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Montag, 17. November 2025

Forza Milan - Spätsommer 2025

Mailand im September also. Eigentlich war der Trip schon länger geplant, aber so richtig bewusst wurde mir erst vor Ort, was für ein Fußball-Monster diese Stadt eigentlich ist. Zwei Vereine, die jeder kennt, zwei Farben, die überall auftauchen, und mittendrin dieses riesige Betonungetüm namens San Siro. Für mich stand von Anfang an fest: Genau deswegen bin ich hier.
Zum Zeitpunkt meines Besuchs ging das Gerücht um, das San Siro könnte wirklich abgerissen werden. Damals klang das noch nach einem typischen italienischen Sommertheater. Irgendein Politiker sagt etwas, irgendein Klubchef widerspricht, und am Ende passiert ohnehin nicht viel. Heute wissen wir: Die Abrissbirne kommt tatsächlich. Umso surrealer wirkt der Moment, in dem ich zum ersten Mal die alte Rampe hinaufgegangen bin. Dieses Stadion hat etwas, das man nicht beschreiben kann, ohne einmal selbst unter diesen Türmen gestanden zu haben.
Das Highlight des gesamten Trips war natürlich das Spiel AC Milan gegen Bologna FC. Ein Abendspiel im San Siro, das muss man nicht künstlich dramatisieren, das schreibt sich von selbst. Die Kurve, die Lautstärke, die Größe des Stadions… das sind Eindrücke, die man im Kopf speichert wie Souvenirs. Aber der Trip bestand eben nicht nur aus diesem einen Spiel. Insgesamt habe ich vier Partien im Raum Mailand mitgenommen, weil: Wenn man schon mal da ist, nimmt man eben mit, was geht.
Besonders hängen geblieben ist der Abschluss bei Como 1907. Ein Serie-A-Spiel am Comer See. Das klingt fast so, als hätte jemand Groundhopper-Romantik erfunden und in 90 Minuten verpackt. Ganz anderer Charme als Mailand, weniger Wucht, dafür mehr Atmosphäre und ein Stadion, das perfekt in die Gegend passt.
In diesem Bericht erzähle ich also nicht nur, was auf dem Platz passiert ist, sondern auch, wie sich dieser Trip angefühlt hat: zwischen Großstadt, Nostalgie, Stadiongeschichte und kleinen Entdeckungen rund um Mailand. Eine Mischung aus Fußball, Stadt, Geschichten am Rand und ein paar Momenten, die man wahrscheinlich nur als Groundhopper wirklich so wahrnimmt.
Der Trip begann, wie so viele Groundhopping-Reisen beginnen: am Flughafen. Diesmal ging es nach Malpensa, den etwas außerhalb gelegenen Mailänder Flughafen, der eher funktional als charmant ist, aber seinen Zweck erfüllt. Kaum gelandet, stand ich vor der bekannten Frage: „Wie komme ich jetzt am besten in die Stadt?“ Zum Glück ist das in Mailand keine Wissenschaft, denn der Malpensa Express fährt quasi im Dauertakt Richtung Innenstadt.
Der Zug selbst ist zwar nicht das Highlight Italiens, aber zuverlässig und vor allem: bezahlbar. Generell merkt man schnell, dass Zugfahren in Italien überraschend günstig sein kann, außer eben dieser Malpensa Express. Der hat offensichtlich verstanden, dass er ein Monopol auf frisch gelandete Touristen hat und ruft dementsprechend auch ganz andere Preise auf. Aber gut, man will ja in die Stadt.
Die Fahrt ist entspannt, der Zug rollt durch Vororte und Industrieecken, bevor sich Mailand langsam aufbaut. Und sobald man am Bahnhof ankommt, merkt man direkt, dass Milan ein ziemlicher Verkehrsknotenpunkt ist. Vor allem das Metronetz ist stark ausgebaut. Egal ob du ins Zentrum willst, zu einem der beiden Top-Clubs, zu irgendwelchen Vorstadtvereinen oder zu einem völlig random Ort, an dem ein Serie-C-Spiel stattfindet, die Metro bringt dich zuverlässig dorthin.
Ich hab mich ziemlich schnell zurechtgefunden. Die Linien sind übersichtlich, die Taktung gut, und wenn man einmal verstanden hat, dass die Mailänder einfach überall unterwegs sind, wirkt auch nichts mehr überfüllt oder chaotisch. Für Groundhopper ist das top: Du steigst ein, steigst aus, und bist genau da, wo du hinwillst. Kein großer Stress, kein langes Herumirren. Mailand macht es einem leicht.
In den ersten Stunden habe ich mich ein wenig treiben lassen: ein paar Straßenzüge erkundet, erste Cafés gesehen, die typische Mischung aus Mode, Hektik und charmantem Chaos aufgesogen. Und immer wieder taucht irgendwo ein Hinweis auf Fußball auf. Ein alter Schal an einer Barwand, ein Sticker an einer Laterne, ein Trikot in einem Schaufenster. In Mailand ist Fußball so präsent wie der Verkehrslärm oder die Farbe Rot auf Milans Trikots.
So startete der Trip: unkompliziert, schnell in der Stadt, und mit dem Gefühl, dass hier in den nächsten Tagen einiges an Fußballgeschichten auf mich wartet.

