Donnerstag, 15. April 2021

#Geschaut: Bokal-Rettung - Das Wunder von St. Pauli

Der NDR bleibt das Nonplusultra was Dokumentationen aus der Welt des Sports angeht. Erst vor kurzem veröffentlichte man einen Film über den Fast-Bundesligisten VfB Oldenburg und seine erfolgreichste Zeit Anfang der 1990er Jahre. Dazu gibt es auch Material zu anderen sportlichen Ereignissen wie die Tour de France 1997 mit dem ersten deutschen Sieger Jan Ullrich oder dem Box-Jahrhundertkampf zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier aus dem Jahr 1971.
Nun legt man eine neue Fußball-Dokumentation vor, welche sich mit der DFB Pokalsaison 2005/06 und dem Rausch des FC Sankt Pauli beschäftigt. Die Spielzeit ging in die Hamburger Fußballgeschichte ein und man spricht bis heute über die sagenumwobene B-Serie. Man traf nämlich nur auf Gegner die mit dem Buchstaben B beginnen. Los ging die Reise gegen Burghausen, bevor man über Bochum, Berlin und Bremen auf die Bayern traf und dort die Reise im Halbfinale zu Ende ging. Es ist die Geschichte eines echten Pokalwunders, denn der FC Sankt Pauli spielte seit 2003 nur noch in der drittklassigen Regionalliga und war finanziell derart angeschlagen, dass der komplette Konkurs nur noch eine Frage der Zeit war. Durch die Zusatzeinnahmen im Pokal konnte man dieses Schreckensszenario nicht nur abwenden, sondern legte auch den Grundstein für den neuen moderneren FC Sankt Pauli. Ein Jahr später kehrte man in die 2. Bundesliga zurück und gleichzeitig begann die schrittweise Erneuerung des Millerntor-Stadion.
Die DFB Pokal Spiele fanden aber alle noch im ursprünglichen Millerntor-Stadion statt, welches sich damals schon in einem ziemlich heruntergerocktem Zustand befand. So reist man mit der Dokumentation, in eine Zeit in der die große Kommerzialisierung des Fußballs zwar schon begonnen hatte, von welcher man damals in Sankt Pauli aber noch nichts merkte. Die 45 Minute lange Doku zeigt echten Fußball, Spieler die sich mit ihrem Verein identifizieren und für ihn alles geben werden. Neben Spielszenen und wieder sehen mit alten Bekannten, gibt es auch aktuelle Interviews mit den ehemaligen Pokalhelden, welche sich an die glorreiche Spielzeit erinnern. Überragend ist die Sequenz des Halbzeit-Interviews im Spiel gegen Bremen, wo der damalige Sankt Pauli Präsident Corny Littmann zusammen mit Bremen Vorstand Klaus Allofs im ARD-Studio steht und Littmann´s Handy in Dauerschleife klingelt und er es verzweifelt versucht auszuschalten. Allofs war ohnehin schon angewidert, da das Spiel seiner Meinung nach auf Grund einer geschlossenen Schneedecke, gar nicht hätte angepfiffen werden dürfen. So entsteht eine schöne Situationskomik.
Der NDR veröffentlicht erneut einen herausragenden Rückblick auf ein Stück Fußballzeitgeschichte, welches man sich unbedingt angucken sollte. Der Film ist nicht nur auf Youtube oder in der ARD Mediathek verfügbar, es gibt auch einen vierteiligen Podcast, welcher als Begleitmaterial veröffentlicht wurde und bei sämtlichen Anbietern verfügbar ist.
* Bild oben links: Screenshot aus der NDR Doku - Das DFB-Pokal-Wunder des FC St. Pauli

Montag, 5. April 2021

#Gelesen: Auswärts alle asozial

Der Lockdown dauert an und immer noch scheint das nächste Live-Spiel in weiter Ferne. Um den Blog auch in einer Zeit ohne Groundhopping und Besuchen von Sportevents weiter mit Leben zu befüllen, habe ich mir überlegt nun unregelmäßig die ein oder andere Sport-Literatur hier kurz und kompakt vorzustellen. Das können sowohl Bücher, als auch Filme oder Dokumentationen sein. Hauptsache Sport spielt im jeweiligen Werk zumindest eine Nebenrolle.
Beginnen möchte ich mit dem Anfang März 2021 erschienen Buch von Uwe Leuthold, welches den einprägsamen Titel "Auswärts alle asozial" trägt. Der Autor erzählt die Geschichte eines interessanten Projektes welches er in der Zweitliga-Saison 2017/18 im Rudolf-Harbig-Stadion von Dynamo Dresden durchzog. Leuthold ist laut eigener Aussage seit Ende der 1980er Jahre Dynamo Fan und regelmäßig bei Dresdens Heimspiele im legendären und gefürchteten K-Block anzutreffen. Doch wie groß ist eigentlich der Respekt der Auswärtsfans vor der Stimmung in Dresden und wie tickt eigentlich der "Auswärtsmob" der anderen Vereine. Um dieses herauszufinden ging er seinem Verein ein Jahr fremd und begab sich zu allen Heimspielen der Saison 17/18 in den Auswärtsblock des Dynamo Stadions und schrieb seine Eindrücke auf. So entstand ein sehr kurzweiliges Taschenbuch mit 171 Seiten, jedem Verein wird ein eigenes Kapitel gewidmet wodurch man das Buch sehr schnell weglesen kann. Herausgekommen ist ein interessanter Einblick in die jeweiligen Fanszenen und man bekommt einen guten Eindruck des krassen Kontrastes innerhalb der 2. Liga. Da waren zum einen die Vereine mit großer Anhängerschaft wie Sankt Pauli oder Nürnberg, aber auch die kleinen Fanszenen wie Sandhausen in denen es fast schon familiär zugeht. Das ein oder andere bekannte Vorurteil über Ultragruppen wird im Buch ebenso bestätigt, wie es auch Überraschungen für den Autor während seiner Spielbesuche gab. So kommt nicht nur ein interessantes Werk für den Dynamo-Fan heraus, sondern auch ein lesenswertes Buch für den geneigten Fußballfan, der in Coronazeiten gerne mal wieder selber ins Stadion möchte.

