Freitag, 27. Juli 2018

Historische Grounds #02 - Röntgen-Stadion in Remscheid

Die Tage des Röntgen-Stadions scheinen schon lange gezählt, aber noch steht es im Remscheider Stadtteil Lennep und auch der Spielbetrieb scheint zumindest noch eine Saison weiterzulaufen. In Zukunft soll auf dem Gelände des Röntgen-Stadions das sogenannte Design Outlet Center (kurz DOC) mit einer Verkaufsfläche von über 20.000 qm entstehen. Die Bauarbeiten dafür laufen bereits, es gibt allerdings Klagen aus der Bevölkerung und auch von Nachbarstädten. Da es in dieser Hinsicht immer noch kein gerichtliches Urteil gibt, verzögerte sich der offzielle Baubeginn des DOC mehrfach und steht aktuell immer noch in den Sternen. Ursprünglich war dieser bereits für 2016 vorgesehen, wäre es soweit gekommen, wäre das Röntgen-Stadion heute höchstwahrscheinlich schon ein Relikt der Vergangenheit. Trotzdem sind die Tage des Stadions gezählt, es gibt erhebliche Mängel und für die Stadt Remscheid ist es auf Dauer zu teuer das Röntgen-Stadion weiter zu finanzieren. Aktuell wird etwa drei Kilometer weiter das Sportzentrum Hackenberg ausgebaut und modernisiert, hier soll dann in Zukunft der Spielbetrieb des FC Remscheid fortgeführt werden.
Mit dem Röntgen-Stadion wird das größte Stadion auf Remscheider Stadtgebiet verschwinden und auch die lange Geschichte der Kultstätte findet damit ein Ende. 1924 beschloss der Rat der damaligen Kreisstadt Lennep den Bau eines Stadions, am 2.8.1925 wurde das Lenneper Stadion dann offiziell eingeweiht. 5.000 Besucher fanden damals auf Stehstufen Platz, welche um die Laufbahn des Stadions herumgebaut wurden. Die Nutzung der Stätte war zunächst vielfältig. Der Schulsport und verschiedene Vereine nutzten das Stadion für ihre Aktivitäten. Dazu gab es verschiedene Sportevents wie Windhundrennen oder auch Freiluft-Boxen. Einen Namen machte sich das Lenneper Stadion durch Leichtatheltik Veranstaltungen, Margarete „Grete“ Heublein aus Barmen überbot hier mehrfach den Weltrekord im Kugelstoßen der Frauen.
1929 wurde Lennep dann nach Remscheid eingemeindet und in den Jahren 1935/36 gab es die erste Renovierung des Lenneper Stadions, bei welcher auch ein Nebenplatz gebaut wurde. Im zweiten Weltkrieg blieb das Stadion nicht unversehrt, trotzdem konnte der Sportbetrieb bereits im Herbst 1945 wieder aufgenommen werden. Fußball spielte zu dieser Zeit noch keine große Rolle, dafür entwickelte sich Remscheid nach dem Krieg zu einer Hochburg des Pferdesports. Beim Turnier im Jahr 1949 sollen bis zu 25.000 Zuschauer sich im und um das Stadion befunden haben. Man konnte den damaligen Hype aber nicht fortsetzen und bereits 1955 gab es letztmals ein Reitturnier in Lennep.