13. September 2025 - AC Renate gg Union Brescia - 1:3
Serie C - Girone A - 4. Spieltag - Stadio Città di Meda, Meda - 1.500 Zuschauer

Der eigentliche Start ins Fußballwochenende fand nicht in Mailand statt, sondern ein Stück nördlich davon. Samstagvormittag ging es nach Meda, einer dieser Orte in der Lombardei, die man auf der Karte dreimal suchen muss, bevor man sie findet. Mit dem Zug ist das aber unkompliziert: kurze Fahrt, aussteigen an der Haltestelle Seveso. Einem Namen, der mir bis zu diesem Tag absolut gar nichts gesagt hat.
Vor Ort habe ich mir dann sagen lassen, dass Seveso eigentlich ziemlich bekannt ist. Nur eben nicht für Fußball. 1976 kam es hier zu einem schweren Chemieunfall, bei dem giftige Dioxine freigesetzt wurden. Ich hatte davon noch nie gehört. Erst ein anderer deutscher Groundhopper, der ebenfalls das Spiel mitnahm, hat mich darauf aufmerksam gemacht. Und dann wird’s skurril: Genau an der Stelle, an der damals die Chemiefabrik stand, befindet sich heute das Stadion, in dem AC Renate seine Heimspiele austrägt. Fußball auf toxischem Boden, kann man sich nicht ausdenken.
AC Renate selbst muss ausweichen, weil deren eigentliches Stadion nicht den Anforderungen der Serie C entspricht. Also spielt man im Stadio Città di Meda. Das Stadion ist… sagen wir mal freundlich: funktional. Ein Leckerbissen ist das nicht. Zuschauer finden ausschließlich Platz auf der Hauptgeraden, wo gleich drei voneinander getrennte Sitzplatztribünen nebeneinander stehen. Diese Bauweise hatte ich so vorher noch nie gesehen, wirkt ein bisschen wie Lego, das jemand über Nacht schnell zusammengeklickt hat.
Optisch also eher Kategorie „vergessene Provinzliga“, aber dafür war die Atmosphäre überraschend gut. Zu verdanken war das hauptsächlich dem Gegner: Union Brescia. Der Club ist gewissermaßen der Nachfolger von Brescia Calcio, das nach finanziellen Problemen in die Insolvenz gerutscht ist. Die Fans sind dem neugegründeten Verein aber treu geblieben, und wie.
Was da in Meda ankam, war eine richtige Auswärtsinvasion. Von den rund 1.500 Zuschauern kamen gefühlt drei Viertel aus Brescia. Die brachten nicht nur Zahl, sondern auch Stimmung mit. Typisch italienisch: viel Gesang, viel Leidenschaft, viel Energie. Für ein Spiel in dieser Umgebung war das schon bemerkenswert intensiv.
Das Spiel selbst war sportlich jetzt nicht unbedingt ein Klassiker, aber darum ging’s in diesem Fall auch nicht. Es war eher einer dieser Groundhopping-Momente, bei denen das Drumherum viel spannender ist als das, was auf dem Platz passiert. Unbekannter Ort, seltsames Stadion, skurrile Hintergrundgeschichte und dann plötzlich ein Auswärtsblock, der das ganze Ding am Leben hält.
So begann mein Fußballtrip: nicht glamourös, nicht weltberühmt, aber irgendwie typisch Italien. Ein Mix aus Provinz, Chaos, Historie und völlig unerwarteter Stimmung. Genau so darf eine Tour gerne starten.

14. September 2025 - FC Internazionale Milano Femminile gg FC Como Women - 0:1
Serie A Women's Cup - Gruppenphase - Arena Civica Gianni Brera, Mailand - ca. 350 Zuschauer


Der Sonntag begann für mich nicht mit Espresso, sondern mit einem Abstecher in eine der geschichtsträchtigsten Sportstätten Mailands: die Arena Civica Gianni Brera. Wenn Mailand ein Museum für Fußball hätte, dann wäre diese Arena sicher einer der Schauräume. Und das Beste: Sie liegt mitten im Zentrum, eingebettet in den Parco Sempione, fast im Schatten des Castello Sforzesco. Wenn man dort vorbeiläuft, glaubt man eher an eine historische Veranstaltungsstätte für römische Festspiele als an ein Fußballstadion.
Aber gespielt wird hier tatsächlich Fußball und das seit weit über 200 Jahren. Die Arena wurde Anfang des 19. Jahrhunderts eröffnet, damals noch als multifunktionale Bühne für Feste, Pferderennen und alles, was die Mailänder Öffentlichkeit so beschäftigen konnte. Später wurde sie zu einem wichtigen Ort für den Sport und war lange Zeit das bedeutendste Stadion der Stadt.
Das Spannendste daran: AC Milan trug während des Zweiten Weltkriegs viele seiner Heimspiele hier aus, weil San Siro teilweise beschädigt oder nicht nutzbar war. Die Arena ist damit tatsächlich ein Stück AC-Milan-Geschichte. Wenn man heute auf den Beton und die Rundbögen schaut, kommt man kaum auf die Idee, dass dort Serie-A-Fußball stattgefunden haben soll, aber genau das macht den Reiz aus. Auch Inter Mailand trug zwischen 1930 und 1947 seine Heimspiele in der Arena aus.
Heutzutage nutzt die Frauen-Abteilung von Inter das Arenal regelmäßig als Heimspielstätte. Am Vormittag wurde dort ein Gruppenspiel des Women's Super Cup ausgetragen, anscheinend eine Art Vorbereitungsturnier der Frauenmannschaften. Und wenn man schon mal in Mailand ist und der Tag mit einem Abendspiel im San Siro endet, dann nimmt man natürlich alles mit, was vorher noch irgendwie fußballförmig ist.
Inter Women empfing die Frauen des FC Como, und mit ihnen reiste auch eine Spielerin an, die inzwischen fast bekannter ist als viele Männer der Serie A: Alisha Lehmann. Social-Media-Star, Topathletin und, wie sich herausstellen sollte, Matchwinnerin.
Die Arena war trotz kostenfreien Eintritt nur angenehm besucht, locker, entspannt, sehr familiäre Atmosphäre. Ganz anders als die testosterongeladenen Abende in Serie C oder die späteren Hochglanz-Momente im San Siro. Hier standen Eltern, Kids, ein paar Hardcore-Fans und einige Neugierige herum und natürlich ein paar Groundhopper, die wie ich den Tag ausnutzen wollten.
Das Spiel selbst war unspektakulär, aber solide. Viel Mittelfeldgeplänkel, ein paar gute Aktionen, und dann eben das eine Tor, das den Unterschied machte. Lehmann tauchte auf, schoss ab und das war’s. 0:1 Como. Ein Auswärtssieg dank einer Spielerin, deren Name die meisten Zuschauer ohnehin nur sehen wollten. Pflicht erfüllt.
Nach Abpfiff blieb ich noch einen Moment sitzen und ließ die Arena auf mich wirken. Die Mischung aus antiker Optik, historischer Bedeutung und modernem Frauenfußball war ein unerwartet schöner Start in diesen Tag. Und irgendwie passte es perfekt: Erst der Ort, an dem AC Milan in Kriegszeiten spielen musste und später am Abend dann der Ort, an dem Milan heute lebt, liebt und leidet: das San Siro.
Der Kontrast hätte größer nicht sein können. Vormittags historisches Kleinod im Park, nachmittags kurz durch Mailand treiben und dann am Abend in die größte Fußballkathedrale Italiens.