"Auswärts alle asozial" gibt es für 9,90€ unter anderem bei Amazon.

Dienstag, 23. März 2021

Historische Grounds #07 - Waldstadion am Erbsenberg in Kaiserslautern

Kaiserslautern kann ohne Zweifel als Fußballstadt bezeichnet werden, das gesamte Stadtbild wird überragt vom legendären Betzenberg auf dem das Fritz-Walter-Stadion steht. Dort ist der viermalige Deutsche Meister 1. FC Kaiserslautern beheimatet, welcher die Stadt und den "Betze" durch seine sportlichen Erfolge weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt machte. Was aber nur der hart gesottene Fußballfan weiß ist, dass nur einen Steinwurf vom Betzenberg entfernt ein echtes Prachtstück der Stadionarchitektur steht. Der kleine Bruder des Betzenberg ist der Luftlinie nur etwa 400 Meter entfernte Erbsenberg, auf welchem sich das "Waldstadion am Erbsenberg" versteckt, die Heimat des VfR Kaiserslautern. Der "Verein für Rasenspiele" war jahrelang die Nummer zwei im Stadtgebiet und machte den großen "Roten Teufeln" vor allen Dingen in den 1950er Jahren mächtig Konkurrenz als beide Mannschaften Teil der Oberliga Südwest waren, damals die höchste Spielklasse.
Seit 1920 spielt man unter dem Namen VfR Kaiserslautern, die Ursprünge des Vereins gehen aber auf das Jahr 1906 zurück, weshalb diese Jahreszahl in den Annalen als Gründungsjahr geführt wird. Erster Stammverein ist der 1893 gegründete MTV Kaiserslautern, in dem 1906 eine eigenständige Fußballabteilung entstand. Diese spaltete sich bereits zwei Jahre später ab und wurde zum eigenständigen "FC Bayern 1906 Kaiserslautern". Im März 1920 fusionierte der "FC Bayern Kaiserslautern" dann mit der 1910 entstandenen "SpVgg 1910 Kaiserslautern" zum "VfR Kaiserslautern". Zu diesem Zeitpunkt gab es in der damals noch kurzen Vereinshistorie noch keine Berührungen mit dem Erbsenberg. Bis 1925 spielte man im Stadion Eselsfürth, im Nordosten der Stadt. Als dieses einer Radrennbahn weichen musste, bekam man einen neuen Sportplatz auf der Wormser Höhe zugeteilt. Das neue Gelände, ebenfalls im östlichen Kaiserslautern gelegen, wurde mit einem Spiel gegen den Karlsruher FV eingeweiht. 1936 beanspruchte dann das Militär das Areal und der VfR Kaiserslautern war erneut zum Umzug gezwungen und fand seine neue Heimat auf dem Erbsenberg. In einer Waldlichtung baute man das "Waldstadion am Erbsenberg", welches der Verein am 14. August 1938 mit einem erneuten Spiel gegen den Karlsruher FV eröffnen konnte, im Vorfeld des Eröffnungsspiels organisierten Vereinsmitgleiter des VfR einen Festzug vom Wiesenplatz in der Stadtmitte bis zum neuen Stadion und rührten so die Werbetrommel. Seit der Eröffnung steht auch die alte Holztribüne auf dem Erbsenberg, diese stand bereits zuvor auf der Wormser Höhe, wurde mit dem Abgang des VfR dort abmontiert und auf der Erbse wieder errichtet.
Wie der Betze thront auch der Erbsenberg über Kaiserslautern
Foto: VfR Kaiserslautern Vereinshomepage

