenden und formierte eine neue junge Mannschaft ausschließlich mit Spielern aus Lindlar. Zunächst als Not-Elf gestartet konnte man in der ersten Spielzeit überraschend noch die Klasse halten, 1953/54 folgte dann aber der Schritt zurück in die 2. Kreisklasse. Dem Vereinsgefüge tat der Abstieg keinen Abbruch und auch die Finanzen entspannten sich langsam wieder. 1954 konnte man schon wieder, unter Zuschuss von Land und Gemeinde, 7000 DM für den Ausbau des Sandbuckels berappen. Eine Overather Firma baute unter Mithilfe der Vereinsmitglieder eine Drainage, welche für deutlich verbesserte Spielbedingungen bei Regenwetter sorgte.
Auch die junge Lindlarer Fußballtruppe fand wieder in die Spur und sehnte sich nach der schnellen Rückkehr in die 1. Kreisklasse. Ein großes Entscheidungsspiel um den Aufstieg gab es am 16. Juni 1956 im Stadion Kradepohl in Bergisch Gladbach. Zu dieser Zeit eine der modernsten Spielstätten im Umkreis, drei Jahre zuvor traf hier die heimische SSG 09 Bergisch Gladbach als damaliger Deutscher Amateur Meister in der ersten DFB Pokal Runde vor 12.000 Zuschauern auf den VfB Stuttgart. Der TuS Lindlar traf am Kradepohl nun auf die Reservemannschaft des SC Rapid Köln, beide Teams standen am Ende der regulären Saison punktgleich an der Tabellenspitze der 2. Kreisklasse und so musste ein Entscheidungsspiel auf einem neutralen Platz über den Aufstieg entscheiden, mit dem besserem Ende für die Kölner. Eine bittere Niederlage für den Grün-Weißen aus Lindlar, aber die junge Mannschaft hatte bewiesen, dass eine Rückkehr in die nächsthöhere Liga möglich war. Mit Karl Heinz Metten hatte der TuS Lindlar einen neuen starken Mann in seinen Reihen. Er führte seine Mannschaft als Spielertrainer und Kapitän 1959 zum Meistertitel und zurück in die 1. Kreisklasse. Nebenbei war Metten seit 1953 auch als Geschäftsführer im Vorstand des Vereins tätig.
Sportlich konnte man sich den folgenden Jahren in der ersten Kreisklasse etablieren. Im Vorstand kam es 1962 zur Wahl von Richard Stein zum 1. Vorsitzenden, ein Mann, der eine goldene Zukunft für den TuS Lindlar vorhersah und vorausschauend Dinge in die Wege leitete, die bis heute ihre Spuren hinterlassen. Der "Sandbuckel" war mittlerweile nicht mehr zeitgemäß und der Verein war wieder auf der Suche nach einem neuen Spielort. Die Gemeinde wurde dieses mal selbst aktiv und baute einen Sportplatz an der Kölner Straße, dieser wurde am 27. Juni 1964 eröffnet und ist bis heute die Heimat des TuS geblieben. In Eigenverantwortung und aus eigener Kasse installierte der Verein noch seine eigene Flutlichtanlage und umzäunte das Gelände, alles zusammen für den stolzen Preis von 50.000 DM. Mit der Eröffnung der neuen Spielstätte begannen die Goldenen Zeiten der Fußballabteilung. Die erste Saison an der Kölner Straße beendete man als unangefochtener Meister der 1. Kreisklasse und stieg erstmals in der Vereinsgeschichte in die Bezirksklasse auf. Bereits in der zweiten Saison (1966/67) spielte der TuS vorne mit und lieferte sich ein Duell mit dem VfL Gummersbach um den Aufstieg in die Landesliga. Am Ende der regulären Saison standen beide Teams punktgleich an der Tabellenspitze und abermals musste ein Entscheidungsspiel auf einem neutralen Platz über den Aufstieg entscheiden. 5.000 Fans verwandelten das Leppestadion in Engelskirchen in einen wahrhaften Hexenkessel und sahen eine dramatische 0:1 Niederlage der Lindlarer. Gummersbach stieg auf, Lindlar stand mit leeren Händen da. Als kleiner Trost blieb im selben Jahr der überraschende Sieg im Kreispokal, als man das Finale gegen den Topfavoriten Bergisch Gladbach mit 2:0 gewann. Den Kreispokaltitel konnte man ein Jahr später verteidigen, der Landesliga-Aufstieg wurde erneut verpasst. In der Sommerpause hatte man seinen Kader mit erfahrenen Spielern aus dem Umkreis zwar verstärkt, stand aber am Ende der Saison hinter Aufsteiger RSV Rath-Heumar und VfL Leverkusen nur auf dem dritten Tabellenplatz.
Vor der Saison 1968/69 soll der Vorsitzende Stein dann folgende Worte an das Trainerteam der ersten Mannschaft gerichtet haben: "Wir können die Meisterschaft nicht von Ihnen verlangen, aber wir erwarten sie von Ihnen." Die Ansage schien zu fruchten und der Vorstand verpflichtete weitere namhafte Neuzugänge. Von Saisonbeginn an dominierte der TuS Lindlar die Konkurrenz und setzte sich an die Tabellenspitze, erst am 17. Spieltag gab es die erste Saisonniederlage. Bereits am 24. Spieltag konnte die vorzeitige Meisterschaft gefeiert werden, die Grün-Weißen hatten die Konkurrenz kurz und klein geschossen und standen sechs Spieltage vor Saisonende schon als Landesliga-Aufsteiger fest. Als die Meistermannschaft vom vorentscheidenden Auswärtsspiel in Hennef nach Lindlar zurückkehrte, wurde sie von hunderten euphorisch feiernden Fans empfangen. Der ortseigene Musikverein spielte, der Bürgermeister überreichte den Spielern Blumen. Ein Dorf im Ausnahmezustand, aber das war erst der Anfang.
Vor Beginn der Landesligasaison 1969/70 verließ zwar der Aufstiegstrainer Gerhard Happ den TuS, wurde aber durch den ehemaligen türkischen FC Köln Spieler Coskun Tas würdevoll ersetzt. Tas brachte von seinem ehemaligen Verein Viktoria Köln noch spielerische Verstärkung mit und auch anderweitig wurde der Kader punktuell verbessert. Der Mannschaftsstamm blieb aber weitestgehend erhalten, nur einen Abgang gab es zu verkraften. Die Ziele wurden klein gehalten, der viertletzte Tabellenplatz und der damit verbundene Klassenerhalt wären schon ein Erfolg. Es kam anders. Die Saison begann mit einem 1:2 Auswärtssieg beim SC West Köln und als man am 2. Spieltag das erste Heimspiel an der Kölner Straße mit 3:2 gegen Porz gewann, standen die Grün-Weißen an der Tabellenspitze der Landesliga. Zum Ende einer respektablen Hinrunde lag der TuS auf Tabellenplatz fünf und hatte direkten Anschluss an die Spitzengruppe. Als die Rückrunde mit einem 5:0 Heimsieg gegen den SC West begann, titelte die regionale Presse bereits ein wenig übermütig: "Der Weg zur Meisterschaft führt über den TuS Lindlar." Die Zuschauerzahlen explodierten daraufhin auf dem Sportplatz an der Kölner Straße, bei jedem Heimspiel waren über 1000 Zuschauer live vor Ort und sahen einen wie entfesselt spielenden TuS Lindlar. Am vorletzten Spieltag kam es zum großen Spitzenspiel gegen den SC Pulheim. 500 Lindlarer begleiteten ihre Mannschaft zum Auswärtsspiel der beiden punktgleichen Tabellenführer. Insgesamt sahen 2.500 Zuschauer eines der dramatischsten Spiele der Lindlarer Fußballgeschichte. Als der Schiedsrichter das Spiel abpfiff, stand auf seinem Notizzettel ein 2:2. Meisterschaftsentscheidung vertagt, auch am letzten Spieltag gewannen beide Mannschaften ihre Spiele, sodass beide nach 30 Spielen punktgleich die Tabelle anführten und wieder ein Entscheidungsspiel auf neutralem Platz die Dinge klären musste. Für den TuS bereits das dritte Entscheidungsspiel der Vereinsgeschichte, die ersten beiden Möglichkeiten hatte man verloren. Kein gutes Vorzeichen? Lindlar machte jedenfalls mobil für das große Spiel am 7. Juni 1970 in der Radrennbahn des Müngersdorfer Stadions. Am selben Tag spielte die Deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Mexiko ein Vorrundenspiel gegen Bulgarien, was in Lindlar vollkommen zur Nebensache geriet. Eine schier endlose Reihe von PKWs und Sonderbussen machte sich aus dem Oberbergischen an diesem Tag auf den Weg nach Köln. Der Vorsitzende Stein soll so im Bann dieses Spieles gewesen sein, dass er auf der Hälfte der Fahrt nach Müngersdorf entsetzt feststellen musste, dass er seine Frau in Lindlar vergessen hatte. Laut Vereinschronik soll es seine Frau aber auf anderem Wege noch rechtzeitig ins Stadion geschafft haben und war eine von 4.500 Zuschauern, welche den TuS in untypischen rot-weißen Trikots spielen sahen. Nach 90 Minuten stürmte dann der Lindlarer Anhang das Spielfeld. 2:1 gewonnen, Meister und Verbandsliga-Aufsteiger. Der TuS Lindlar durchlebte ein echtes Fußballmärchen. Die anschließenden Feierlichkeiten im Ortskern überboten alles bisher dagewesene. Die gesamte Gemeinde begrüßte seine Aufstiegshelden mit Freibier, Musik und Feuerwerk. Lindlar war eine echte Fußballstadt geworden. Die Spieler wurden gebührend gefeiert und erhielten vom Vorstand ein Geldgeschenk sowie eine Plakette als Erinnerung an eine unvergessliche Saison. Auch das Lindlarer Publikum wurde für seine Unterstützung belohnt, zum Abschluss der Saison kam der israelische Top-Verein Maccabi Haifa zu einem Freundschaftsspiel an die Kölner Straße. Drei Spieler des Kaders hatte zuletzt noch bei der WM in der isarelischen Nationalmannschaft gespielt. 1000 Zuschauer sahen auch hier einen 3:2 Sieg der Heimmanschaft aus Lindlar.