Von nun an entwickelte sich das Stadion immer mehr zur reinen Fußballarena, zwischen 1969 und 1972 gab es eine Generalsanierung. 1974 wurde die Pressetribüne auf der heutigen Gegengerade gebaut und eingeweiht, damit besaß das Stadion erstmals 235 Sitzplätze. Nutzer der Anlage war zu diesem Zeitpunkt der VfL 07 Lennep, welcher über Jahre in der Kreisklasse spielte. Ab 1976 trug dann auch der BV 08 Lüttringhausen seine Heimspiele im Lenneper Stadion aus.  Die Kicker aus dem nördlichen Stadtbezirk legten einen steilen Aufstieg hin und stiegen innerhalb kürzester Zeit von der Bezirksklasse bis in die höchste Amateurliga auf. Schnell deutete sich an, dass dies noch nicht das Ende der Fahnenstange sein sollte. 1979/80 erreichte man im DFB-Pokal die dritte Runde, nach Siegen gegen die Spvg Erkenschwick und Westfalia Herne verlor man in der 3. Hauptrunden gegen den Bundesligisten 1860 München. Der Aufstieg in die 2. Bundesliga gelang Lüttringhausen zur Saison 1982/83, die Stadt Remscheid sah sich durch den ankommenden Erfolg dazu gezwungen, das Stadion weiter umzubauen. 1981 wurde ein Umbau gemäß DFB-Richtlinien geplant, für eine Summe von rund 2,5 Mio DM wurde eine Haupttribüne mit 1.993 Sitzplätzen gebaut, dazu wurde in den Kurven die Anzahl der Stehplätze erhöht. Am 17. Oktober 1982 wurde das umgebaute Stadion Lennep mit einem Freundschaftsspiel zwischen dem BV 08 Lüttringhausen und Schalke 04 eingeweiht. 13.000 Zuschauer sahen ein 1:1 unentschieden, danach konnten dann auch Zweitliga-Spiele in Lennep stattfinden. Für die Zeit des Umbaus musste Lüttringhausen in das Stadion Reinshagen, ebenfalls auf Remscheider Stadtgebiet, ausweichen. Nach dem Umbau dachte man im Remscheider Stadtrat auch über einen neuen einprägsamen Namen für das Stadion nach. Am 5.12.1982 wurde dann aus dem Lenneper Stadion das "Röntgen-Stadion", benannt nach Wilhelm Conrad Röntgen dem Entdecker der Röntgenstrahlung, welcher 1845 in Lennep geboren wurde. Zwei Saisons lang konnte sich der BV 08 Lüttringhausen zunächst in der 2. Liga halten, man spielte in dieser Zeit gegen Vereine wie Bayer Uerdingen, Waldhof Mannheim, SC Freiburg, MSV Duisburg, Rot-Weiss Essen oder auch die Lokalrivalen von Union Solingen. In der zweiten Zweitliga Saison 1983/84 stieg man als Tabellenletzter wieder in die Oberliga ab.
Nach dem Abstieg benannte sich der Verein am 9. August 1984 von BV 08 Lüttringhausen in BVL 08 Remscheid um. Zum ersten großen Spiel unter neuem Namen kam es am 2. September 1984, hier gastierte der FC Bayern zur ersten DFB-Pokal Runde im Röntgen Stadion. Der Rekordmeister mit Trainer Udo Lattek konnte das Spiel knapp mit 0:1 gewinnen, nach einem Tor von Roland Wohlfahrt. Ebenfalls in der Startaufstellung der Bayern waren Spieler wie Lothar Matthäus oder Klaus Augenthaler. Mit 15.000 Zuschauer stellt dieses Spiel bis heute den Zuschauerrekord im Röntgen-Stadion. 1986 gewann man dann die Deutsche Amateurmeisterschaft, das Finale gegen den VfR Bürstadt wurde im heimischen Röntgen-Stadion ausgetragen und mit 2:1 nach Verlängerung gewonnen. Gleichzeitig spielte man auch im DFB Pokal erneut eine gute Rolle, so beförderte man am 31.8.1989 den Erstligisten 1. FC Kaiserslautern mit einem klaren 3:0, in der ersten Runde aus dem Wettbewerb. In der zweiten Runde wartete Hannover 96, man trennte sich im Hinspiel im Röntgen Stadion mit 3:3 nach Verlängerung, dies hieß zum damaligen Zeitpunkt, dass eine Entscheidung in einem Wiederholungsspiel fallen musste. Das Rückspiel in Hannover verloren die Remscheider dann mit 2:1. Das Hinspiel sollte aber kurze Zeit später noch einmal in den Fokus rücken, das zwischenzeitliche 1:0 vom Remscheider Spieler Hermann Wulfmeier wurde später zum Tor des Monats Oktober 1986 gekürt. Der Flugkopfball ist bis heute das einzige Tor des Monats in den Annalen der Remscheider Fußballgeschichte. 1987/88 kehrte der BVL 08 Remscheid für ein Jahr in die zweite Bundesliga zurück, erneut duellierte man sich mit Mannschaften wie FC Sankt Pauli, Fortuna Düsseldorf, Alemannia Aachen, Fortuna Köln und auch Duelle gegen die Erzrivalen aus Solingen gab es wieder.