Mit Ende des zweiten Weltkrieges gab es immer wieder Berührungspunkte mit dem großen Bruder, dem 1. FC Kaiserslautern, der immer die klare Nummer eins im Stadtgebiet war. In der Saison 1944/45 gab es für kurze Zeit eine Kriegsspielgemeinschaft Kaiserslautern, welche aus Spielern des VfR und den Roten Teufeln bestand. Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt noch in vollem Gange und so bestritt die Spielgemeinschaft gerade einmal zwei Freundschaftsspiele. Nach Beendigung der Truppenkämpfe gingen beide Mannschaften wieder ihren eigenen Weg, nur der 1. FC Kaiserslautern hatte zunächst keine eigene Spielstätte mehr, da der Betzenberg nach Kriegsende vom französischen Militär beschlagnahmt wurde. Der VfR half seinem Lokalrivalen großzügig aus und so waren auch die Roten Teufel für ein halbes Jahr auf dem Erbsenberg beheimatet. Pflichtspiele gab es kurz nach Kriegsende noch keine, sodass der FCK nur Freundschaftsspiele auf der Erbse austrug.
Während die Roten Teufel mit Wiederaufnahme des Spielbetriebes der neu gegründeten höchstklassigen Oberliga zugeteilt wurden, spielte der VfR zunächst niederklassig. Trainiert wurden die Blau-Schwarzen in dieser Zeit nebenbei von einem gewissen Fritz Walter. Der Kapitän des FC Kaiserslautern führte den VfR in der Saison 1948/49 zur Meisterschaft der westpfälzischen Amateurliga, welches den Aufstieg in die erstklassige Oberliga zufolge hatte. Die Mannschaft konnte sich über die Jahre in der Spielklasse etablieren und wurde bis zur Auflösung im Jahr 1963 ein fester Bestandteil der Liga. Zwei Abstiege in den Spielzeiten 58/59 sowie 60/61 wurden jeweils mit dem sofortigen Wiederaufstieg schnell vergessen gemacht.
In der Oberliga Zeit kam es auch immer wieder zu direkten Duellen gegen den Primus der Stadt. Der VfR war gegen den FCK aber immer in der klaren Außenseiterrolle und so spricht die Statistik eindeutig für die Roten Teufel. Von den insgesamt 22 Partien in der Oberliga verlor der VfR Kaiserslautern insgesamt 20. Nur ein einziges mal wurde das Stadtderby gewonnen, am 28. Spieltag der Saison 1951/52 besiegte der VfR Kaiserslautern den FCK auf der Erbse mit 4:2. Dieser 23. März 1952 ging in die Gesichtsbücher der Erbsenkicker ein, war es doch bis heute der erste und letzte Erfolg gegen den FCK auf dem Erbsenberg (Anmerkung: Einen weiteren Sieg gegen die Roten Teufel feierte der VfR 1936 mit einem 2:0 auf der Wormserhöhe). Torschützen und vor allen Dingen Zuschauerzahlen aus dieser Zeit sucht man schon beinahe vergeblich. Auf dem Platz stürmte für den VfR aber der ehemalige deutsche und auch polnische Nationalspieler Ernst Otto Willimowski, der zwischen 1951 und 1955 auf dem Erbsenberg spielte. Der gebürtige Pole, der insgesamt neun Spiele für die deutsche Nationalelf bestritt und dabei 13 Tore schoss, drückte dem VfR Kaiserlautern seinen Stempel auf, sodass die Mannschaft zeitweise nur noch als Willimowski-Elf bezeichnet wurde.
Ein offizieller Zuschauerrekord des Waldstadion am Erbsenberg ist ebenso wenig überliefert, wie Zuschauerzahlen allgemein aus der Oberligazeit. Einzig als sich im August 1956 zum Höhepunkt der Feierlichkeiten des 50. Vereinsjubiläum eine Mannschaft aus Spielern der Oberliga-Lokalrivalen des VfR Kaiserslautern und 1. FC Kaiserslautern bildete und auf dem Erbsenberg in einem Freundschaftsspiel auf das niederländische Spitzenteam Fortuna Geelen traf, sollen 3.000 Menschen den 4:2 Sieg der "Kaiserslauterer Stadtauswahl" gesehen haben.
Die letzte Saison der Oberliga 1962/63 beendete man auf Tabellenplatz 13 und kam damit nicht in Frage eines der 16 Gründungsmitglieder der neu eingeführten Bundesliga zu werden. Stattdessen spielte man fortan in der neuen zweitklassigen Regionalliga Südwest, in derer ersten Saison man sich mit Platz sieben noch in der oberen Tabellenhälfte behaupten konnte. Schon das zweite Regionalligajahr beendete man mit dem Abstieg und dem Gang in die Drittklassigkeit. In der 1. Amateurliga Südwest etablierte man sich nun zumindest vorläufig und hatte zeitweise sogar die Möglichkeit auf die Regionalliga Rückkehr, daraus sollte aber nichts mehr werden. 1975 folgte der dann der Abstieg aus der 1. Amateurliga und der Beginn einer Abwärtsspirale, welche den VfR immer weiter in die Tiefen des Amateurfußballs zog. Die großen Fußballtage auf dem Erbsenberg gingen zu Ende, heute spielt der VfR Kaiserslautern in der siebtklassigen Landesliga und lag zum Zeitpunkt der unterbrochenen Saison 2020/21 auf Platz zwei und hatte damit Ambitionen auf einen Aufstieg in die Verbandsliga angemeldet.
Auch wenn die großen Zeiten des VfR Kaiserslautern gezählt scheinen, der Flair des Erbsenberg ist bis heute vorhanden und lässt sich schon beim Betreten der Anlage nicht abstreiten. 1959 ging das Gelände in das Vereinseigentum der Hausherren über, 1965 eröffnete man noch ein neues Vereinsheim, welches an die alte Holztribüne angeschlossen ist. Seit dem hat sich am Stadion und an der Tribüne aber nicht mehr viel verändert und das Waldstadion am Erbsenberg lässt sich damit heute als nostalgisch deklinieren. Zu Spitzenzeiten fanden 15.000 Menschen einen Platz auf dem Erbsenberg, heute ist das Fassungsvermögen auf 5.000 Zuschauer begrenzt. Es lassen sich noch Teile einer Aschelaufbahn erahnen, diese ist aber unbenutzbar, wodurch der Erbsenberg ein reines Fußballstadion ist. Vergebens sucht man eine Fluchtlichtanlage in dem Oval, welches neben der Holztribüne komplett von Stufentraversen umbaut ist. Vor allen Dingen auf der Gegengerade hat sich mittlerweile die Natur ein Stück des Stadions zurück erobert, trotzdem lässt sich der komplette Stadionumlauf noch vollständig begehen. Am 14. September 2020 hatte ich die Möglichkeit die Anlage auf dem Erbsenberg zu fotografieren, dabei entstanden bei wunderschönem Spätsommerwetter die folgenden Aufnahmen.