Vor Beginn der ersten Verbandsligasaison holte man Gerhard Happ in den Trainerposten zurück, da Tas zum VfL Engelskirchen abgewandert war. Zu Erinnerung, Happ hatte den TuS zwei Jahre zuvor in die Landesliga geführt, war also ein alter Bekannter an der Kölner Straße. Am ersten Spieltag sahen 1.100 Zuschauer ein 1:1 gegen den FC Spich, ein zufriedenstellender Start in das Abenteuer Verbandsliga, hielt man die Erwartungen doch recht niedrig und gab nur den Klassenerhalt als Saisonziel aus. Die Verbandliga war damals, die 2. Bundesliga war noch gar nicht gegründet, die dritthöchste Spielklasse und man bekam es mit starken Gegnern aus dem Landkreis zu tun. Am 2. Spieltag erfuhr man mit einer 6:0 Niederlagen bei den Amateuren des 1. FC Köln, dass es keine leichte Saison werden würde. Doch man gewöhnte sich schnell an das erhöhte Spielniveau und fuhr die ersten Siege ein und stand am Ende der Hinrunde auf einem beruhigenden siebten Tabellenplatz. Der Grundstein zum Klassenerhalt, in der Rückrunde fiel man zwar auf den zwölften Platz zurück, hielt aber mit einem Torverhältnis von 44:44 souverän die Klasse. Höhepunkt der Saison war das Heimspiel gegen den späteren Deutschen Amateurmeister SC Jülich, welches 2.500 Fans an der Kölner Straße verfolgten und damit einen ersten Zuschauerrekord in Lindlar aufstellten.
Im zweiten Verbandsliga Jahr kam es zunächst wieder zu einem Trainerwechsel, Happ hatte den Verein erneut verlassen und wurde durch Bubi Becks ersetzt. Außerdem wurde die Mannschaft verstärkt und hatte erstmals mit einem Engländer und einem Tunesier auch zwei ausländische Spieler in seinen Reihen. Die zweite Saison gestaltete sich aber deutlich schwieriger als die erste und schnell geriet der TuS in den Abstiegsstrudel und als man Becks in der Rückrunde durch Rückkehrer Coskun Tas ersetzte war, der Zug bereits abgefahren. Die Grün-Weißen stiegen ab und mussten zur Saison 1972/73 wieder zurück in die Landesliga. Was blieb, waren Erinnerungen, Highlight der Saison war der 3:1 Heimsieg vor 1.500 Zuschauern gegen den späteren Meister Bonner SC.
Tas, der im übrigen 1959 erster türkischer Spieler des 1. FC Köln war, ging den Schritt mit seiner Mannschaft zurück in die Landesliga. Der Kader hatte mit Aderlass zu kämpfen, da einige Spieler nach den Verbandsligajahren zu höherklassigen Vereinen wechseln konnten. Trotzdem blieb die schnelle Rückkehr in die Verbandsliga das ausgerufene Ziel, welches mit Rang vier in der Abschlusstabelle aber verpasst wurde. In der darauf folgenden Saison 1973/74 verlor man das Ziel Wiederaufstieg schnell aus den Augen. Der türkische Trainer trat nach neun Spieltagen freiwillig zurück und wurde mit Gerd Burckhardt durch einen ehemaligen Trainer des Bonner SC ersetzt. Für ihn galt es aber nur noch, den Schaden zu begrenzen und bereits an die Wand gemalte Schreckensszenarien abzuwenden. Diesen Job erfüllte der Trainer zusammen mit seinem Team und der TuS stand zum Saisonende immerhin im gesicherten Mittelfeld. Die Wege von Burckhardt und den Grün-Weißen trennten sich trotz erfolgreicher Zusammenarbeit zum Saisonende wieder. Die Nachfolge trat mit Gero Bisanz ein ehemaliger Trainer von Bayer 04 Leverkusen an, dieser war mit der Werkself ein Jahr zuvor aus der Regionalliga abgestiegen und wurde daraufhin freigestellt. Mit dem TuS Lindlar ging der spätere Nationaltrainer der Deutschen Frauen nun in die Jubiläumssaison 1974/75, der TuS feierte sein 50. jähriges Bestehen und wollte jenes mit der Rückkehr in die Verbandsliga krönen. Tatsächlich etablierte man sich von Saisonbeginn an der Tabellenspitze und bot sich einen Dreikampf mit der SSG 09 Bergisch Gladbach und FSV Gebäudereiniger Köln Lindenthal. Die Kölner sicherten sich punktgleich vor Lindlar und Bergisch Gladbach, die Herbstmeisterschaft. In der Rückrunde bot sich dann aber ein anderes Bild. Die SSG und die Gebäudereiniger brachen ein und fielen zurück, derweil hatte sich der VfL Gummersbach aber ins Rampenlicht gespielt und lag einen Spieltag vor Schluss nur noch einen Punkt hinter der Lindlarer Elf. Der TuS hatte es also in der eigenen Hand und musste nur einen Auswärtssieg bei Alemannia Bonn einfahren. Mit großem Fananhang ging es in Richtung Landeshauptstadt. Die Lindlarer Fans verwandelten den Bonner Nordpark in ein Grün-Weißes Fahnenmeer und sorgten für Heimspielstimmung. So stand nach 90 Minuten ein verdienter 0:3 Auswärtssieg auf der Anzeigetafel und der TuS war erneut Verbandsligist. Im Ortskern von Lindlar verbreitete ein Lautsprecherwagen die frohe Kunde des Aufstieges. Entsprechend frenetisch wurden die Meister bei ihrer Rückkehr empfangen, wildfremde Leute lagen sich vor der heimischen Sportstätte in den Armen und feierten ihre Aufstiegshelden. Später wurden die Akteure in Begleitung eines Fackelzuges in offenen Jeeps durch den Ortskern gefahren, die Nacht wurde in Lindlar zum Tag gemacht. Unvergessliche Momente für die Gemeinde.
Die Jubiläumssaison bestritt der TuS Lindlar auch mit einem Trikotsponsor, ein lokaler Reiseveranstalter zierte die Brust der grün-weißen Trikots. Damit hatte Lindlar, nur ein Jahr nach dem Eintracht Braunschweig als erster deutscher Fußballverein mit Trikotwerbung (eine umstrittene Jägermeister Kampagne) aufgelaufen war, die Zeichen der Zeit erkannt und dürfte einer der ersten Deutschen Amateurklubs mit Trikotwerbung gewesen sein. Umso erstaunlicher die Tatsache, dass der TuS zu diesem Zeitpunkt an der Kölner Straße immer noch auf einem Ascheplatz spielte. Zum Problem wurde dies spätestens mit der Verbandsligarückkehr zur Saison 1975/76. Die Fußballabteilung des TuS stellte mittlerweile 15 Mannschaft, neben den drei Seniorenmannschaften auch eine Damen-Elf, zehn Jugendteams und die Alt-Herren Mannschaft. Allesamt trugen sie ihre Heimspiele auf dem Sportplatz an der Kölner Straße aus, entsprechend sahen die Platzverhältnisse aus. So wunderte es wenig, dass die Gegner in der Verbandsliga eine gewisse Antipathie gegenüber den Lindlarern entwickelten. Alle anderen Vereine verfügten über gepflegte Rasenplätze, nur im Oberbergischen mussten sie auf dem verschrienen Acker spielen. Im Fußballverband Mittelrhein war der TuS ab 1976 sogar der einzige Verein ohne Rasenplatz. Die Gemeindeverwaltung stellte schon länger einen eigenen Rasenplatz in Verbindung mit dem Bau eines neuen Schulzentrums in Aussicht, das hierfür benötigte Genehmigungsverfahren verschob sich aber immer wieder. Mitte 1978 waren dann endlich alle Anträge ausgefüllt und es konnte mit dem Bau des neuen Rasenplatzes begonnen werden. In direkter Nachbarschaft zum Ascheplatz entstand das mit 360.000 DM veranschlagte Großprojekt. Zuschüsse hierfür gab es vom damaligen Regierungspräsidenten, dem Kreis und der Gemeinde Lindlar. 35.000 DM steuerte der TuS selber bei und in guter alter Vereinstradition packten die Mitglieder bei der Bauphase selbst mit an. Trotzdem reichten die veranschlagten Baukosten nicht aus und die Gemeinde stellte weitere 141.000 DM zur Verfügung, wodurch die gesamten Baukosten am Ende rund eine halbe Millionen Deutsche Mark betrugen. Die Anstrengungen hatte sich gelohnt, denn am 23. April 1980 wurde der neue Rasenplatz in Lindlar eingeweiht. Zum Eröffnungsspiel kam der 1. FC Köln ins Oberbergische und gewann das Freundschaftsspiel gegen die grün-weißen Lindlarer mit 7:0. 4000 Zuschauer säumten den neuen Sportplatz um die Kölner Bundesligastars zu sehen, auf dem Platz standen unter anderem Toni Schumacher, Tony Woodcock und Pierre Littbarski.