San Siro ist mehr als ein Stadion, es ist eine Institution. Erbaut wurde das Stadion 1925/26 in dem Viertel, das dem Stadion später den Spitznamen gab, und schon zur Eröffnung 1926 hatte das Ding Platz für zehntausende Zuschauer; eingeweiht wurde es beim Derby, bei dem Inter damals Milan 6:3 schlug. Aus dem ursprünglich privaten Klubstadion von AC Milan wurde schnell eine städtische Bühne, die beide großen Clubs der Stadt beherbergt.
1926 begann also alles, über die Jahrzehnte folgten große Erweiterungen und Renovierungen (u. a. für die WM 1990), die rote Stahlkonstruktion auf dem Dach und die massiven spiralförmigen Aufgänge wurden zu ikonischen Merkmalen des Stadions. Wegen seiner Größe, Geschichte und den großen Spielen nennt man es oft „La Scala del calcio“, die Opernbühne des Fußballs.
Benannt ist das Stadion seit 1980 offiziell nach Giuseppe Meazza, einem der größten italienischen Spieler der Vorkriegs- und frühen Nachkriegszeit (zweifacher Weltmeister 1934/1938). Der Name spiegelt eine Fußballegende wider, die eng mit Mailand verbunden ist, auch wenn Fans beider Lager unterschiedlich mit dem Namen umgehen.
San Siro ist das gemeinsame Wohnzimmer von AC Milan und Inter, beides Weltvereine mit eigenen Mythen, Spieler-Ikonen und Erfolgsbilanzen. Das Besondere: Die Derby-Spiele, die Derby della Madonnina, finden immer im selben Stadion statt, was die Begegnungen zu einem außergewöhnlichen Stadt-Event macht. Zwei Nachbarn, ein Tempel, beide wollen das Sagen. Für Mailand ist das Stadion nicht nur Sportstätte, sondern ein sozial-kulturelles Zentrum, Treffpunkt und oft Bühne für große Konzerte und Events.
Die beiden Kurven haben eigene Identitäten: die Curva Nord ist traditionell das Herz der Inter-Ultras, die Curva Sud jenes der Milan-Hardcore-Fans. Dort entstehen Choreos, Blockgesänge und die oft hitzigsten Momente rund um das Spiel. Gleichzeitig gibt es (wie in vielen großen Stadien) regelmäßig Probleme mit gewaltbereiten Gruppen, politisch aufgeladenen Fangruppen oder auch mafiösen Verstrickungen, das wurde in den letzten Jahren auch Gegenstand größerer Ermittlungen und Berichte. Ich erwähne das nicht, um zu moralisieren, sondern weil diese Dynamik das Spieltagsbild am San Siro mitprägt.
Weil San Siro in einer Reihe mit Orten wie dem Maracanã oder dem Bernabéu steht: es ist ein Ort großer Spiele, dramatischer Siege und Niederlagen, und es hat italienischen wie europäischen Vereinsfußball mitgeprägt. Europapokalendspiele, Länderspiele, WM-Partien und unzählige Derbys gingen hier über die Bühne. Das Stadion steht für Kontinuität und Wandel zugleich: Tradition, die langsam unter Druck moderner Stadion-Anforderungen gerät.In den letzten Jahren wurde viel darüber gesprochen, wie es mit dem San Siro weitergehen soll. Mal war von einem kompletten Neubau die Rede, mal davon, dass man das alte Stadion modernisieren könnte, dann wieder hieß es, die Vereine würden lieber ganz woanders bauen. So richtig wusste niemand, was am Ende passieren würde. Als ich im September dort war, fühlte sich das alles noch wie ein typisch italienisches Dauerthema an. Viel Gerede, wenig Konkretes. Heute, mit etwas Abstand und den inzwischen deutlicheren Zeichen für einen Abschied vom San Siro, wirkt mein Besuch im Nachhinein ein bisschen wie ein Blick auf die letzten Kapitel einer echten Fußballlegende.