Die Eingangspforte des "Stadion - Erbsenberg"
Mit dem Torbogen verwachsen ist das "Speiserestaurant
Erbsenberg", welches an sechs Wochentagen gut bürgerliche
Küche anbietet
Der Blickfang des Stadions ist die Holztribüne
Die Holztribüne stand zuvor im Stadion auf der Wormser
Höhe, wo der VfR bis 1936 spielte
Auf dem Erbsenberg wurde die Tribüne auf einem
Sandstein-Fundament wieder errichtet
Schätzungsweise 700 Sitzplätze bietet die Tribüne
Die Plätze auf den Holzbänken sind teilweise nummeriert
Trotz des mittlerweile stattlichen Alters ist die Tribüne
immer noch in einem bemerkenswert gutem Zustand
Blick auf die Tribüne von einer der Kurven aus
Links wie rechts der Tribüne gibt es eine ausgebaute
Stufentraverse
Die Traversen auf der Hauptgerade sind gepflegt
Während die Gegengerade schon teilweise renaturiert ist
Der Stadionumlauf ist aber noch komplett begehbar
In einer der Kurven steht die Anzeigetafel des Stadions
Blick von einer der Eckfahnen auf die Tribüne
Ein letzter Blick in das Waldstadion am Erbsenberg

Dies war der siebte Teil unserer Serie über historische Fußballstadien, zuvor blickten wie bereits auf das mittlerweile abgerissene Stadion am Hermann-Löns-Weg in Solingen, das Röntgen Stadion in Remscheid, auf das Jahnstadion in Mönchengladbach, die Westkampfbahn in Düren, das Grotenburg-Stadion in Krefeld und zuletzt auf das Stadion Mittelwiese in Ruhla. Folgt mir bestenfalls auf Twitter und erfahrt dort sofort wenn ein neues Feature erscheint.