Der Rasenplatz an der Kölner Straße
wurde mit einem Spiel gegen den 1. FC Köln eröffnet

Sportlich war der TuS Lindlar gerade dabei, sich als Verbandsligist zu etablieren. 1977 ging es zwar für eine Saison zurück in die Landesliga, man schaffte allerdings die sofortige Rückkehr in die Verbandsliga. Diese war nach Einführung der Oberliga mittlerweile aber nur noch die vierthöchste Spielklasse. In der Aufstiegssaison hatte Rainer Weinem den TuS als Spielertrainer übernommen und führte diese Tätigkeit auch in den beiden darauf folgenden Spielzeiten durch. In der Saison 1979/80 kam es dann aber zum Bruch zwischen Weinem und dem TuS Lindlar. Die Hinrunde der Verbandsliga Saison stand kurz vor dem Ende und Lindlar fand sich auf einem gesicherten Mittelfeldplatz wieder, als Weinem völlig unerwartet seinen Posten kündigte und ohne Vorankündigung zum Ligakonkurenten Bergisch Gladbach 09 wechselte. Der größte Skandal der Vereinsgeschichte wird in der Chronik zum 75. jährigen Bestehen noch einmal besonders gewürdigt. Eine Woche nach seinem Wechsel kehrte Weinem bereits mit seinem neuen Verein nach Lindlar zurück und entsprechend aufgeheizt war die Stimmung im Ort. Eine Hundertschaft der Polizei war vorsichtshalber im Einsatz, um befürchtete Ausschreitungen zu verhindern. Das Spiel endete vor rund 1000 Zuschauern mit 3:3 und ging auf und neben dem Platz ohne besondere Vorkommnisse zu Ende. Am Ende der Spielzeit hielt Lindlar mit dem neuen jugoslawischen Trainer Vlado Dekic auf einem gesicherten Mittelfeldplatz die Klasse, während Bergisch Gladbach mit Trainer Weinem als Tabellenletzter abstieg, was die Lindlarer in ihrer Chronik noch einmal hämisch hervorheben.
Die nächsten Spielzeiten verliefen ruhiger im beschaulichen Lindlar, der TuS landete grundsätzlich im Mittelfeld der Verbandsligatabelle und wurde fester Bestandteil der Liga. Für das fußballerische Highlight in dieser Zeit sorgte am 29. April 1982 ein Länderspiel der Deutschen B-Jugend-Nationalmannschaft gegen den Nachwuchs der UdSSR auf dem Rasenplatz an der Kölner Straße. 3.500 Zuschauer sahen eine 0:1 Niederlage der Deutschen Mannschaft, welche von Berti Vogts trainiert wurde. Von den Deutschen Nachwuchskickern die damals in Lindlar auf dem Platz standen, schaffte später niemand den großen Durchbruch. Einzig Bernhard Trares gelang immerhin als Spieler eine Bundesligakarriere, zuletzt war er kurzzeitig Trainer in der 2. Bundesliga bei den Würzburger Kickers.
Am Ende der Saison 1982/83 ging es für den TuS Lindlar dann zurück in die Landesliga, beim damaligen Abstieg ahnte wohl noch niemand, dass man drei Jahre später den größten Erfolg der Vereinsgeschichte feiern würde. Die folgende Landesliga-Saison dominierte man von Saisonbeginn an und kehrte zurück in die Verbandsliga, nachdem man die Saison 1984/85 als sechster beenden konnte, ging die darauf folgende Spielzeit in die Geschichtsbücher des Lindlarer-Fußballs ein. Der TuS sollte Verbandsligameister werden und dadurch den Aufstieg in die Oberliga-Nordrhein schaffen, der höchsten Deutschen Amateurliga direkt unterhalb der 2. Bundesliga. Das ganze natürlich mit ganz viel Drama, man hatte die Gegner zu Saisonbeginn dominiert und zog in der Tabelle dem Rest schnell davon. Zum Saisonfinale wurden die Knie aber wackelig und von hinten schloss mit dem SV Baesweiler ein Konkurrent wieder auf. Vor dem letzten Spieltag hatten die Grün-Weißen nur noch einen Punkt Vorsprung, hatten den Aufstieg so weiter in der eigenen Hand. Ein Heimsieg gegen den FC Düren-Niederau sollte reichen, um den Meistertitel perfekt zu machen. Die Lindlarer Elf, welche seit 1983 von Karl Ernst Helmus trainiert wurde, machte sich und ihre Fans froh. 3.000 Zuschauer waren gekommen und sahen wie die Grün-Weißen schnell 4:0 in Führung gingen und alle Weichen auf Aufstieg stellten. Als der Schiedsrichter nach 90 Minuten abpfiff, stand es 5:1 und der 25. Mai 1986 war offiziell der Tag, an dem der TuS Lindlar in die Oberliga aufstieg. Sie waren damit der erste Verein aus dem damaligen Fußballkreis Rhein-Berg (heute: Berg), welcher in der 1978 gegründeten drittklassigen Liga antreten durfte.
Was nun folgte war eine Saison, die man in Lindlar hauptsächlich genießen wollte, der Sprung in die Oberliga war aus finanzieller- und sportlicher Sicht ein großer. Man traf nun beispielsweise auf die ehemaligen Bundesligisten MSV Duisburg und den Wuppertaler SV, der heutige 1. Vorsitzende und damalige Geschäftsführer Wolfgang Waldheim stand vor der schwierigen Aufgabe, einen konkurrenzfähigen Kader aufzustellen. Nach dem Aufstieg hatte er in einem Interview mit der lokalen Presse versprochen, der Lindlarer Linie treu zu bleiben und nun keine ausrangierten Ex-Profis zu verpflichten. Man wolle weiterhin Spielern aus der Region die Möglichkeit bieten, sich im halbprofessionellen Fußball unter Beweis zu stellen. Mit Siegfried Hoffstadt gehörte auch ein Spieler zum Oberliga-Kader, welcher alle Jugendabteilungen des TuS Lindlar durchlaufen hatte. Bevor die Saison los ging, waren noch einige Umbauarbeiten auf dem Sportplatz nötig, unter anderem musste ein zusätzlicher Eingangsbereich installiert werden, um so die erwarteten Zuschauermengen bei den Topspielen besser auffangen zu können. Die Modernisierungskosten konnte der TuS Lindlar durch die Unterstützung seines weiterhin vorhandenen großen Sponsorenkreises stemmen. Die Vorfreude war groß, als es endlich los ging und am 10. August 1986 erstmals eine Lindlarer Elf ein Oberligaspiel bestritt. Es ging auswärts gegen die Mitaufsteiger vom VfB Langenfeld und nach der 3:0 Niederlage wusste jeder in Lindlar, dass es eine ganze schwere Spielzeit werden würde. Zum ersten Oberliga-Heimspiel an der Kölner Straße empfing man am 2. Spieltag den 1. FC Bocholt und feierte vor 1.700 Zuschauern den ersten Punktgewinn beim 1:1 unentschieden. Es folgte eine Reihe von klaren Niederlagen, beim Bonner SC ging man mit 7:1 fast schon unter und auch Schwarz-Weiss-Essen dominierte in Lindlar klar und gewann im Oberbergischen mit 0:3. Im Heimspiel gegen den Wuppertaler SV hielt man lange mit und stand am Ende nach einer 1:2 Niederlage doch wieder mit leeren Händen da. Am 8. Spieltag wurde dann endlich der erste Sieg verbucht, den FC Viersen besiegte man zu Hause mit 3:2 und eine Woche später fuhr man gegen die Amateure von Bayer 04 Leverkusen gleich den nächsten doppelten Punktegewinn (damals galt noch die 2-Punkte Regel) ein. Als am 10. Spieltag gegen VfL Rhede ein unentschieden und das dritte Spiel in Folge ohne Niederlage gelang, sahen viele die Grünen-Weißen endlich in der Oberliga angekommen. Eine darauf folgende Serie von sechs Niederlagen in Folge, unter anderem ein 8:1 beim späteren Meister BVL 08 Remscheid und ein 3:0 vor 10.000 Zuschauern im Wedaustadion gegen den MSV Duisburg, machten alle Hoffnungen auf einen möglichen Klassenerhalt bereits früh zunichte. In der Rückrunde konnte man den Bonner SC mit 1:0 an der Kölner Straße schlagen, ein weiterer Sieg gegen Rhede und ein Erfolg gegen den FV Bad Honnef waren schlussendlich aber deutlich zu wenig. Der 17. und vorletzte Tabellenplatz (siehe Abschlusstabelle rechts) bedeutete die Rückkehr in die Verbandsliga. Bereut hat die Oberliga-Saison in Lindlar trotz des mäßigen Erfolges aber niemand, der Verein schmückt sich in seinen Annalen bis heute mit dieser einen Spielzeit in Deutschlands höchster Amateurliga. Die Oberliga-Mannschaft brach nach dem Abstieg auseinander, die Leistungsträger verließen den Verein, um weiterhin höherklassigen Fußball zu spielen. Stürmer Erik Wagner bekam beispielsweise einen Vertrag bei Alemania Aachen in der 2. Bundesliga.