Nach dem erneuten Abstieg spielte man 1988 wieder in der Amateur-Oberliga, dort spielte mittlerweile aber auch der VfB Remscheid. Daraufhin beschloss man eine Fusion der beiden Mannschaften, welche am 1. Juli 1990 zum FC Remscheid vereinigt wurden. Man rappelte sich zusammen und schaffte zum dritten Mal den Aufstieg in die zweite Bundesliga. Diesmal konnte man sich zwei Saisons lang in der zweithöchsten deutschen Spielklasse halten. Auch im DFB-Pokal machte man sich erneut einen Namen als Pokalschreck und schickte im November 1990 die Borussia aus Mönchengladbach mit einem 1:0 nach Hause. In der Saison 1992/93 stieg man als Tabellenvorletzter mit Platz 23 ab, die Saison 1992/93 hatte mit 24 Mannschaften nach Integration der Ost-Klubs, das größte Teilnehmerfeld in der Geschichte der 2. Bundesliga. Für den DFB Pokal qualifizierte man sich letztmals 1994 und schied dort mit einem 0:7 gegen den 1. FC Köln aus.
Nach dem Abstieg aus der zweiten Bundesliga versuchte man dann verzweifelt wieder den Sprung in den bezahlten Fußball zu schaffen, nach Einführung der Regionalliga rutschte man aber gar in die Viertklassigkeit. Die Saison 1996/97 beendete man dann als Vizemeister der Oberliga Nordrhein, welches gleichbedeutend mit dem Aufstieg in die damals drittklassige Regionalliga West/Südwest war. In dieser konnte man drei Spielzeiten verbringen 1998/99 stieg man nach einer indiskutablen Saison als Tabellenletzter mit nur 10 Punkten ab. In den nächsten Jahren folgte ein stetiger sportlicher Niedergang, der 2016/17 sogar zu einer Saison in die siebtklassige Bezirksliga führte. Aktuell spielt der FC Remscheid wieder in der Landesliga.
Die Geschichte des FC Remscheid geht noch weiter, die des Röntgen-Stadions scheint zu Ende erzählt. Ein offizielles Abschiedsspiel gab es bereits im April 2015, unter dem Motto "Abschied vom Röntgen-Stadion" spielten die Traditionsmannschaften des FC Remscheid und von Schalke 04 gegeneinander. Rund 1.500 Zuschauer sahen einen Schalker 3:5 Sieg, die unter anderem mit Olaf Thon und Ingo Anderbrügge aufliefen. Weitere besondere Spiele im Röntgen-Stadion waren Benefizspiele nach einem Flugzeugabsturz in Remscheid. Im Dezember 1988 stürzte ein US-Amerikanischen Militärflugzeug über Remscheid ab und krachte in eine Wohnsiedlung, sieben Menschen verloren dabei ihr Leben. Nur drei Tage später gastierte der FC Bayern für ein spontanes Benefizspiel im Röntgen-Stadion, etwa 11.000 Zuschauer sahen das Spiel gegen den damaligen BVL 08 Remscheid. Ein zweites Spiel zum Gedenken der Opfer fand im Mai 1989 statt, vor 4.000 Zuschauern spielte eine Bergische Auswahl gegen eine DFB Tradtionself mit unter anderem Franz Beckenbauer und Uwe Seeler. Die 7.000 Fans, die im Juli 2003 das Testspiel zwischen dem Wuppertaler SV und Schalke 04 schauten, sorgten für einen Zuschauerrekord im Röntgen-Stadion bei einem Spiel ohne Beteiligung einer Remscheider Mannschaft. Ein Novum stellte das Röntgen-Stadion dar, weil es zu Zweit-Liga Zeiten die einzige Stätte ohne Flutlichtanlage war. In den Jahren 2012 und 2015 wurde jeweils für eine Begegnung im Niederrheinpokal gegen Rot-Weiß Oberhausen eine mobile Flutlichtanlage installiert. Die einzigen beiden Spiele, die im Röntgen-Stadion unter Flutlicht stattfanden. Deutschlandweite Medienpräsenz erhielt der FC Remscheid im Jahr 2015 als man kurzfristig Thorsten Legat als Trainer engagierte.