14. September 2025 - AC Milan gg Bologna FC - 1:0
Serie A - 3. Spieltag - Stadio Giuseppe Meazza, Mailand - 69.593 Zuschauer

Der Abend war gekommen, das Highlight meines Trips: AC Milan gegen Bologna im legendären Giuseppe Meazza. Aber wie das bei Groundhoppern so ist: Schon Monate vorher steckte ich mitten in der Planung. Ich hatte den Ticketverkauf intensiv beobachtet und war ein bisschen nervös, überhaupt etwas zu kriegen. Irgendwann stieß ich auf ein Hospitality-Angebot, das nur minimal teurer war als normale Karten. Und weil meine Panik, leer auszugehen, größer war als mein Spartrieb, habe ich zugeschlagen.
Das Hospitality-Paket war irgendwie verrückt charmant: Vor dem Spiel stieg ich mit etwa 30 anderen auf eine historische Mailänder Straßenbahn, die quer durch die Stadt fuhr und direkt beim San Siro endete. Während der Fahrt gab es Häppchen, Drinks und jeder Passagier bekam einen AC Milan-Schal geschenkt. Also nicht nur: rein ins Stadion, sondern ein kleiner Ausflug mit nostalgischem Flair. Im Stadion selbst war ich dann wie jeder andere Besucher: keine extra Plätze, keine exklusiven Logen, die Hospitality-Vorteile endeten mit dem Aussteigen aus der Tram. Nett, aber nichts, was ich bei jedem Spiel machen müsste.
Meine Angst gar kein Ticket zu bekommen, stellte sich im Nachhinein als unbegründet heraus. Am Spieltag war das San Siro nicht mal restlos ausverkauft, hier und da blieb immer mal ein vereinzelter Sitzplatz frei.
Die Stimmung war irgendwie seltsam. Das Stadion fühlte sich leiser an, nicht so pulsierend, wie man es bei einem so großen Spiel erwarten würde. Der Grund: Ein Teil der organisierten Fans, besonders von der Curva Sud, boykottierte anscheinend ihre eigenen Spiele. Laut Aussagen der Gruppe waren ihnen vor Saisonbeginn viele Dauerkarten entzogen worden. Ein Protest gegen die Maßnahmen des Vereins und die Einschränkungen, die ihnen auferlegt vernahm man nun deutlich im Stadion.
Tatsächlich verkündeten die Ultras, dass „fast alle alten Banner verboten“ seien.
Für das Spiel war kaum etwas sichtbar: keine großen Zaunfahnen, keine Choreos, wenig organisierten Support.
Ein weiterer Protestpunkt: Schon früher in der Saison angekündigt, wollten Teile der Curva Sud erst nach der 15. Spielminute ins Stadion kommen, um ihren Unmut zu zeigen.
Außerdem gibt es Berichte, dass für einige Ultras der Zugang zu Dauerkarten gesperrt wurde, als Teil einer „Blacklist“, nachdem eine Anti-Mafia-Untersuchung („Doppia Curva“) Verbindungen zwischen Teilen der Ultras und kriminellen Strukturen aufdeckte.
Obwohl die Stimmung ruhig war, ist San Siro in solchen Momenten nicht tot. Man merkt, dass da Spannungen sind, ein Bruch, der gerade sichtbar wird. Es fühlt sich an, als ob ein Teil der Seele des Stadions abwesend ist.
Und dann kam der Moment, der alles verändert hat: Luka Modrić traf. Ein flacher Abschluss, präzise gesetzt. 1:0 für Milan, Tor des Tages. „Ausgerechnet Modrić“, dachte ich sofort. Schließlich war er auch bei meinem Besuch im Bernabéu im Februar 2024 derjenige, der das Spiel für Real Madrid entschieden hatte. Solche kleinen Zufallsschleifen schreibt nur das Groundhopping. Im San Siro war die Stimmung an diesem Abend zwar alles andere als auf Vollgas, aber bei diesem Tor merkte man, wie viel Kraft eigentlich in diesem Stadion steckt, wenn es einmal kollektiv ausatmet, jubelt und alles kurz zusammenkommt.
Nach dem Abpfiff hätte ich ein Chaos erwartet, aber Mailand hatte das gut geregelt. Bei der Metro-Stadionstation San Siro gibt es ein Ampelsystem, das steuert, wie viele Leute gleichzeitig auf die Bahnsteige dürfen. Das mag erst unspektakulär klingen, aber es funktionierte tatsächlich hervorragend: keine Panikwelle, kaum Gedränge, entspannte Abreise. Für so ein riesiges Stadion eine echt clevere Lösung.


Abseits des Fußballs zeigte sich Mailand von einer Seite, die ich so gar nicht mehr auf dem Schirm hatte. Ich war länger nicht in Italien gewesen und hatte die Menschen irgendwie als chronisch gestresst in Erinnerung. Keine Ahnung, woher diese Vorstellung kam, sie traf jedenfalls nicht zu. In Mailand waren alle entspannt, freundlich, hilfsbereit. Egal ob im Café, in der Metro oder irgendwo zwischen Navigli und Domplatz: gute Laune überall, ein bisschen „La Dolce Vita“, aber ohne Postkartenklischee.
Natürlich klappert man als Tourist die üblichen Spots ab. Der Dom, die Galleria Vittorio Emanuele II, ein Spaziergang an den Kanälen im Navigli-Viertel. Essen? Überragend, egal ob schnelle Panzerotti auf die Hand oder abends Pizza in einer kleinen Trattoria. Was Mailand aber angenehm macht: Fußball ist präsent, klar aber nicht erdrückend. Die Stadt dreht sich nicht permanent um Inter und Milan, sondern hat genug eigenes Leben, um den Ball auch mal liegen zu lassen.
Interessant war auch, wie wenig man von den Olympischen Winterspielen 2026 mitbekam, obwohl die Eröffnungsfeier bekanntlich im nächsten Februar in Mailand stattfinden wird. Kein großes Tamtam, keine Banner, keine öffentliche Dauer-Bespaßung. Nur ein einzelner, großer Countdown-Würfel in Domnähe erinnerte daran, dass hier bald ein globales Sportereignis beginnt.