Neben dem TuS-Eigengewächs Siegfried Hoffstadt, gehörte mit Klaus Winterberg noch ein weiterer Lindlarer zum Oberliga Kader seiner Heimatgemeinde. Winterberg wurde vom SV Frielingsdorf ausgebildet und wechselte zur Saison 1979/80 in die erste Mannschaft des TuS. In einem persönlichen Gespräch erinnert sich der heute 65jährige an seine Zeit beim TuS Lindlar. Sein Wechsel von Frielingsdorf zum Stadtrivalen kam zunächst mit dem Hintergedanken zustande, einen Profivertrag beim damaligen Zweitligisten Union Solingen zu ergattern. Ein Nachbar kannte den damaligen Solinger Trainer Horst Franz und legte diesem den Spieler Klaus Winterberg ans Herz. "Ich war insgesamt sechs mal beim Probetraining in Solingen", sagt Winterberg, und auch mit seinem  Hauptarbeitgeber war bereits alles für den Fall der Fälle geklärt. Der Profivertrag blieb ihm aber verwehrt, so dass sich Winterberg dann für den Wechsel von Frielingsdorf zum höherklassigen TuS Lindlar entschied, um dort mit guten Leistungen weiter auf sich aufmerksam zu machen. In seinem Heimatort Frielingsdorf wurde ihm der Wechsel zum Rivalen übel genommen, "der damalige Vorsitzende vom SV Frielingsdorf sprach 10 Jahre kein Wort mehr mit mir und der ortsansässige Metzger wollte mich nicht mehr bedienen." Aus dem erhofften Profivertrag wurde aber nichts, Frielingsdorf verlangte für damalige Zeiten eine hohe Ablösesumme für ihren ehemaligen Spieler, welche vom TuS nicht bezahlt wurde und eine dreimonatige Sperre für Winterberg nach sich zog. Als er endlich einsatzbereit war, wurde er von einem Leistenbruch erneut ausgebremst und der angestrebte Wechsel nach Solingen musste so schnell abgehackt werden. Winterberg blieb dem TuS in den folgenden Spielzeiten treu und erlebte die erfolgreichste Zeit des Vereins hautnah mit. "Wir waren eine super Truppe damals", erinnert sich der damalige Libero, auch der Abstieg in die Landesliga am Ende der Saison 1982/83 ist für Winterberg keine negative Anekdote. "Die Mannschaft blieb zusammen und bestand hauptsächlich aus Lindlarer Spielern, das war eine super Zeit, wir waren ein echtes Team." Am Oberliga-Aufstieg hatte Winterberg entscheidenden Anteil und wurde von der Bergisches Landeszeitung sogar als "Spieler des Jahres 1985/86" ausgezeichnet. "Meine Freistöße waren damals gefürchtet, die Spieler des Gegners wollten sich teilweise nicht mehr in die Mauer stellen", blickt Winterberg heute stolz auf seine aktive Zeit zurück. Nur an die Oberliga-Saison selber hat er keine guten Erinnerungen, "uns Spielern wurden vor dem Aufstieg Versprechen gegeben, die nachher nicht gehalten wurden." Am Ende der Hinrunde verließ Winterberg den TuS in Richtung SSV Marienheide. "Ich verlor ziemlich schnell meinen Stammplatz, die Neuzugänge waren einfach besser als ich", trotzdem ist er stolz ein Teil der Oberliga Mannschaft gewesen zu sein. "Für die Region war das damals der Hammer.", selbst die Leute aus Frielingsdorf, die ihm damals seinen Wechsel noch übel genommen hatten, waren nun regelmäßig beim TuS im Stadion. Sein Abschied aus Lindlar nach Marienheide verlief in beiderseitigem Einvernehmen, "ich war enttäuscht nicht mehr regelmäßig zu spielen und entschied mich deshalb für einen Wechsel". Schade findet Winterberg, dass sich die Mannschaft von damals nie wieder getroffen hat, "es war schon eine große Nummer damals, aber die Mannschaft fiel nach der Saison auseinander." Heute hat Winterberg noch sporadischen Kontakt zu einigen ehemaligen Teamkollegen, in unserem Gespräch versuchte er Peter Vollmann telefonisch zu erreichen. Der heutige Sportdirektor von Eintracht Braunschweig spielte viele Jahre an der Seite von Winterberg in Lindlar, war aber leider zu diesem Zeitpunkt nicht erreichbar. Unregelmäßig schaut sich Klaus Winterberg auch heute noch Spiele des TuS Lindlar an der Kölner Straße an und spricht dabei gerne über seine aktive Zeit. "Die schönen Sachen vergisst man nicht!"
Nach dem Oberliga-Abstieg gab es beim TuS kurzfristig gehegte Ambitionen, die sofortige Rückkehr in die Oberliga zu schaffen, diese stellten sich schnell als utopisch heraus. Stattdessen geriet der TuS in einen Abwärtsstrudel, welcher 1990 mit dem Abstieg in die Landesliga begann und drei Jahre später mit dem Gang in die Bezirksliga seinen vorläufigen Tiefpunkt fand. Die großen Lindlarer Fußballtage gehörten der Vergangenheit an, statt MSV Duisburg empfing man nun wieder Immekeppel oder Derschlag.
Das Vereinsleben ging aber wie gewohnt weiter. Zur Saison 2008/09 konnte man auf dem ehemaligen Ascheplatz einen neuen Kunstrasen einweihen und taufte die neue Spielstätte "Volksbank Parkstadion Lindlar", der Rasenplatz bleibt seit dem weitestgehend ungenutzt. Zwischen 2013 und 2016 spielte man noch einmal für drei Spielzeiten in der mittlerweile nur noch sechstklassigen Landesliga, über die Bezirksliga folgte dann zur Saison 2019/20 der bittere Gang in die Kreisliga A. Der nächste Tiefpunkt des Lindlarer Fußballs. Bis zu jenem Abstieg hatte der TuS Lindlar ununterbrochen 54 Jahre lang auf Verbandsebene gespielt, die Gegenwart sieht bitter aus. Durch die neue Flutlichtanlage ist man in Lindlar für eine hoffentlich baldige Wiederaufnahme des Spielbetriebs aber gewappnet und wird alles dafür geben zumindest wieder in die Bezirksliga zurückzukehren. Die Jahre in der drittklassigen Verbandsliga und später das eine Oberliga-Jahr, in denen die ganze Gemeinde über die Grün-Weißen redete und jedem Spiel entgegen gefiebert wurde, sind vorbei und werden aller Wahrscheinlichkeit auch nie wieder zurückkommen. Aber das Erlebte bleibt und der TuS Lindlar hat sich zumindest in den regionalen Fußballgeschichtsbüchern für immer verewigt.