Donnerstag, 10. Dezember 2020

Historische Grounds #06 - Stadion Mittelwiese in Ruhla

Wir befinden uns in der thüringischen Bergstadt Ruhla, ein unscheinbares Städtchen im Thüringer Wald am Rande des Rennsteigs. Doch die Stadt südöstlich von Eisenach bringt einige interessante Geschichten mit sich, so steht hier beispielsweise mit der St. Concordia die einzige Winkelkirche Deutschlands, welche sich noch in ihrem ursprünglichen Bauzustand befindet. Im zweiten Weltkrieg blieb das Ruhlaer Stadtgebiet weitgehend unversehrt, damals verfügte man noch über einen Kopfbahnhof, wo von Ende 1944 bis März 1945 der "Salonwagen von Compiégne" versteckt wurde, in welchem 1918 der Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Kaiserreich und dem britisch-franzöisch-russischen Kampfbündnis vereinbart wurde. Im selben Wagen wurde 1940 die Kapitulation Frankreichs gegenüber dem Deutschen Reich unterschrieben, der ehemalige Speisewagen blieb während seiner Zeit in Ruhla unberührt. Im März 1945 wurde der Wagen ins etwa 50 Kilometer entfernte Crawinkel gefahren und dort komplett zerstört. Die Stadtgeschichte Ruhlas wurde durch die Uhreinindustrie geprägt. 1862 meldeten die Gebrüder Thiel ihr erstes Gewerbe in Ruhla an und starteten eine große Erfolgsgeschichte. 1891 lief die erste Ruhlaer Taschenuhr vom Band, welche ein weltweiter Verkaufsschlager wurde und vor allem in den USA großen Anklang fand. Während der beiden Weltkriege stellte man ausschließlich Zeitzünder für die Rüstungsindustrie her, bevor man sich ab 1945 wieder auf die serienmäßige Herstellung von Uhren und damit das eigentliche Kerngeschäft konzentrierte. 1961 brachte man als nunmehr VEB (volkseigener Betrieb) die erste elektrische Armbanduhr der DDR auf den Markt. Erfolgreichstes Modell aus Ruhla war das "Kaliber 24", welches bis 1991 über einhundert Millionen Mal verkauft wurde. Die Uhrenwerke Ruhla waren eine der größten Arbeitgeber im Umkreis und die Mitarbeiter fertigten täglich bis zu 30.000 Stück des erfolgreichen Export-Modells. Nach der Wende wurde das VEB Uhrenwerk Ruhla privatisiert, über die Jahre ging die Uhrenproduktion deutlich zurück und beschränkt sich heutzutage auf ein Minimum. Im Sommer 2019 musste der letzte verbleibende Uhrenhersteller im Stadtgebiet Insolvenz anmelden und wurde von einem internationalen Uhrenhersteller aufgekauft. Zuvor waren bereits ein Großteil der ehemaligen Werks- und Produktionsgebäude abgerissen worden, übrig blieb nur das ehemalige Verwaltungsgebäude, welches heute ein Uhrenmuseum beheimatet. Noch immer bezeichnet man Ruhla als Uhrenstadt, obwohl sich das Stadtbild mittlerweile stark verändert hat, aus der ehemaligen Industriestadt wurde der heute staatlich anerkannte Erholungsort.
Sport spielt in Ruhla keine Hauptrolle, maximal der Wintersport wird hier noch gefördert. Die 5.500 Einwohner Kleinstadt verfügt über eine eigene Skisprungschanze, auf welcher regionale Wettbewerbe ausgetragen werden. Ganz versteckt auf einem Berg oberhalb des Stadtzentrums, am Ende einer Einbahnstraße findet der geneigte Fußballfan aber das "Stadion Mittelwiese", die Heimat des EFC Ruhla 08. Der Verein spielt aktuell seit vielen Jahren in der achtklassigen Kreisoberliga Westthüringen, doch zu DDR Zeiten war das Stadion Mittelwiese tatsächlich Schauplatz von Zweitliga-Spielen. Auf Platz 127 der ewigen Tabelle der DDR-Liga findet man die TSG Ruhla, welcher insgesamt drei Spielzeiten im Unterbau der DDR-Oberliga verbrachte. Obwohl der erste Fußballverein in Ruhla bereits 1906 gegründet wurde, trägt man bis heute die 08 im Vereinsnamen. Erster Stammverein war der "FC Ruhla 06", welcher sich aber bereits vier Jahre später schon wieder aufgelöst hatte und als "FC Wacker Ruhla" neu gegründet wurde. Nach einer Fusion mit der "Jungmannschaft 08 Ruhla" zu "BC Wacker 08 Ruhla" war und ist die Jahreszahl 08 bis heute fest mit dem Fußball in Ruhla verbunden. Nach weiteren Fusionen trat der Verein in den folgenden Jahren unter zahlreichen neuen Namensvarianten an. "Vereinter BC Ruhla 08", "BC Ruhla 08", bevor man sich 1936 nach Vorgabe des NS-Reichbundes in "VfL Ruhla" umbenennen musste. Sportlich war man in der Anfangszeit meist nur in der Kreisklasse unterwegs, verbrachte aber auch einige Spielzeiten in der höherklassigen Meisterschaft des Wartburggau.
Mit Ende des zweiten Weltkrieges wurde auch der "VfL Ruhla" aufgelöst, einen großartigen Spielbetrieb hatte es seit 1942 ohnehin nicht mehr gegeben. Es folgte eine weitere Neugründung, diesmal als "SG Ruhla", aus welcher mit der DDR-Gründung im Jahr 1949 die "ZSG Ruhla" wurde. Der Verein erlebte nun den fast schon typischen Wandel eines DDR-Vereins. 1952 wurde man zur "BSG Motor Nord Ruhla" und stieg 1955 erstmals in die drittklassige Bezirksliga auf, welche aber nur drei Spielzeiten gehalten werden konnte. Die sportlich erfolgreichste Fußballzeit in Ruhla begann dann 1965, als die beiden Betriebssportmannschaften "Motor Nord Ruhla" und der Stadtrivale und Namensvetter "Motor Süd Ruhla" zur "TSG Ruhla" fusionierten. Gleichzeitig stieg auch der bereits erwähnte “VEB Uhren- und Maschinenenkombinat Ruhla” als Trägerbetrieb in das Vereinsleben ein und sorgte damit für erheblich verbesserte Rahmenbedingungen. Ein echtes Highlight der Ruhlaer Fußballgeschichte gab es am 17. August 1966, als die DDR Nationalmannschaft ein Testspiel gegen die TSG Ruhla bestritt. Die TSG gehörte damals noch der Kreisklasse an und verstärkte ihr Team für das große Spiel mit einigen Leihspielern von "Motor Gotha" aus der Bezirksklasse. 6000 Zuschauer sahen eine 0:3 Niederlage der Ruhlaer Elf, das Spiel wurde damals auf dem Sandplatz im kleinen Stadtteil Thal ausgetragen. Die DDR-Elf sah dies als Testlauf für eventuell zukünftige Spiele auf selbigen Untergrund, zu welchen es aber nie kam. Der eigentliche Heimplatz der Ruhlaer Fußballmannschaften war seit 1928 der "Sportplatz Mittelwiese", welcher nach dem Einstieg der Uhrenwerke zum "Stadion Mittelwiese" ausgebaut wurde. Das ausgebaute Stadion wurde am 7. Oktober 1969 als "Stadion der Fahrzeugelektriker" eröffnet und erneut gelang es den Betriebsoberen die Nationalmannschaft in die Uhrenstadt zu locken. 8000 Zuschauer verfolgten das Testspiel zwischen der DDR Elf und Vasas Budapest live vor Ort.