Am Montagmorgen, noch mit dem Milan-Spiel in den Knochen, ging es für mich weiter Richtung Como. Die Fahrt mit der Bahn war erstaunlich entspannt. Montagsvormittags scheint in Italien niemand unterwegs zu sein, jedenfalls hatte ich ein komplettes Abteil für mich allein. Keine Hektik, kein Lärm, dazu ein wirklich fairer Ticketpreis. So darf ein Reisetag gerne starten.
In Como angekommen, brachte ich zuerst meinen Koffer ins Hotel, das praktischerweise direkt neben dem Stadion lag, in dem am Abend Como 1907 gegen Genoa CFC spielen sollte. Perfekte Lage, besser geht’s für Groundhopper kaum.
Da bis zum Anpfiff aber noch ein paar Stunden Zeit waren, blieb genug Raum, die Stadt zumindest ein bisschen wirken zu lassen. Como ist klein, gemütlich und hat dieses typische norditalienische Flair, das irgendwo zwischen Bergpanorama, Seeidylle und Altstadttrubel pendelt. Ein Pflichtpunkt ist natürlich die Standseilbahn nach Brunate. Oben angekommen eröffnet sich ein Panoramablick über die Stadt, den See und für uns Fußballnerds besonders schön direkt hinunter auf das Stadio Giuseppe Sinigaglia, das sich ans Ufer des Comer Sees schmiegt. Von dort oben sieht das ganze Stadion aus, als hätte jemand vergessen, es vom Wasser wegzurücken. Und genau da wartete dann später das nächste und letzte Highlight des Trips.

15. September 2025 - Como 1907 gg Genoa CFC - 1:1
Serie A - 3. Spieltag - Stadio Giuseppe Sinigaglia, Como - 11.858 Zuschauer

Nach der kurzen Siesta im Hotel machte ich mich etwa eine Stunde vor Anstoß auf den Weg: Montagabend, Anpfiff war um 20:45 Uhr. Das Stadion war nur ein paar Minuten entfernt, wirklich praktisch. Der Einlass lief überraschend glatt ab: In Italien sind ja alle Tickets personalisiert, man musste den Personalausweis vorzeigen, und das war bei jedem Spiel so, auch vorher schon in der Serie C. Trotzdem ging alles relativ zügig vonstatten.
Das Ticket für Como gegen Genoa hatte ich rund drei Wochen im Voraus über den offiziellen Onlineshop des Vereins besorgt. Kein Problem, kein schwarzer Markt, alles seriös.
Como 1907 hat eine ziemlich abwechslungsreiche Vergangenheit. Der Verein geht tatsächlich bis ins Jahr 1907 zurück, wurde aber in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach neu gegründet, unter anderem nach Insolvenzphasen. Dieser Wiederaufstieg war spektakulär: In der Saison 2023/24 gelang der Sprung aus der Serie B zurück in die Serie A, nach 21 Jahren.
Das Stadio Giuseppe Sinigaglia, direkt am Ufer des Comer Sees gelegen, ist der Heimatplatz von Como. Es wurde 1927 eröffnet und ist ein schönes Beispiel für rationalistische Architektur. Benannt ist das Stadion nach Giuseppe Sinigaglia, einem lokalen Sporthelden und Kriegsfreiwilligen.
Die Arena hat eine wechselhafte Geschichte: Ursprünglich war rund um das Spielfeld noch eine Radbahn und eine Laufbahn, beides ist heute verschwunden. Im Laufe der Jahre wurde das Stadion mehrfach renoviert: in den 1990er Jahren, Anfang der 2000er und zuletzt wieder, um den Anforderungen der Serie A gerecht zu werden. Die Kapazität liegt aktuell bei etwa 12.039 Plätzen, je nach Quelle. Trotzdem wirkt das Stadion immer noch ziemlich rustikal, eine überdachte Tribüne gibt es nur auf der Hauptgeraden, die anderen drei Tribünen kommen komplett ohne Dach aus. Interessanterweise plant Como gerade eine große Modernisierung des Stadions, gemeinsam mit der Stadt und dem Architekturbüro Populous wollen sie ein Stadion entwickeln, das nicht nur Fußball, sondern auch die Stadt noch stärker einbindet.
In der Heimkurve war die Stimmung solide, nicht spektakulär, aber okay. Es war nicht zu überhören, dass die Leute sich freuten, dieses Wiedersehen mit der Serie A war spürbar. Aber das echte Highlight kam später: Genoa erzielte in der Endphase den Ausgleich. Der Treffer löste einen kollektiven Jubel im Auswärtsblock aus, für die Gäste war es ein emotionaler Moment, für mich als Beobachter sehr intensiv.
Insgesamt war das Spiel in Como ein schöner Kontrast zu Mailand: kleineres Stadion, nicht diese riesige Kathedrale wie San Siro, aber dafür diese besondere Seelage, eine interessante Clubgeschichte, und ein Abend voller Fußball-Leidenschaft ohne übertriebene Show. Genau solche Momente machen Groundhopping aus, finde ich und setzen eine guten Schlusspunkt hinter meinen kurzen Italientrip.
Unterm Strich war dieser Trip genau die Mischung, die man sich als Groundhopper wünscht: große Bühne, kleine Bühne, Geschichte, Eigenheiten, Überraschungen. Mailand mit seinem San Siro. Ein Stadion, das man einfach einmal erlebt haben muss, gerade jetzt, wo seine Zukunft endgültig besiegelt ist. Dazu diese eigenartige Atmosphäre rund um das Milan-Spiel, die trotzdem einen Moment hatte, der sich eingebrannt hat.
Dann Como: das komplette Gegenteil, aber auf seine eigene Art genauso reizvoll. Ein Stadion am Wasser, ein Verein mit turbulenter Vergangenheit und ein Montagabendspiel, das am Ende deutlich mehr hatte, als man im Vorfeld erwartet hätte.
Dazwischen Italien, wie man es eigentlich liebt: entspannt, freundlich, gutes Essen, wenig Stress. Am Ende bleibt das Gefühl, dass diese Region eine perfekte Bühne für Fußballreisen ist. Ohne künstliche Show, ohne überzogenen Hype. Einfach echte Plätze, echte Leute, echte Spiele.
Genau darum geht’s ja am Ende.

