Donnerstag, 11. Juli 2019

Zu Gast bei #01 - SC Brühl 06/45

Wenn man an die Stadt Brühl denkt kommt den meisten Menschen wohl als Erstes ein bekannter Freizeitpark in den Sinn, geschichtlich interessierte Zeitgenossen werden auch noch wissen, dass internationale Staatsgäste der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1949 und 1996 im Schloss Augustusburg von den damaligen Bundespräsidenten empfangen wurden. Das die Schlösserstadt Brühl aber auch Heimat eines über 110 Jahre alten Fußballvereins ist, haben außerhalb der Stadtgrenzen wahrscheinlich nur hartgesottene Fußballfans auf dem Schirm.
1906 wurde der erste Stammverein des heutigen Sport-Club Brühl 06/45 gegründet; um mehr über die Geschichte des Vereins zu erfahren, machte ich mich auf den Weg in den Rhein-Erft-Kreis. In einem Hinterhof in Zentrumsnähe befindet sich das Büro des 1. Vorsitzenden Joachim Tollens, ein ziemlich lockerer Mitmensch, dem seine Vereinsarbeit sichtlich Spaß macht. Schnell ist der Computer hochgefahren und eine Statistik-Tabelle geöffnet, die einen Überblick über die verschiedenen Saisonverläufe der Brühler bietet. Tollens hat den Posten des 1. Vorsitzenden seit 2016 inne, er wurde ohne Gegenstimme gewählt. "Ich war nicht schnell genug auf den Bäumen", sagt er selber über seine Wahl. Erst am 12.7.2004 wurde Tollens Vereinsmitglied, am Tag seines Vereinseintritts gab es eine Mitgliederversammlung auf welcher er gleich zum Schatzmeister gewählt wurde. Zuvor hatte der 1957 geborene Tollens mit dem Verein seiner Heimatstadt, wie er selbst sagt, "nichts am Hut." Ein Freund hatte ihn 2004 angesprochen und ihn darüber informiert, dass der Verein neue helfende Hände nötig hätte. Der spätere 1. Vorsitzende dachte dabei an kleine Helferdienste wie Bierbänke an Spieltagen auf- und wieder abbauen, stattdessen kam dann aber die schnelle Wahl in den Vorstand. Tollens bekleidete den Posten des Schatzmeisters anfänglich ein wenig ungewollt, rasch identifizierte er sich aber mit seinem Verein und stieg in der Vorstandshierarchie 2009 zunächst in den Posten des 2. Vorsitzenden auf, bevor er am 9.10.2014 das Amt des 1. Vorsitzenden auf Grund des Rücktritts seines Vorgängers Kurt Schallehn zunächst kommissarisch übernahm und seit 12.4.2016 das gewählte Oberhaupt des Vereins ist.
Die Geschichte des Fußballs in Brühl begann lange vor der Zeit von Tollens; 1906 kam es zur Gründung des ersten Fußballvereins auf Brühler Stadtgebiet. Unter dem Namen "Brühler SV 06" schaffte man nach dem Ersten Weltkrieg den zwischenzeitlichen Aufstieg in die damals zweitklassige Bezirksliga, nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrten die Brühler in diese Spielkasse noch einmal zurück. Nach einigen Abstiegen kam es dann im Jahr 1960 zur ersten Fusion zweier Brühler Vereine, der "Brühler SV" vereinigte sich mit dem 1945 gegründeten "Brühler BC" zum "SC Brühl 06/45", die Jahreszahlen erinnern an die Gründung der beiden Stammvereine. Der Klub spielte seitdem erstmals unter dem noch heute gebräuchlichen Vereinsnamen und die Jahre nach der Fusion sollten die erfolgreichsten in der Brühler-Fußballgeschichte werden. Die in blau-gelb spielenden Brühler stiegen innerhalb kürzester Zeit von der Bezirksliga in die drittklassige Verbandsliga Mittelrhein auf. Wenn