Die TSG machte ab Anfang der 1970er Jahre wieder sportlich auf sich aufmerksam und kehrte zur Saison 1972/73 nach 15 Jahren Pause wieder in die drittklassige Bezirksliga Erfurt zurück. Bereits ein Jahr später beendete man die Liga als Meister und schaffte den Aufstieg in die zweitklassige DDR Liga. Der Unterbau der DDR-Oberliga war damals in fünf Staffeln à 12 Teams aufgeteilt. Für die TSG Ruhla erwies sich der schnelle Durchmarsch in die Zweitklassigkeit aber zunächst als eine Nummer zu groß. Das Team war überfordert mit den Mannschaften aus der Tabellenspitze, wie Wismut Gera und Motor Suhl. Am Ende der Premierensaison standen gerade mal drei Siege bei fünf unentschieden und vierzehn Niederlagen zu Buche, das bedeutete den letzten Tabellenplatz und die sofortige Rückkehr in die Bezirksliga. In der ersten Ruhlaer DDR-Liga Saison war das Zuschaueraufkommen im Stadion Mittelwiese am höchsten. Zum allerersten Heimspiel am 2. Spieltag gegen Wismut Gera kamen immerhin 1.900 Fans ins Stadion, ein Zuschauerrekord für Ligaspiele der TSG welcher bis heute nicht überboten werden konnte.
In der folgenden Spielzeit war man erstmals im FDGB-Pokal, dem nationalen Pokalwettbewerb der DDR startberechtigt und schaffte immerhin den Einzug in die Zwischenrunde, nachdem man in der 1. Hauptrunde mit 1:0 gegen die BSG Stahl Blankenburg gewonnen hatte. Das Spiel in der Zwischenrunde verlor Ruhla dann deutlich mit 1:4 gegen Motor Suhl. Der Beginn einer sportlichen Talfahrt, denn schon am Ende der Saison 1976/77 stieg man als Tabellenletzter auch aus der Bezirksliga ab. Ein Missgeschick welches schnell wieder behoben werden konnte, denn schon nach einem Jahr kehrte man in die Liga zurück und setzte sich von nun an jede Saison in der oberen Tabellenhälfte fest, welches am Ende der Spielzeit 1981/82 in den Meistertitel und die Rückkehr in die DDR-Liga mündete. Hier schaffte man in der drauf folgenden Spielzeit nicht nur den Klassenerhalt, sondern setzte auch die ein oder andere Duftmarke auf dem Spielfeld. Am 3. Spieltag bezwang man zu Hause vor 1.250 Zuschauern den späteren Meister Wismut Gera mit 3:2, der 0:6 Auswärtserfolg am 20. Spieltag gegen Motor Steinach ist der höchste Sieg der Ruhlaer-Zeit in der DDR-Liga. Der achte Platz reichte man Ende souverän zum Klassenerhalt und für eine weitere Spielzeit in der zweithöchsten Liga. Diese sollte aber am Ende der Saison 1983/84 von fünf auf zwei Staffeln verringert werden, das hieß für die TSG Ruhla, nur einer der ersten sechs Tabellenplätze würde für einen Ligaverbleib reichen. Obwohl man am 21. Spieltag den späteren Meister und Oberliga-Aufsteiger Motor Suhl auswärts mit 0:4 besiegte, scheiterte das Vorhaben Klassenerhalt deutlich und mit Tabellenplatz zehn ging es wiederum zurück in die Bezirksliga.
Motor Suhl begegnete Ruhla aber auch in der drauf folgenden Saison noch einmal. Suhl reiste als nunmehr Erstligist ins Stadion Mittelwiese und traf in der ersten Runde des FDGB-Pokal auf Bezirksligist TSG Ruhla und erneut gewannen die Spieler aus der Uhrenstadt. 2:1 stand am Ende der Verlängerung auf dem Notizzettel des Schiedsrichters und Suhl hatte seinen Angstgegner gefunden. Dieser Sieg der Mannschaft aus Ruhla ist fast schon ein kleiner Meilenstein, es war erst das dritte mal in der DDR-Pokalgeschichte, dass ein Drittligist, ein Team aus der Oberliga aus dem Wettbewerb werfen konnte. Das gleiche Kunststück sollte bis zum Ende des DDR-Fußballs nur noch zwei weiteren Mannschaften gelingen. Das Spiel der zweiten Pokal-Hauptrunde verlor Ruhla dann mit 0:1 gegen einen weiteren Oberligisten und ehemaligen DDR Meister FC Vorwärts Frankfurt Oder. Die Niederlage gegen Frankfurt war bis heute auch das letzte große Fußballspiel im Stadtgebiet Ruhla. Die TSG spielte bis zur Wende wieder in der Bezirksliga. Im wiedervereinten Deutschland spaltete sich die Fußballabteilung von der TSG ab und tritt seit dem 19.12.1990 unter dem Namen "EFC Ruhla 08" an. Seither spielt man ausschließlich in regionalen Gefilden und höherklassigen Fußball wird es in Ruhla wohl auf Dauer nicht mehr zu sehen geben. Der neue Vereinsname EFC bedeutet "Erbstromtaler Fußballclub", Namensgeber ist das kleine 13,5 Kilometer lange Flüsschen mit dem barbarischen Namen Erbstrom, welches in Ruhla seine Quelle hat.
Betritt man das Stadion Mittelwiese heute empfindet man noch das Flair der alten Tage, auf der Anlage scheint die Zeit irgendwann stehen geblieben zu sein. Empfangen wird man von einem eisernen Torbogen, auf welchem die Aufschrift "Stadion EFC Ruhla"prangt. Blickfang des Rundes ist die langgezogene ausgebaute Kurve hinter einer Torseite. Der Schriftzug "Ruhla grüsst seine Gäste" versehen mit dem aktuellen Vereinslogo auf einer leicht bröckeligen Mauer bringen einen genauso unverwechselbaren Flair wie die einzigartige Haupttribüne. Drei Reihen scheinbar endlos aneinandergereihter Parkbänke sollten ein echtes Novum in der deutschen und vielleicht sogar weltweiten Stadionwelt darstellen. Die offizielle Zuschauerkapazität liegt heute bei 5.000. Im Stadion Mittelwiese ist zwar alles leicht in die Jahre gekommen, die Anlage befindet sich trotzdem auch noch heute in einem bemerkenswert guten Zustand. Schon seit der Eröffnung als Sportplatz im Jahr 1928 befindet sich ein Gedenkstein zu Ehren der Opfer des ersten Weltkrieges im Stadion, dieser Findling hat sämtliche Umbaumaßnahmen überstanden und steht noch heute auf der Anlage. Zwar sind einige Teile der Sportanlage mittlerweile stark mit Gras bewachsen und der Torbogen am Eingang mit Rostflecken übersät, trotzdem ist ein Besuch in der Uhrenstadt empfehlenswert und das Stadion Mittelwiese sollte von jedem interessierten Groundhopper abgehakt werden.
An dieser Stelle noch ein Dankeschön an Lars Harnisch für die Bereitstellung einiger Quellen zur Ruhlaer Fußballgeschichte. Er führt auf Twitter das interessante Projekt @FussballDdr und veröffentlicht dort täglich bemerkenswerte Anekdoten aus der DDR-Fußballgeschichte. Ich besuchte Ruhla im Rahmen meines 2020er Roadtrips und fertigte am 16. August 2020 die folgenden Fotos der Anlage an.