Das Volksbank Parkstadion ist die aktuelle Heimat des TuS Lindlar
Der Kunstrasenplatz wurde 2008 eröffnet
Im Frühjahr 2021 bekam der Platz neue LED Flutlichtstrahler
Der Rasenplatz befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft
des Kunstrasen
Die Sportanlagen, im Hintergrund der Lindlarer Ortskern

Sonntag, 30. Mai 2021

#Gelesen: Zeitlupen

"ZEITLUPEN: Denn der Fußball schreibt die besten Geschichten", ein Buchtitel mit sehr viel Wahrheitsgehalt. Seit dem der Ball rund um den Globus rollt, wird er immer wieder Schauplatz legendärer Momente und Ereignisse, brachte Charaktere hervor die sonst wahrscheinlich niemand kennengelernt hätte. Erzählungen die nur der Fußball schreibt. Ein oft verpönter Satz, an dem aber tatsächlich etwas dran ist. Einige nationale und internationale Fußballmomente werden im Zeitlupen Buch noch einmal gewürdigt. Autor Lucas Vogelsang, ein Teil des Trio vom Fußball Podcast "Fußball MML", hat einen unverwechselbaren Schreibstil und erzählt in 20 Kapiteln auf 220 Seiten die Geschichten denkwürdiger Ereignisse und ehemaligen Stars. Vogelsang, Jahrgang 1985, hat einige Begebenheit die er im Buch beschreibt selbst gar nicht mit erlebt und kennt diese selbst maximal aus Erzählungen. Man merkt aber, dass er einen wirklichen Sinn für Fußball-Kultur hat und möchte fast nach jedem Kapitel sein Handy nehmen, um das gerade gelesene über die Youtube App noch einmal in bewegten Bildern zu sehen. Ein Großteil der Momente sollten vielen schon bekannt sein, der "Torfall von Madrid" oder der "Hundebiss auf Schalke Spieler Friedel Rausch" dürften immer wenn sich der jeweilige Jahrestag wieder nähert von den Medien ausgeschlachtet werden. Vogelsang erzählt die Geschichten aber weiter und gerade das bringt dem Leser teilweise eine völlig neue Sichtweise auf Momente die eigentlich schon zu Ende erzählt schienen. Mir gefallen aber auch die Kapitel etwas Abseits des Mainstream, ich hätte vor dem Lesen nicht erwartet, dass ich mich noch einmal mit dem ehemaligen Hertha Stürmer Marcelinho beschäftigten würde. Eine wunderbare "Zeitlupe" über einen Ausnahmestürmer, welche einem wieder einmal vor Augen führt, dass es in der heutigen Zeit eindeutig an echten Typen auf dem Platz fehlt. Wenn da nicht Zlatan Ibrahimovic wäre, ihm wird auch ein eigenes Kapitel gewidmet.
Alle Geschichten im Buch leben von echten Emotionen und Leidenschaft und spielen fernab des mittlerweile vorherrschenden Kommerz-Fußballs. Das Buch erschien am 20. April, zwei Tage zuvor hatten die großen Klubs die Gründung der Super League bekanntgeben von welcher man sich schon kurze Zeit später wieder distanzierte. Die "Zeitlupen" sind Erzählungen des echten Fußballs, der Wahrscheinlich so niemals wieder kommen wird. Trotzdem wird er auch in Zukunft weitere Geschichten schreiben und neue Legenden schaffen und vielleicht bekommen die "Zeitlupen" ja sogar einen zweiten Band mit neuen Storys aus der bunten Welt des Fußballs.