es nach dem damaligen 1. Vorsitzenden Robert Ehl gegangen wäre, sollte dies noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Ehl träumte sogar von Bundesliga-Fußball in der damals 42.000 Einwohner (heute 44.000) großen Stadt. In der Saison 1974/75 spielten die Schlossstädter dann tatsächlich eine Hauptrolle im Kampf um den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Der SCB duellierte sich damals mit Bayer 04 Leverkusen um den Meistertitel der Verbandsliga und die damit verbundene Qualifikation zur Aufstiegsrunde für die 2. Liga. Co-Trainer der Brühler war damals ein gewisser Reiner Calmund, der in seiner Geburtsstadt nach einer kurzen Spieler- und Jugendtrainer Karriere bei der
Joachim Tollens und Heiner Gillmeister
im Schlossparkstadion
Spielvereinigung Frechen 1920 nun in Brühl erste ernsthafte Spuren in der Fußballwelt hinterließ, bevor er Jahre später beim damaligen Konkurrenten Leverkusen zur Legende wurde. Das entscheidende Spiel um den Meistertitel verlor der SC Brühl damals im Leverkusener "Ulrich-Haberland-Stadion" mit 2:1. Im Buch "Fußball im Kölner Land" über die Vereinsgeschichte der Brühler beschreibt Autor Heiner Gillmeister chaotische Szenen die sich auf und neben dem Platz abspielten. Die Brühler Ersatzbank wurde von Bayer-Anhängern mit Steinen beworfen und mit Stöcken attackiert, die Spieler wurden unter Polizeischutz in die Kabine gebracht. Die Brühler konnten deshalb ihr Wechselkontingent nicht voll ausschöpfen, in der siebten Minute der Nachspielzeit landete dann ein Weitschuss von der Mittelfeldlinie im Brühler Tor und ebnete der heutigen Werkself den Weg in die 2. Bundesliga. Für den SC Brühl blieb der Vizetitel und die damit verbundene Qualifikation zur Deutschen Amateur-Meisterschaft. Im einzigen überregionalen Pflichtspiel der SCB-Geschichte bekam man Viktoria Hamburg zugelost, das Hinspiel im heimischen Schlossparkstadion gewann man mit 3:2 vor 3.600 Zuschauern. Eine gute Quote für die Brühler, während der Ligaspiele kamen im Schnitt 1.500 Menschen ins Stadion. Zum Rückspiel nach Hamburg begleiteten dann nur eine handvoll Brühler ihre Mannschaft und sahen eine deutliche 4:0 Niederlage und das vorzeitige Ausscheiden aus der Deutschen Amateur-Meisterschaft. Das war der Startpunkt eines kontinuierlichen Abstiegs der Brühler Mannschaft, in die Nähe des Aufstiegs in den Profi-Fußball kam man nie wieder, stattdessen musste man nur drei Jahre nach der Vizemeisterschaft den Abstieg in die Landesliga verschmerzen. Da parallel die Oberliga Nordrhein gegründet wurde, waren die Brühler auf einen Schlag nur noch fünftklassig. Der ungewollte Doppelabstieg war ein Ergebnis langjähriger Misswirtschaft, mit ihren angestrebten Ambitionen hatte man sich in Brühl finanziell übernommen und der komplette Vorstand trat infolgedessen zurück. So mussten in den folgenden Jahren wieder kleinere Brötchen gebacken werden und wenig später folgte sogar der Gang in die Bezirksklasse, hier hatte man erstmals einen direkten Konkurrenten aus dem Stadtgebiet. Die Renault Deutschland AG ist einer der größten Arbeitergeber der Stadt, hat seit 1959 ihren Firmensitz in Brühl und gründete eine Betriebssportmannschaft, aus der 1977 der FC Renault Brühl entstand. Der Autobauer pushte sein Werksteam mit einem ordentlichen