Ein eiserner Torbogen empfängt die Gäste im
Stadion Mittelwiese
Aufschrift "Stadion EFC Ruhla"
Blickfang des Stadions die langgezogene  Kurve...
... mit der Aufschrift "Ruhla grüsst seine Gäste"
Voran steht das aktuelle Vereinslogo
Oberhalb des Schriftzuges wäre Platz für Zuschauer
Gebraucht wird dieser Platz kaum noch
Der obere Teil der Kurve ist mittlerweile zugewachsen
Ein letzter Blick in die Kurve
Ein Blick auf die "Haupttribüne"
Eine scheinbar endlose Reihe von Parkbänken
Eine solche Art von Tribüne sollte ein Novum darstellen
Im Stadion befindet sich ein Gedenkstein der an die
gefallenen Sportler des ersten Weltkrieg erinnert
Einen Hinweis auf den eigentlichen Namen
"Stadion Mittelwiese" sucht man auf dem Terrain vergebens
Die Tornetze werden in Ruhla seit der Wende nur noch
für regionale Spiele gespannt
Gesamtansicht des Stadion Mittelwiese

Dies war der sechste Teil unserer Serie über historische Fußballstadien, zuvor blickten wie bereits auf das mittlerweile abgerissene Stadion am Hermann-Löns-Weg in Solingen, das Röntgen Stadion in Remscheid, auf das Jahnstadion in Mönchengladbach, die Westkampfbahn in Düren und das Grotenburg-Stadion in Krefeld. Folgt mir bestenfalls auf Twitter und erfahrt dort sofort wenn ein neues Feature erscheint.