Sonntag, 2. März 2025

Visca el Barca - Frühjahr 2025

Barcelona ist eine Stadt, die weltweit für ihren Fußballverein bekannt ist. Der FC Barcelona ist mehr als nur ein Klub – „Més que un club“ steht nicht umsonst auf den Tribünen des legendären Camp Nou, das aktuell umgebaut wird und noch lange nicht fertig zu werden scheint. Doch wie lebt sich der Fußball in einer Stadt, die sportlich so viel mehr zu bieten hat? Und wie schlägt sich Barcelona im Vergleich zu Madrid, das ich ein Jahr zuvor besucht habe und eindeutig als „Fußballstadt“ wahrgenommen habe?
Mein Groundhopping-Trip begann nicht etwa mit dem Fußball, sondern mit den anderen Abteilungen des FC Barcelona. Der Verein ist nicht nur im Fußball, sondern auch in Sportarten wie Rollerhockey, Futsal und Handball vertreten – allerdings mit sehr unterschiedlichem Zuschauerinteresse. Während das Rollerhockey-Spiel nur eine kleine Kulisse anzog, waren bei Handball und Futsal zwar mehr Fans in der Halle, doch auch hier blieb sie spürbar unter ihrer möglichen Kapazität. Die Fußballabteilung überstrahlt deutlich alles. Ich tauchte in die Welt des Vereins ein und besuchte die oben genannten Abteilungen, bevor es schließlich zum Fußballspiel in der Ausweichstätte Olympiastadion ging.
Doch Barcelona hat nicht nur den FC Barcelona. Mit Espanyol Barcelona gibt es einen zweiten Erstligisten, der zwar im Schatten des großen Nachbarn steht, aber dennoch eine eigene Identität und im Vergleich zum FCB eine fast leidenschaftliche Fanszene besitzt. Also war auch ein Besuch bei Espanyol Pflicht, um die Fußballkultur der Stadt noch besser kennenlernen zu können.
Dreh- und Angelpunkt der ersten Tage war die "La Rambla del Barça“ – und damit ist nicht die berühmte Promenade im Zentrum gemeint, sondern das Vereinsgelände des FC Barcelona rund um das alte Camp Nou. Auch wenn das Stadion wegen des Umbaus derzeit nicht nutzbar ist, bleibt das Gelände der zentrale Treffpunkt für Fans und Mitglieder. Hier befindet sich der Palau Blaugrana, die Mehrzweckhalle für verschiedene Sportarten, die ich in meinen ersten drei Tagen in Barcelona täglich besuchte.
Zunächst einmal schockierte mich aber der aktuelle Zustand des Camp Nou – der Verein wird mit dem Umbau-Großprojekt sichtbar nicht fertig. Zwischenzeitlich hatte man angepeilt, für die Rückrunde der laufenden Saison wieder in das legendäre Stadion zurückzukehren, doch beim Blick auf die Baustelle war dies wohl eher Wunschdenken. Von der einst imposanten Arena steht derzeit kaum mehr als das Grundgerüst. Die Ränge sind größtenteils abgetragen, und statt eines Fußballtempels blickt man auf eine riesige Baustelle mit Kränen, Gerüsten und offenen Betonflächen. Die Dimension des Projekts wird erst vor Ort richtig greifbar, und es scheint fraglich, ob Barça in absehbarer Zeit hier wieder spielen kann.
An meinem ersten Abend stand in der Palau Blaugrana das Rollerhockey-Spiel zwischen dem FC Barcelona und Pati Vic auf dem Programm. Barça gewann souverän und stellte mit dem 8:3-Sieg sogar einen spanischen Rekord auf – es war der 18. Sieg in Folge, was zuvor noch keinem Team gelungen war. Umso überraschender war es, dass die Partie quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Ich wusste nicht, was mich erwartet, aber als ich etwa eine Stunde vor Spielbeginn auf dem Gelände ankam, war es schon verdächtig ruhig. Auch in der Halle selbst war kaum etwas los. Letztlich verirrten sich maximal 150 Zuschauer an diesem Donnerstagabend in die Palau Blaugrana, was sich natürlich auch auf die Atmosphäre auswirkte. Für mich war es der erste Besuch eines Rollerhockey-Spiels – quasi Eishockey ohne Eis. Die Spieler bewegen sich auf Rollschuhen, und das Spiel ist in zwei Hälften unterteilt, die jeweils nur 25 Minuten dauern und damit kürzer sind als beim Eishockey. Durch die kompakte Spielzeit und das hohe Tempo wirkt die Partie noch intensiver, mit schnellen Angriffen und wenig Unterbrechungen. Trotz der geringen Zuschauerzahl war es durchaus unterhaltsam und bot ein temporeiches Spektakel.
Ebenfalls kurzweilig ging es am nächsten Abend weiter, als an gleicher Stelle die Futsal-Abteilung des FC Barcelona im Einsatz war. Gegen die Gäste vom FS Valdepeñas musste Barça jedoch eine 1:2-Niederlage hinnehmen – die einzige Pleite einer Barça-Abteilung, die ich während meines Aufenthalts miterlebte. Die Zuschauerresonanz war deutlich höher als am Abend zuvor, und erstmals kam in der Halle so etwas wie echte Heimspiel-Atmosphäre auf. Eine kleine Ultragruppe sorgte während der gesamten Spieldauer für Stimmung und unterstützte das Team lautstark – ein klarer Kontrast zum nahezu gespenstischen Rollerhockey-Abend.
Den Abschluss meiner kleinen Hallenreise bildete am folgenden Tag der Besuch der Handball-Abteilung des FC Barcelona. Gegner war CD Bidasoa Irún, und anders als in den beiden Spielen zuvor wurde es diesmal richtig spannend. Barça lag lange Zeit zurück, schaffte aber in der Schlussphase die Wende und siegte am Ende mit 32:30.  Besonders beeindruckend war die Atmosphäre während der Aufholjagd. Obwohl die Halle erneut nicht ausverkauft war und es diesmal keine organisierte Ultragruppe gab, entwickelte sich stellenweise ein kleiner Hexenkessel. Die Fans wurden mit jeder erfolgreichen Aktion lauter, und als Barcelona schließlich die Führung übernahm, war die Euphorie deutlich spürbar. Ein gelungener Abschluss meiner Erkundung der verschiedenen Sportarten des Vereins – doch nun wurde es Zeit für das große Finale: den Fußball.