Budget, was den schnellen Aufstieg in die Bezirksliga zufolge hatte. Der neue Klub lief dem Traditionsverein den Rang ab, stand am Ende der Saison 1987/88 vor dem SCB in der Tabelle und war kurzfristig die neue Nummer eins im Stadtgebiet. Ein Jahr später stellte man die Weichen wieder gerade und sah die Renault Leute sogar aus der Liga absteigen. Die Stadtrivalität ging in der Saison 1990/91 aber in nächste Runde und wurde nicht nur auf dem Platz ausgetragen. Das Renault Team machte sich beim SC Brühl mit den Worten "Bei uns spielen die Brühler Jungen", nicht gerade beliebt. Die Aussage war ein bewusster Seitenhieb gegen den SCB, welcher seine Mannschaft seit Jahren hauptsächlich mit Spielern aus dem Umland bestückte. Angesichts dieser Worte ist es doch erstaunlich, dass sich 1994 beide Vereine zusammentaten und aus dem SC Brühl 06/45 der SC Renault Brühl wurde. Offiziell ließ man verlauten, dass durch die Fusion vor allem der Brühler Nachwuchs gestärkt werden solle. Als offenes Geheimnis galt aber, dass die Renault-Vorstandsetage höherklassigen Fußball in Brühl sehen wollte und den "neuen" Verein weiter mit großen Geldbeträgen unterstützte. Dies zeigte Erfolg, man schaffte zunächst den Sprung in die Landesliga und kehrte 1997 in die mittlerweile nur noch fünftklassige Verbandsliga zurück. Hier traf man mit Blau-Weiss Brühl später auch auf einen neuen Gegner aus dem Stadtgebiet. Die Blau-Weißen hatten einen gewaltigen Aufstieg hinter sich und schafften unter anderem durch den Sieg des Mittelrheinpokals im Jahr 2001 die Qualifikation für die Hauptrunde des DFB Pokal. Das Spiel von Blau-Weiß Brühl gegen den 1. FC Kaiserslautern darf getrost als wichtigstes Fußballspiel auf Brühler Stadtgebiet bezeichnet werden. Genauso schnell wie der Aufstieg folgte aber auch der Fall von Blau-Weiß, nach zwei Jahren in der Verbandsliga verschwand man wieder in den Niederungen der untersten Amateur-Ligen und löste sich 2009 auf. Der SC Renault Brühl hatte diese kleine Städterivalität als Sieger beendet. Die Bestrebungen von Sponsor und Namensgeber Renault sahen vor, dass die Gelb-Blauen von der Verbandsliga weiter bis in die drittklassige Regionalliga aufsteigen sollten, ein unrealistisches Unterfangen wie später auch der Sponsor zugeben musste und die finanzielle Unterstützung daraufhin stark zurückfuhr. Die Folge war der direkte Abstieg aus der Verbandsliga zum 100-jährigen Vereinsbestehen im Jahr 2006. Als man zwei Jahre später wieder den Aufstieg schaffte, entschloss man sich Renault aus seinem Teamnamen zu streichen, mit der Hoffnung so für neue Sponsoren interessanter zu werden. Der damalige Brühler Bürgermeister und Vereinsmitglied Michael Kreuzberg führte kurze Verhandlungen mit dem Autokonzern, so kehrte der Verein zu seinem alten Namen zurück und heißt nun wieder "SC Brühl 06/45". Als Trikotsponsor blieb Renault dem Team noch bis Oktober 2017 erhalten, das komplette Sponsoring der Renault AG lief im Juni 2018 aus. Seit der Saison 2015/16 ist der SC Brühl wieder Teil des Landesliga und wechselt hier als eines der "Grenzteams" in unregelmäßigen Abständen die Staffel. Nach zwei Jahren in der Kölner Staffel, ist man zu Beginn der neuen Saison 2019/20 wieder Teil der Aachener Gruppe im Westen des Fußballverbandes Mittelrhein.