Sonntag, 22. November 2020

Nordschleife - Ein Mythos in der Eifel

Brünnchen, Pflanzgarten, Kesselchen, Karussell, Steilstrecke, Fuchsröhre, Adenauer Forst. Eine Auflistung von Streckenabschnitten bei dem jedem Motorsport-Fan das Wasser im Munde zusammenlaufen wird. Es geht um "den Ring", "die grüne Hölle", die "Nordschleife" des Nürburgrings mitten in der Eifel. 20,892 Kilometer, offiziell 73 Kurven und ein Höhenunterschied von knapp 300 Metern machen die Runde nicht nur zur längsten Rennstrecke der Welt, über die Jahre seit der Eröffnung am 18. Juni 1927 entwickelte sich die Nordschleife zu einem echten Mythos und hat sich längst in sämtliche Sport-Historienbücher eingetragen.
Die Idee zum Bau einer permanenten Rennstrecke in der Eifel ging auf das seit 1922 ausgerichtete "Eifelrennen" zurück, die Teilnehmer fuhren damals eine 33 Kilometerschleife auf öffentlichen Straßen zwischen Nideggen und Heimbach. Die Passage der Ortschaften im Renntempo brachte immer wieder gefährliche Situation mit sich und war der Hauptgrund, das Rennen zukünftig auf einer abgeschlossenen Rennstrecke auszutragen. 1925 begannen 3000 Arbeiter und schufen innerhalb von zwei Jahren die heute weltberühmte Nordschleife. Der Ursprungsversion der „Gebirgs-, Renn- und Prüfungsstrecke“ war bis 1982 noch 28 Kilometer lang, eröffnet wurde die Nordschleife am 18. Juni 1927 mit dem Eifelrennen für Motorräder, einen Tag später fuhren dann auch die Automobile ihr erstes Rennen in der Eifel aus. Schon seit der Eröffnung ist es ebenfalls möglich, die Strecke mit seinem Privatwagen zu befahren, schon im Eröffnungsjahr konnte Jedermann gegen eine Gebühr die Rennstrecke befahren. Heutzutage sind diese Touristenfahrten die Haupteinnahmequelle des Nürburgrings.
Den "Mythos Nordschleife" macht auch die unberechenbare Gefährlichkeit der Strecke aus, bereits 1928 kam es während des Großen Preises von Deutschland zum ersten tödlichen Unfall, bis heute sollen hier mehr als 140 Menschen ihr Leben gelassen haben. Durch die stetige Weiterentwicklung der immer schneller werdenden Autos geriet die Nordschleife mehr und mehr in die Kritik und führte im Jahr 1970 sogar zu einem Boykott der Formel-1 Fahrer. Die Königsklasse der Autofahrer wollten die Verantwortlichen aber unbedingt weiter in der Eifel haben und so investierte man einen zweistelligen Millionen Betrag in die Entschärfung der Rennstrecke, unter anderem wurden bei den Umbaumaßnahmen erstmals Curbs auf der Nordschleife installiert. Die Formel-1 kehrte daraufhin tatsächlich in die Eifel zurück, der wohl bekannteste Unfall auf der Nordschleife brachte dann aber das endgültige Aus für Formel-1 Fahrzeuge in der grünen Hölle. Niki Lauda verunfallte während des Grand Prix 1976 schwer und seit dem fanden auf der Ursprungsversion der Nordschleife keine Formel-1 Rennen mehr statt. Man wollte die Rennserie aber unbedingt in der Eifel haben und begann so mit dem Bau einer eigenen Grand Prix Strecke, welche die Norschleife auf ihre heutigen 20,892 Kilometer einkürzte. Mit Eröffnung der Grand Prix Strecke im Jahr 1984 fanden immer weniger Rennen auf der Schleife statt, die Profi-Rennserien wichen allesamt auf die neu eröffnete, heute 5,148 Kilometer lange Grand Prix Strecke aus. Der Nordschleife blieb größtenteils nur Breiten- und Amateursportveranstaltungen und natürlich die sehr beliebten Touristenfahrten. Der alljährliche Saisonhöhepunkt ist aber das 24 Stunden Rennen, welches auf der 25,378 km langen Kombination von Nordschleife und Grand Prix Strecke ausgefahren wird. Dazu finden zehn mal jährlich mehrstündige VLN (mittlerweile NLS) Rennen satt, welche ebenfalls die Kombination aus Schleife und GP Strecke benutzen. Unregelmäßige Rennen kleiner Veranstalter beschränken sich zumeist auf die reine Nordschleife. Zuletzt gab es immer wieder Gerüchte über ein eventuelles Nordschleifen-Comeback der DTM, die Deutsche Tourenwagen Serie  trug von 1988 bis 1993 auf der großen Eifelrunde einen Renntag aus.
Historisch bleibt die Nordschleife ohnehin, an dem Denkmal kann nicht gerüttelt werden. Allein die verschiedenen Streckenabschnitte mit ihren Beinamen (siehe Tabelle oben rechts) prägen bis heute das Bild der einzigartigen Rennstrecke. Jeder Abschnitt hat seine eigene Geschichte, die Fuchsröhre erhielt ihren Namen beispielsweise, weil sich während der Bauarbeiten dort ein Fuchs in einer Drainageröhre versteckte und den Bauarbeitern die Arbeit erschwerte. Am Galgenkopf war die ehemalige Richtstätte und der Galgen der Grafen von Nürburg. Einige Abschnitte wurden auch Legenden der Nordschleife gewidmet, so wurde der Pflanzgarten II in Stefan-Bellof-S umbenannt. Bellof galt als einer der talentiertesten Autorennfahrer der Geschichte und fuhr 1983 einen unglaublichen Rundrekord und war bis 2018 der einzige Fahrer welcher die Nordschleife mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 200 km/h zurücklegte. Das Caracciola-Karussell ist nach Rudolf Caracciola benannt, welcher 1927 das erste auf der Nordschleife ausgetragene Eifelrennen gewann.
Nicht nur Autofahrer kommen an der Rennstrecke auf ihre Kosten, jedes Wochenende pilgern zahlreiche Schaulustige an die verschiedenen Streckenabschnitte und gucken sich die Speedjunkies auf der Strecke an. Nicht selten sieht man dabei menschliches Schicksal, wenn ein Touristenfahrer mal wieder seine Privatkarre in eine der Leitplanken gesetzt hat. Ein Ausflug lohnt sich immer, irgendwas ist auf der Nordschleife immer los. Selbst während des Corona-Lockdown-Lights Ende 2020 ging der Betrieb wie selbstverständlich weiter und lockte die Touristenfahrer in großer Masse in die Eifel. Der Mythos Nordschleife, er lebt!

Die grüne Hölle im Herbst 2020
Abschnitt Klostertal in Richtung Karussell
Adenauer Forst
Blick auf die Nürburg (oben Links)
Einfahrt Klostertal in Richtung Steilstrecke
Steilstrecke wäre hier links ab...
... und gilt heute als historischer Teil der Nordschleife
ist aber schon seit Jahren nicht mehr befahren wurden
Wippermann
Wippermann auf Grund der zahlreichen Bodenwellen,
die mittlerweile aber lange entschärft wurden
Pflanzgarten
Wehrseifen mit Blick auf Adenau
Einfahrt Brünnchen
Ausfahrt Brünnchen
Mit dem direkt anliegenden Parkplatz der
Zuschauer-Hotspot der Runde
Die Nordschleife lässt sich zu Fuß zum größten Teil direkt
an der Rennstrecke umrunden
Streckenposten haben ein wachsamen Blick auf die
Touristenfahrer

Die Fotos entstanden während verschiedenen Besuchen auf der Nordschleife im November 2020 und wurden von mir hier in willkürlicher Reihenfolge veröffentlicht