Zum Gesamtpaket meiner Barça-Erfahrung gehörte natürlich auch ein Besuch im Vereinsmuseum, das sich ebenfalls auf der „La Rambla del Barça“ befindet. Durch mein Spielticket hatte ich den Zutritt bereits inbegriffen – also warum nicht mal reinschauen? Das Museum ist eine einzige große Lobeshymne auf den FC Barcelona. Titel ohne Ende, goldene Schuhe, alte Trikots und Bilder von legendären Momenten – hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Besonders ins Auge fällt die eigene Ecke von Lionel Messi, in der seine Ballon d’Or-Trophäen und andere persönliche Auszeichnungen ausgestellt sind. Kein Wunder, schließlich hat wohl kein Spieler die moderne Vereinsgeschichte so geprägt wie er. Trotz des aktuellen Umbruchs wird hier weiter der Anspruch vermittelt, ein Klub der Weltspitze zu sein. Ob das in den nächsten Jahren so bleibt, wird sich zeigen – aber im Museum lebt die große Vergangenheit des FC Barcelona auf jeden Fall weiter.


Mein Besuch in Barcelona krönte ich mit dem Spiel des FC Barcelona gegen Rayo Vallecano im Estadi Olímpic Lluís Companys – dem Olympiastadion von 1992. Dieses Stadion stand ohnehin auf meiner Liste, daher freute ich mich, dass Barça während der Umbauphase des Camp Nou hier seine Heimspiele austrug. Ursprünglich war geplant, dass der Verein genau zum Zeitpunkt meines Besuchs ins Camp Nou zurückkehrt, doch die Verzögerungen machen das Olympiastadion weiter zur aktuellen Spielstätte mindestens bis zum Saisonende.
Im Vergleich zu Real Madrid gestaltete sich der Ticketkauf bei Barça unkompliziert. Über die Vereinswebsite konnte ich bereits vor der genauen Terminierung des Spiels Tickets erwerben. Allerdings wählt man dabei nur die Kategorie; den konkreten Sitzplatz erfährt man erst wenige Tage vor dem Spiel, wenn das Ticket als PDF zugeschickt wird. Die exakte Spielansetzung in La Liga erfolgt oft erst kurzfristig, meist maximal drei Wochen vorher.
Das Olympiastadion liegt auf dem Montjuïc-Hügel und wurde ursprünglich für die Weltausstellung 1929 erbaut. Es war Austragungsort der Olympischen Spiele 1992 und fasst heute rund 55.000 Zuschauer. Tagsüber kann man das Stadion übrigens kostenlos besichtigen, was für Groundhopper eine nette Gelegenheit ist.
An einem Montagabend traf Barça auf Rayo Vallecano. Mit 45.296 Zuschauern war das Stadion gut gefüllt, aber nicht ausverkauft. Die Atmosphäre war enttäuschend: Überwiegend Touristen, kaum echte Fangesänge. Nur beim einzigen Tor des Abends, einem Elfmeter von Robert Lewandowski, kam kurz Stimmung auf. Vereinzelt hallten nostalgische "Messi, Messi"-Rufe durch das Rund. In der ersten Halbzeit blieb ich auf meinem zugewiesenen Platz. In der zweiten Hälfte erkundete ich das Stadion und machte Fotos aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Ordner hatten damit kein Problem – es schien, als wäre das Spiel eher eine Touristenattraktion.
Auffällig war die Abwesenheit der Ultras. Der FC Barcelona hat seit 2003 offiziell Stadionverbot für seine Ultras, die "Boixos Nois", ausgesprochen. Der Grund dafür liegt in der gewaltbereiten Vergangenheit der Gruppe, die in den 1980er- und 1990er-Jahren immer wieder mit rechtsextremen Tendenzen, Hooliganismus und gewalttätigen Auseinandersetzungen auffiel. Besonders unter dem damaligen Präsidenten Joan Laporta wurde ein harter Kurs gegen die Gruppe gefahren, weshalb sie aus dem Stadion verbannt wurde. Zudem soll es Unmut über die Ausweichspielstätte geben, was zu einem Boykott seitens der organisierten Fans führt. Die fehlende Stimmung im Olympiastadion ist also eine Mischung aus der ohnehin restriktiven Haltung des Vereins gegenüber Ultra-Gruppen und der allgemeinen Unzufriedenheit mit der vorübergehenden Spielstätte auf dem Montjuïc.
Das Spiel im Olympiastadion war für mich als Groundhopper definitiv ein interessantes Erlebnis. Die Stimmung war zwar absolut mau, aber immerhin konnte ich mir das Stadion mal bei einem Pflichtspiel anschauen. Klar, Barça ohne echtes Heimspiel-Feeling ist irgendwie seltsam, aber am Ende zählt: Ein weiterer Ground besucht, ein weiteres Fußballspiel mitgenommen – genau darum geht’s ja.