"Zeitlupen" gibt es für 16€ im Buchhandel und bei Amazon

Mittwoch, 28. April 2021

Unterwegs auf der Fußballroute Leverkusen

"Uns´re Ahnen sah´n Legenden" ist einer der bekanntesten Gesänge in der Fankurve von Bayer 04 Leverkusen und seit neustem auch das Motto der "Fußballroute Leverkusen". Ein Projekt welches die "Nordkurve12", Dachverband der organisierten Bayer-Fans, kurz vor Ostern 2021 eröffnen konnte. Es handelt sich um eine Route die elf historische Orte der Bayer 04 Geschichte zeigt. Durch Zufall hatte ich einen Artikel im Kicker über das neue Projekt gelesen und da ich mich gerade im Urlaub befand und die Möglichkeiten bekanntlich momentan ja ziemlich begrenzt sind, kam mir diese Wanderung doch ziemlich gelegen.
Ich war ziemlich überrascht und erfuhr einige interessante Dinge über die Geschichte der Werkself, die mir bis dahin noch gar nicht bewusst waren. Eine Empfehlung nicht nur für Fans der Leverkusener Elf. Wer Bayer 04 mit Klubs wie Leipzig oder Hoffenheim vergleicht wird am Ende der Tour seine Meinung definitiv ändern müssen. Die elf Stationen der Tour zeigen einem, eine nicht erwartete Tradition des Vereines aus der Stadt am Rhein auf. Neben der BayArena entdeckt man ehemalige Spielstätten, mit immer noch vorhandenen Relikten aus der Vergangenheit. Der Eingangsbogen des zweiten Bayer-Stadions wurde sogar originalgetreu nach gebaut und ist eines der Highlights der Tour. An allen 11 Punkten steht eine Tafel mit interessanten Informationen zum Standort. Die meisten lassen sich relativ gut finden, einen musste ich persönlich etwas länger suchen. Es ist auch eine Art Schnitzeljagd, denn offiziell ausgeschildert ist die Route nicht. Man muss sich seine Tour selber planen. Die elf anzulaufenden Punkte findet man auf der Homepage der Fußballroute Leverkusen. Der Start- und Zielpunkt meiner Wanderung war der P+R am Bahnhof Leverkusen Schlebusch, dort kann man ganztägig kostenlos parken und ist nur 200 Meter vom Manforter Stadion, der ersten Station der Tour entfernt.
In Corona-Zeiten bietet die Tour für den interessierten Fußballfan in jedem Fall eine willkommene Abwechslung vom tristen Lockdown Alltag. Wer die Tour zu Fuß machen möchte sollte aber schon über eine gewisse Grundkondition verfügen. Die von mir geplante Route dürfte so ziemlich die kürzeste gewesen sein und trotzdem hatte ich am Ende 15 Kilometer in den Beinen. Die elf Stationen verteilen sich fast im gesamten Stadtgebiet, für die Lauffaulen lässt sich die Tour aber auch mit dem Fahrrad zurücklegen.
Abschließend noch ein paar Fotoimpressionen einiger Stationen und als Vorschlag für eure eigene Tour mein Komoot-Track der Runde.


Donnerstag, 15. April 2021

#Geschaut: Bokal-Rettung - Das Wunder von St. Pauli

Der NDR bleibt das Nonplusultra was Dokumentationen aus der Welt des Sports angeht. Erst vor kurzem veröffentlichte man einen Film über den Fast-Bundesligisten VfB Oldenburg und seine erfolgreichste Zeit Anfang der 1990er Jahre. Dazu gibt es auch Material zu anderen sportlichen Ereignissen wie die Tour de France 1997 mit dem ersten deutschen Sieger Jan Ullrich oder dem Box-Jahrhundertkampf zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier aus dem Jahr 1971.
Nun legt man eine neue Fußball-Dokumentation vor, welche sich mit der DFB Pokalsaison 2005/06 und dem Rausch des FC Sankt Pauli beschäftigt. Die Spielzeit ging in die Hamburger Fußballgeschichte ein und man spricht bis heute über die sagenumwobene B-Serie. Man traf nämlich nur auf Gegner die mit dem Buchstaben B beginnen. Los ging die Reise gegen Burghausen, bevor man über Bochum, Berlin und Bremen auf die Bayern traf und dort die Reise im Halbfinale zu Ende ging. Es ist die Geschichte eines echten Pokalwunders, denn der FC Sankt Pauli spielte seit 2003 nur noch in der drittklassigen Regionalliga und war finanziell derart angeschlagen, dass der komplette Konkurs nur noch eine Frage der Zeit war. Durch die Zusatzeinnahmen im Pokal konnte man dieses Schreckensszenario nicht nur abwenden, sondern legte auch den Grundstein für den neuen moderneren FC Sankt Pauli. Ein Jahr später kehrte man in die 2. Bundesliga zurück und gleichzeitig begann die schrittweise Erneuerung des Millerntor-Stadion.
Die DFB Pokal Spiele fanden aber alle noch im ursprünglichen Millerntor-Stadion statt, welches sich damals schon in einem ziemlich heruntergerocktem Zustand befand. So reist man mit der Dokumentation, in eine Zeit in der die große Kommerzialisierung des Fußballs zwar schon begonnen hatte, von welcher man damals in Sankt Pauli aber noch nichts merkte. Die 45 Minute lange Doku zeigt echten Fußball, Spieler die sich mit ihrem Verein identifizieren und für ihn alles geben werden. Neben Spielszenen und wieder sehen mit alten Bekannten, gibt es auch aktuelle Interviews mit den ehemaligen Pokalhelden, welche sich an die glorreiche Spielzeit erinnern. Überragend ist die Sequenz des Halbzeit-Interviews im Spiel gegen Bremen, wo der damalige Sankt Pauli Präsident Corny Littmann zusammen mit Bremen Vorstand Klaus Allofs im ARD-Studio steht und Littmann´s Handy in Dauerschleife klingelt und er es verzweifelt versucht auszuschalten. Allofs war ohnehin schon angewidert, da das Spiel seiner Meinung nach auf Grund einer geschlossenen Schneedecke, gar nicht hätte angepfiffen werden dürfen. So entsteht eine schöne Situationskomik.
Der NDR veröffentlicht erneut einen herausragenden Rückblick auf ein Stück Fußballzeitgeschichte, welches man sich unbedingt angucken sollte. Der Film ist nicht nur auf Youtube oder in der ARD Mediathek verfügbar, es gibt auch einen vierteiligen Podcast, welcher als Begleitmaterial veröffentlicht wurde und bei sämtlichen Anbietern verfügbar ist.
* Bild oben links: Screenshot aus der NDR Doku - Das DFB-Pokal-Wunder des FC St. Pauli