Wie lange der Spielbetreib im Röntgen-Stadion noch aufrechterhalten werden kann, steht ein wenig in den Sternen. Momentan sieht es so aus, als ob der FC Remscheid mindestens die Hinrunde der Landesliga Saison 2018/19 noch im Stadion in Lennep austragen kann. Mit den folgenden Fotos, die am 30. Januar 2018 aufgenommen wurden, werfen wir noch einmal einen letzten Blick auf das Röntgen-Stadion in Remscheid-Lennep.

Das Röntgen Stadion steht im Remscheider Stadtteil Lennep
Der Eingang Nordkurve ist gleichzeitig auch der Haupteingang des Stadions
Von hieraus erreicht man alle Bereiche des Stadions
Übersichtsfoto des Eingangsbereich
Nach dem Betreten des Stadions unterquert man die Nordkurve
Ein Blick auf die Nordkurve...
... welche ausschließlich aus Stehplätzen besteht
Überhalb der Nordkurve befindet sich die Anzeigetafel
Übersichtsfoto Nordkurve
Blick von der Nordkurve auf die Gegengerade
Auf der Rückseite der Haupttribüne ist ein Logo des "VfL Lennep", welcher
seine Heimspiele auf dem benachbarten Ascheplatz austrug. Der
Ascheplatz fiel Anfang Januar den Bauarbeiten für das DOC zum Opfer.
Die Haupttribüne besteht nur aus Sitzplätzen
Elf Sitzreihen stehen dem Zuschauer zur Verfügung
Genau 1993 Menschen finden hier offiziell Platz
Auf den Sitzbänken liest man noch vereinzelnd die alten Initialen des Vereins
Die Haupttribüne im Übersichtsfoto
Ein Blick auf die Südkurve
Die Südkurve ist seit Jahren für Zuschauer gesperrt
Die Baumängel werden wohl niemals behoben werden
Der Eingang der Südkurve liegt leicht erhöht und man bekommt einen
guten Geamteindruck des Stadion-Geländes
Die Gegengerade
Früher standen hier die Gästefans
Der Gästeeingang wird mittlerweile so gut wie nie benötigt
Entsprechend ist auch der Bratwurststand auf der Gegengerade selten bis
nie in Betrieb
Überwiegend befinden sich auf der Gegengerade Stehplätze
Zusätzlich gibt es einen überdachten Bereich...
... wo die Pressevertreter ihre Arbeit verrichten können
Zusätzlich gibt es 235 weitere Sitzplätze
Ein letzter Blick auf das Röntgen Stadion in Remscheid-Lennep

Ein letztes Spiel im Röntgen-Stadion gab es für mich am 8. April 2018 als der FC Remscheid am 27. Spieltag der Landesliga Niederrhein Gruppe 1, auf die VSF Amern traf. Rund 120 Zuschauer verirrten sich an einem schönen Frühlingstag nach Lennep. Die Stimmung war relativ entspannt, es gab eine kleine Fangruppe die in unregelmäßigen Abständen ein wenig das Heimteam anfeuerten. In der Zuschauertabelle stand der FC Remscheid aber Ende des Landesliga Saison 2017/18 auf Platz eins, im Durchschnitt waren 191 Zuschauer bei den 17 Heimspielen vor Ort. Die Verkehrsanbindung zum Stadion ist nahezu perfekt, direkt gegenüber des Haupteingangs gibt es einen großen Parkplatz und auch eine Bushaltestelle befindet sich vor dem Stadion. Der Ticketpreis lag bei 6€ und man konnte sich im ganzen Stadion (mit Ausnahme der gesperrten Südkurve) frei bewegen. Man hatte freie Wahl zwischen Sitz- und Stehplatz. Stadionwurst gab es am Vereinsheim direkt hinter dem Eingang, auch weitere kleinere Snacks wurden angeboten.
Das Spiel gegen Amern verlor der FC Remscheid zwar mit 0:1 am Ende der Saison stand aber Tabellenplatz 12 und damit der souveräne Klassenerhalt zu Buche. Man wird also auch in der Saison 2018/19 in der Landesligaspielen und Groundhoppern denen das Röntgen-Stadion in der Sammlung noch fehlt, sollten sich besser beeilen und den Ground möglichst bald abhaken zu können.


Zum Abschluss des Features über das Röntgen-Stadions hier noch einige Links zu Videos die den Spielbetrieb in der Kultstätte zeigen.

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