17. Februar 2025 - FC Barcelona gg Rayo Vallecano - 1:0
La Liga - 24. Spieltag - Estadi Olimpic Lluis Companys, Barcelona - 45.296 Zuschauer

Nach dem eher ernüchternden Erlebnis beim Barça-Spiel im Olympiastadion lohnt sich ein Blick zurück auf den Vortag – denn schon am Sonntag stand mit Espanyol Barcelona der zweite große Klub der Stadt auf meinem Plan. Spannenderweise hatte auch Espanyol früher im Olympiastadion gespielt, bevor der Verein 2009 endlich sein eigenes Zuhause bekam. Das RCDE Stadium, auch bekannt als Estadi Cornellà-El Prat, liegt etwas außerhalb im Süden der Stadt und fasst rund 40.000 Zuschauer. Ein echtes Fußballstadion, das zwar nicht die Strahlkraft des Camp Nou hat, aber dafür ein klareres Profil als Heimstätte von Espanyol besitzt.
Für mein Barcelona-Wochenende hatte ich mir extra ein Datum ausgesucht, an dem beide Teams ein Heimspiel haben würden. Die feste Terminierung kam dann aber erst drei Wochen vor dem Spiel und brachte einen kurzen Zittermoment mit sich – zum Glück wurde Espanyol auf den Sonntag angesetzt, während das Barça-Spiel auf den Montagabend fiel. So konnte ich beide Klubs in nur 48 Stunden live erleben.
Die Ticketbeschaffung für das Spiel gegen Athletic Bilbao verlief problemlos über die Vereinswebsite, wobei ich meinen Sitzplatz hier direkt auswählen konnte. Am Spieltag selbst war das Stadion mit 26.645 Zuschauern zwar nicht ausverkauft, aber die Atmosphäre war trotzdem ordentlich. Im Vergleich zum Barça-Spiel waren hier deutlich mehr Einheimische als Touristen anwesend, was sich positiv auf die Stimmung auswirkte. Besonders hervorzuheben war die Hymne vor dem Spiel, die von den Fans a cappella zu Ende gesungen wurde und dabei definitiv für Gänsehaut sorgte. Die restliche Stimmung war zwar gut, aber jetzt auch nicht überragend – dennoch war es deutlich lebendiger als beim großen Nachbarn. Während des Spiels sorgten die Espanyol-Anhänger für eine lebhafte, wenn auch nicht überwältigende Atmosphäre. Die Unterstützung für ihr Team war spürbar, und die Fangesänge hallten regelmäßig durch das Stadion. Im Vergleich zum Spiel des FC Barcelona war die Stimmung hier deutlich authentischer und leidenschaftlicher.
Insgesamt bot mir das Wochenende in Barcelona einen interessanten Kontrast zwischen den beiden großen Fußballvereinen der Stadt. Während der FC Barcelona derzeit in einer Übergangsphase steckt und dies auch die Spielatmosphäre beeinflusst, präsentierte sich Espanyol als bodenständiger Klub mit einer engagierten Fanbasis. Für Groundhopper und Fußballromantiker ist ein Besuch bei Espanyol definitiv empfehlenswert.
Im Anschluss an das Spiel von Espanyol tauchte ich dann noch in den spanischen Amateurfußball ein. Direkt neben dem RCDE Stadium liegt das Nueva Municipal Cornellà, Heimat von UE Cornellà, und dorthin führte mich mein Weg für ein weiteres Fußballerlebnis. Hier trafen UE Cornellà und CE Sabadell FC in der Segunda División RFEF aufeinander, hierbei handelt sich um die 4. Liga des spanischen Fußballs.
Das Spiel selbst war ein munteres 2:2, vor allen Dingen in der Schlussphase mit einigen hektischen Szenen auf dem Platz. Das Nueva Municipal Cornellà ist ein überschaubares Stadion mit einer Haupttribüne, deren äußerer Teil durch Flatterband abgesperrt war und als Auswärtsblock diente – hier hatten sich etwa 50 Fans von Sabadell eingefunden. Auf der gegenüberliegenden Seite der Tribüne war die Heimkurve vertreten, eine Ultragruppe von Cornellà, die nicht nur mit lautstarken Gesängen auf sich aufmerksam machte, sondern auch eine Zaunfahne mit der Aufschrift „Hooligans“ präsentierte. Ein spannendes Spiel, das noch mal einen ganz anderen Einblick in die Fußballkultur Spaniens gab. Abseits der großen Ligen merkt man erst recht, das hier fast mehr Leidenschaft im Fußball steckt als bei den großen Vereinen.

16. Februar 2025 - Espanyol Barcelona gg Athletic Bilbao - 1:1
La Liga - 24. Spieltag - RCDE Stadium, Barcelona - 26.645 Zuschauer

16. Februar 2025 - UE Cornellà gg CE Sabadell FC - 2:2
Segunda Division RFEF - 23. Spieltag - Nueva Municipal Cornellà, Barcelona - ca. 600 Zuschauer

Die Woche in Barcelona war auf jeden Fall vielfältig und hat mir viele interessante Eindrücke vom spanischen Fußball verschafft, von den großen Vereinen bis hin zu den Amateurspielen. Ich konnte den FC Barcelona in mehreren Sportarten erleben, von Rollerhockey über Futsal bis hin zum Handball, was ein rundes Bild des Vereins und seiner riesigen Sportkultur bot. Trotzdem muss ich sagen, dass Barcelona für mich im Vergleich zu Madrid nicht ganz diese allgegenwärtige Fußballatmosphäre hatte, die ich in der spanischen Hauptstadt so stark gespürt habe.Würde ich mich also noch einmal entscheiden müssen, würde ich ohne zu zögern nach Madrid reisen. Madrid hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, sei es durch die Atmosphäre der Stadt, die Fußballszenen oder die unzähligen Sehenswürdigkeiten, die einen dort erwarten. Barcelona hat dagegen eine andere, ruhigere Seite, die ebenfalls ihren Charme hat. Es war mein erster Besuch dort, und obwohl der Fußball hier nicht immer die gleiche Durchschlagskraft wie in Madrid hatte, war es definitiv eine Reise wert. Und wenn das neue Camp Nou irgendwann fertiggestellt wird, dann werde ich auf jeden Fall wiederkommen – um die Magie dieses Vereins an einem noch größeren Ort zu erleben. Aber bis dahin bleibt Madrid meine erste Wahl, wenn es um den spanischen Fußball geht.