Montag, 5. April 2021

#Gelesen: Auswärts alle asozial

Der Lockdown dauert an und immer noch scheint das nächste Live-Spiel in weiter Ferne. Um den Blog auch in einer Zeit ohne Groundhopping und Besuchen von Sportevents weiter mit Leben zu befüllen, habe ich mir überlegt nun unregelmäßig die ein oder andere Sport-Literatur hier kurz und kompakt vorzustellen. Das können sowohl Bücher, als auch Filme oder Dokumentationen sein. Hauptsache Sport spielt im jeweiligen Werk zumindest eine Nebenrolle.
Beginnen möchte ich mit dem Anfang März 2021 erschienen Buch von Uwe Leuthold, welches den einprägsamen Titel "Auswärts alle asozial" trägt. Der Autor erzählt die Geschichte eines interessanten Projektes welches er in der Zweitliga-Saison 2017/18 im Rudolf-Harbig-Stadion von Dynamo Dresden durchzog. Leuthold ist laut eigener Aussage seit Ende der 1980er Jahre Dynamo Fan und regelmäßig bei Dresdens Heimspiele im legendären und gefürchteten K-Block anzutreffen. Doch wie groß ist eigentlich der Respekt der Auswärtsfans vor der Stimmung in Dresden und wie tickt eigentlich der "Auswärtsmob" der anderen Vereine. Um dieses herauszufinden ging er seinem Verein ein Jahr fremd und begab sich zu allen Heimspielen der Saison 17/18 in den Auswärtsblock des Dynamo Stadions und schrieb seine Eindrücke auf. So entstand ein sehr kurzweiliges Taschenbuch mit 171 Seiten, jedem Verein wird ein eigenes Kapitel gewidmet wodurch man das Buch sehr schnell weglesen kann. Herausgekommen ist ein interessanter Einblick in die jeweiligen Fanszenen und man bekommt einen guten Eindruck des krassen Kontrastes innerhalb der 2. Liga. Da waren zum einen die Vereine mit großer Anhängerschaft wie Sankt Pauli oder Nürnberg, aber auch die kleinen Fanszenen wie Sandhausen in denen es fast schon familiär zugeht. Das ein oder andere bekannte Vorurteil über Ultragruppen wird im Buch ebenso bestätigt, wie es auch Überraschungen für den Autor während seiner Spielbesuche gab. So kommt nicht nur ein interessantes Werk für den Dynamo-Fan heraus, sondern auch ein lesenswertes Buch für den geneigten Fußballfan, der in Coronazeiten gerne mal wieder selber ins Stadion möchte.

"Auswärts alle asozial" gibt es für 9,90€ unter anderem bei Amazon.

Dienstag, 23. März 2021

Historische Grounds #07 - Waldstadion am Erbsenberg in Kaiserslautern

Kaiserslautern kann ohne Zweifel als Fußballstadt bezeichnet werden, das gesamte Stadtbild wird überragt vom legendären Betzenberg auf dem das Fritz-Walter-Stadion steht. Dort ist der viermalige Deutsche Meister 1. FC Kaiserslautern beheimatet, welcher die Stadt und den "Betze" durch seine sportlichen Erfolge weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt machte. Was aber nur der hart gesottene Fußballfan weiß ist, dass nur einen Steinwurf vom Betzenberg entfernt ein echtes Prachtstück der Stadionarchitektur steht. Der kleine Bruder des Betzenberg ist der Luftlinie nur etwa 400 Meter entfernte Erbsenberg, auf welchem sich das "Waldstadion am Erbsenberg" versteckt, die Heimat des VfR Kaiserslautern. Der "Verein für Rasenspiele" war jahrelang die Nummer zwei im Stadtgebiet und machte den großen "Roten Teufeln" vor allen Dingen in den 1950er Jahren mächtig Konkurrenz als beide Mannschaften Teil der Oberliga Südwest waren, damals die höchste Spielklasse.
Seit 1920 spielt man unter dem Namen VfR Kaiserslautern, die Ursprünge des Vereins gehen aber auf das Jahr 1906 zurück, weshalb diese Jahreszahl in den Annalen als Gründungsjahr geführt wird. Erster Stammverein ist der 1893 gegründete MTV Kaiserslautern, in dem 1906 eine eigenständige Fußballabteilung entstand. Diese spaltete sich bereits zwei Jahre später ab und wurde zum eigenständigen "FC Bayern 1906 Kaiserslautern". Im März 1920 fusionierte der "FC Bayern Kaiserslautern" dann mit der 1910 entstandenen "SpVgg 1910 Kaiserslautern" zum "VfR Kaiserslautern". Zu diesem Zeitpunkt gab es in der damals noch kurzen Vereinshistorie noch keine Berührungen mit dem Erbsenberg. Bis 1925 spielte man im Stadion Eselsfürth, im Nordosten der Stadt. Als dieses einer Radrennbahn weichen musste, bekam man einen neuen Sportplatz auf der Wormser Höhe zugeteilt. Das neue Gelände, ebenfalls im östlichen Kaiserslautern gelegen, wurde mit einem Spiel gegen den Karlsruher FV eingeweiht. 1936 beanspruchte dann das Militär das Areal und der VfR Kaiserslautern war erneut zum Umzug gezwungen und fand seine neue Heimat auf dem Erbsenberg. In einer Waldlichtung baute man das "Waldstadion am Erbsenberg", welches der Verein am 14. August 1938 mit einem erneuten Spiel gegen den Karlsruher FV eröffnen konnte, im Vorfeld des Eröffnungsspiels organisierten Vereinsmitgleiter des VfR einen Festzug vom Wiesenplatz in der Stadtmitte bis zum neuen Stadion und rührten so die Werbetrommel. Seit der Eröffnung steht auch die alte Holztribüne auf dem Erbsenberg, diese stand bereits zuvor auf der Wormser Höhe, wurde mit dem Abgang des VfR dort abmontiert und auf der Erbse wieder errichtet.
Wie der Betze thront auch der Erbsenberg über Kaiserslautern
Foto: VfR Kaiserslautern Vereinshomepage