Nachdem wir im Büro von Joachim Tollens das detaillierte Gespräch über die Vereinsgeschichte abgeschlossen hatten, folgte ein kurzer Fußweg in die Heimspielstätte der Brühler. Das Schlossparkstadion ist Teil des Schloss Augustusburg, quasi mit Eröffnung der Spielstätte im Jahr 1953 ist der SCB hier Hausherr. Die vorherigen Plätze an der Liblarer- und Vochemer Straße sind heute nicht mehr vorhanden, erzählt Tollens. Bis 1994 war die Stadt Brühl nur Pächter des Schlossparkstadions, dann kaufte man dem Land NRW die Spielstätte für 1,2 Millionen D-Mark ab. Vorgabe des vorherigen Eigentümers war, dass die Spielstätte ausschließlich als reine Sportanlage genutzt werden darf und auch eine Änderung des Gesamterscheinungsbildes dürfe es nicht geben, da der gesamte Schlosspark seit 1984
Lukas Podolski und der 1. FC Köln
sind gern gesehene Gäste in Brühl
Foto: Vereinsarchiv
zu den UNESCO-Welterbestätten zählt. Als das Schlossparkstadion zwischen 2008 und 2009 grundsaniert wurde, geschah dies in enger Absprache mit der Denkmalschutzbehörde. Tollens weiß noch wie der Antrag auf eine blaue Tartanbahn abgelehnt wurde und auch die neue Flutlichtanlage nur eine bestimmte Höhe haben durfte. Mit welchem Spiel das Stadion 1953 eröffnet wurde ist nicht 100% überliefert, die Stadt Brühl spricht auf ihrer Homepage von einem Spiel des 1. FC Köln gegen eine Brühler Stadtauswahl, die Statistik-Sammlung in Tollens Büro wiederspricht dieser Behauptung allerdings. Sicher überliefert sind aber zahlreiche Testspiele, welche der 1. FC Köln über die Jahre in Brühl absolvierte. 2004 schoss hier ein junger Lukas Podolski unter anderem ein Tor für die Kölner. Tollens erinnert sich gerne an das kurzfristig angesetzte Testspiel 2012, als der FC händeringend nach einem Gegner suchte und eine Anfrage nach Brühl schickte, keine zwei Wochen später standen die Geißböcke im Schlossparkstadion auf dem Rasen. Der damalige Kölner Trainer Holger Stanislawski nach dem Spiel auf die Frage wie er den SC Brühl gesehen hat: "Nicht schlechter als meine Mannschaft." Ihr gutes Herz zeigten der SC Brühl und der 1. FC Köln im Jahr 1993 bei einem Benefizspiel für einen Brühler Spieler, welcher einen Schlaganfall erlitten hatte, alle Einnahmen in Höhe von 19.000 D-Mark wurden dem erkrankten Spieler zur Verfügung gestellt.
Der SC Brühl ist bis heute eine große Fußball-Familie, "Spieler fühlen sich bei uns zu Hause", so Tollens und erzählt unter anderem von Lukas Rösch. Gebürtig aus Baden-Württemberg stieß Rösch 2013 aufgrund eines Studiums in Köln zum Brühler Verein und fand hier seine neue Heimat. In der Vereinsgeschichte verewigte sich Rösch spätestens 2016, als er die Vereinshymne "Schlossstädter vor!" (Klick) dichtete und gemeinsam mit Teamkollegen einsang. 2018 wechselte Rösch zum TuS Erndtebrück in die Regionalliga, bliebt seinem alten Verein aber verbunden. Als ich im Juni 2019 ein Spiel im Schlossparkstadion besuchte, stand Rösch hinter dem Grill und bereitete die Stadionwurst für seinen ehemaligen Verein zu. Laut Tollens bezeichnet sich Rösch selbst als "Brühler Jung". Sportliche Ziele werden unter dem Vorsitz von Tollens, welcher an Spieltagen im Kassenhäuschen sitzt, keine mehr ausgegeben, "das ist der Mannschaft selber überlassen" so El Presidente, wie Tollens vereinsintern genannt wird. Nur eines ist dem Vorsitzenden wichtig, die Spieler sollen Lust und Spaß am Fußball haben und damit dies auch so bleibt, macht er mit dem Team auch immer wieder kleinere Ausflüge und stärkt so den Zusammenhalt und das Teamgefühl. Abstecher wie beispielsweise zur TV-Sendung "100% Bundesliga" kommen im Team sehr gut an und unterstreichen das gute Vereinsleben, welches in Zukunft noch größer werden wird. Zur neuen Saison 2019/20 startet der SC Brühl auch mit einer zweiten Mannschaft in der Kreisliga und bietet somit neuen Spielern die Chance Teil der Geschichte des "SC Brühl 06/45" zu werden. Die Historie der Schlossstädter wird also auch in Zukunft weitergehen.


Fotoimpressionen des Brühler Schlossparkstadions, aufgenommen am 2. Juli 2019


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