Mit Ende des zweiten Weltkrieges gab es immer wieder Berührungspunkte mit dem großen Bruder, dem 1. FC Kaiserslautern, der immer die klare Nummer eins im Stadtgebiet war. In der Saison 1944/45 gab es für kurze Zeit eine Kriegsspielgemeinschaft Kaiserslautern, welche aus Spielern des VfR und den Roten Teufeln bestand. Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt noch in vollem Gange und so bestritt die Spielgemeinschaft gerade einmal zwei Freundschaftsspiele. Nach Beendigung der Truppenkämpfe gingen beide Mannschaften wieder ihren eigenen Weg, nur der 1. FC Kaiserslautern hatte zunächst keine eigene Spielstätte mehr, da der Betzenberg nach Kriegsende vom französischen Militär beschlagnahmt wurde. Der VfR half seinem Lokalrivalen großzügig aus und so waren auch die Roten Teufel für ein halbes Jahr auf dem Erbsenberg beheimatet. Pflichtspiele gab es kurz nach Kriegsende noch keine, sodass der FCK nur Freundschaftsspiele auf der Erbse austrug.
Während die Roten Teufel mit Wiederaufnahme des Spielbetriebes der neu gegründeten höchstklassigen Oberliga zugeteilt wurden, spielte der VfR zunächst niederklassig. Trainiert wurden die Blau-Schwarzen in dieser Zeit nebenbei von einem gewissen Fritz Walter. Der Kapitän des FC Kaiserslautern führte den VfR in der Saison 1948/49 zur Meisterschaft der westpfälzischen Amateurliga, welches den Aufstieg in die erstklassige Oberliga zufolge hatte. Die Mannschaft konnte sich über die Jahre in der Spielklasse etablieren und wurde bis zur Auflösung im Jahr 1963 ein fester Bestandteil der Liga. Zwei Abstiege in den Spielzeiten 58/59 sowie 60/61 wurden jeweils mit dem sofortigen Wiederaufstieg schnell vergessen gemacht.
In der Oberliga Zeit kam es auch immer wieder zu direkten Duellen gegen den Primus der Stadt. Der VfR war gegen den FCK aber immer in der klaren Außenseiterrolle und so spricht die Statistik eindeutig für die Roten Teufel. Von den insgesamt 22 Partien in der Oberliga verlor der VfR Kaiserslautern insgesamt 20. Nur ein einziges mal wurde das Stadtderby gewonnen, am 28. Spieltag der Saison 1951/52 besiegte der VfR Kaiserslautern den FCK auf der Erbse mit 4:2. Dieser 23. März 1952 ging in die Gesichtsbücher der Erbsenkicker ein, war es doch bis heute der erste und letzte Erfolg gegen den FCK auf dem Erbsenberg (Anmerkung: Einen weiteren Sieg gegen die Roten Teufel feierte der VfR 1936 mit einem 2:0 auf der Wormserhöhe). Torschützen und vor allen Dingen Zuschauerzahlen aus dieser Zeit sucht man schon beinahe vergeblich. Auf dem Platz stürmte für den VfR aber der ehemalige deutsche und auch polnische Nationalspieler Ernst Otto Willimowski, der zwischen 1951 und 1955 auf dem Erbsenberg spielte. Der gebürtige Pole, der insgesamt neun Spiele für die deutsche Nationalelf bestritt und dabei 13 Tore schoss, drückte dem VfR Kaiserlautern seinen Stempel auf, sodass die Mannschaft zeitweise nur noch als Willimowski-Elf bezeichnet wurde.
Ein offizieller Zuschauerrekord des Waldstadion am Erbsenberg ist ebenso wenig überliefert, wie Zuschauerzahlen allgemein aus der Oberligazeit. Einzig als sich im August 1956 zum Höhepunkt der Feierlichkeiten des 50. Vereinsjubiläum eine Mannschaft aus Spielern der Oberliga-Lokalrivalen des VfR Kaiserslautern und 1. FC Kaiserslautern bildete und auf dem Erbsenberg in einem Freundschaftsspiel auf das niederländische Spitzenteam Fortuna Geelen traf, sollen 3.000 Menschen den 4:2 Sieg der "Kaiserslauterer Stadtauswahl" gesehen haben.
Die letzte Saison der Oberliga 1962/63 beendete man auf Tabellenplatz 13 und kam damit nicht in Frage eines der 16 Gründungsmitglieder der neu eingeführten Bundesliga zu werden. Stattdessen spielte man fortan in der neuen zweitklassigen Regionalliga Südwest, in derer ersten Saison man sich mit Platz sieben noch in der oberen Tabellenhälfte behaupten konnte. Schon das zweite Regionalligajahr beendete man mit dem Abstieg und dem Gang in die Drittklassigkeit. In der 1. Amateurliga Südwest etablierte man sich nun zumindest vorläufig und hatte zeitweise sogar die Möglichkeit auf die Regionalliga Rückkehr, daraus sollte aber nichts mehr werden. 1975 folgte der dann der Abstieg aus der 1. Amateurliga und der Beginn einer Abwärtsspirale, welche den VfR immer weiter in die Tiefen des Amateurfußballs zog. Die großen Fußballtage auf dem Erbsenberg gingen zu Ende, heute spielt der VfR Kaiserslautern in der siebtklassigen Landesliga und lag zum Zeitpunkt der unterbrochenen Saison 2020/21 auf Platz zwei und hatte damit Ambitionen auf einen Aufstieg in die Verbandsliga angemeldet.
Auch wenn die großen Zeiten des VfR Kaiserslautern gezählt scheinen, der Flair des Erbsenberg ist bis heute vorhanden und lässt sich schon beim Betreten der Anlage nicht abstreiten. 1959 ging das Gelände in das Vereinseigentum der Hausherren über, 1965 eröffnete man noch ein neues Vereinsheim, welches an die alte Holztribüne angeschlossen ist. Seit dem hat sich am Stadion und an der Tribüne aber nicht mehr viel verändert und das Waldstadion am Erbsenberg lässt sich damit heute als nostalgisch deklinieren. Zu Spitzenzeiten fanden 15.000 Menschen einen Platz auf dem Erbsenberg, heute ist das Fassungsvermögen auf 5.000 Zuschauer begrenzt. Es lassen sich noch Teile einer Aschelaufbahn erahnen, diese ist aber unbenutzbar, wodurch der Erbsenberg ein reines Fußballstadion ist. Vergebens sucht man eine Fluchtlichtanlage in dem Oval, welches neben der Holztribüne komplett von Stufentraversen umbaut ist. Vor allen Dingen auf der Gegengerade hat sich mittlerweile die Natur ein Stück des Stadions zurück erobert, trotzdem lässt sich der komplette Stadionumlauf noch vollständig begehen. Am 14. September 2020 hatte ich die Möglichkeit die Anlage auf dem Erbsenberg zu fotografieren, dabei entstanden bei wunderschönem Spätsommerwetter die folgenden Aufnahmen.

Die Eingangspforte des "Stadion - Erbsenberg"
Mit dem Torbogen verwachsen ist das "Speiserestaurant
Erbsenberg", welches an sechs Wochentagen gut bürgerliche
Küche anbietet
Der Blickfang des Stadions ist die Holztribüne
Die Holztribüne stand zuvor im Stadion auf der Wormser
Höhe, wo der VfR bis 1936 spielte
Auf dem Erbsenberg wurde die Tribüne auf einem
Sandstein-Fundament wieder errichtet
Schätzungsweise 700 Sitzplätze bietet die Tribüne
Die Plätze auf den Holzbänken sind teilweise nummeriert
Trotz des mittlerweile stattlichen Alters ist die Tribüne
immer noch in einem bemerkenswert gutem Zustand
Blick auf die Tribüne von einer der Kurven aus
Links wie rechts der Tribüne gibt es eine ausgebaute
Stufentraverse
Die Traversen auf der Hauptgerade sind gepflegt
Während die Gegengerade schon teilweise renaturiert ist
Der Stadionumlauf ist aber noch komplett begehbar
In einer der Kurven steht die Anzeigetafel des Stadions
Blick von einer der Eckfahnen auf die Tribüne
Ein letzter Blick in das Waldstadion am Erbsenberg

Dies war der siebte Teil unserer Serie über historische Fußballstadien, zuvor blickten wie bereits auf das mittlerweile abgerissene Stadion am Hermann-Löns-Weg in Solingen, das Röntgen Stadion in Remscheid, auf das Jahnstadion in Mönchengladbach, die Westkampfbahn in Düren, das Grotenburg-Stadion in Krefeld und zuletzt auf das Stadion Mittelwiese in Ruhla. Folgt mir bestenfalls auf Twitter und erfahrt dort sofort wenn ein neues Feature erscheint.