Mein Groundhopping-Trip begann nicht etwa mit dem Fußball, sondern mit den anderen Abteilungen des FC Barcelona. Der Verein ist nicht nur im Fußball, sondern auch in Sportarten wie Rollerhockey, Futsal und Handball vertreten – allerdings mit sehr unterschiedlichem Zuschauerinteresse. Während das Rollerhockey-Spiel nur eine kleine Kulisse anzog, waren bei Handball und Futsal zwar mehr Fans in der Halle, doch auch hier blieb sie spürbar unter ihrer möglichen Kapazität. Die Fußballabteilung überstrahlt deutlich alles. Ich tauchte in die Welt des Vereins ein und besuchte die oben genannten Abteilungen, bevor es schließlich zum Fußballspiel in der Ausweichstätte Olympiastadion ging.
Doch Barcelona hat nicht nur den FC Barcelona. Mit Espanyol Barcelona gibt es einen zweiten Erstligisten, der zwar im Schatten des großen Nachbarn steht, aber dennoch eine eigene Identität und im Vergleich zum FCB eine fast leidenschaftliche Fanszene besitzt. Also war auch ein Besuch bei Espanyol Pflicht, um die Fußballkultur der Stadt noch besser kennenlernen zu können.
Dreh- und Angelpunkt der ersten Tage war die "La Rambla del Barça“ – und damit ist nicht die berühmte Promenade im Zentrum gemeint, sondern das Vereinsgelände des FC Barcelona rund um das alte Camp Nou. Auch wenn das Stadion wegen des Umbaus derzeit nicht nutzbar ist, bleibt das Gelände der zentrale Treffpunkt für Fans und Mitglieder. Hier befindet sich der Palau Blaugrana, die Mehrzweckhalle für verschiedene Sportarten, die ich in meinen ersten drei Tagen in Barcelona täglich besuchte.
An meinem ersten Abend stand in der Palau Blaugrana das Rollerhockey-Spiel zwischen dem FC Barcelona und Pati Vic auf dem Programm. Barça gewann souverän und stellte mit dem 8:3-Sieg sogar einen spanischen Rekord auf – es war der 18. Sieg in Folge, was zuvor noch keinem Team gelungen war. Umso überraschender war es, dass die Partie quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Ich wusste nicht, was mich erwartet, aber als ich etwa eine Stunde vor Spielbeginn auf dem Gelände ankam, war es schon verdächtig ruhig. Auch in der Halle selbst war kaum etwas los. Letztlich verirrten sich maximal 150 Zuschauer an diesem Donnerstagabend in die Palau Blaugrana, was sich natürlich auch auf die Atmosphäre auswirkte. Für mich war es der erste Besuch eines Rollerhockey-Spiels – quasi Eishockey ohne Eis. Die Spieler bewegen sich auf Rollschuhen, und das Spiel ist in zwei Hälften unterteilt, die jeweils nur 25 Minuten dauern und damit kürzer sind als beim Eishockey. Durch die kompakte Spielzeit und das hohe Tempo wirkt die Partie noch intensiver, mit schnellen Angriffen und wenig Unterbrechungen. Trotz der geringen Zuschauerzahl war es durchaus unterhaltsam und bot ein temporeiches Spektakel.
Ebenfalls kurzweilig ging es am nächsten Abend weiter, als an gleicher Stelle die Futsal-Abteilung des FC Barcelona im Einsatz war. Gegen die Gäste vom FS Valdepeñas musste Barça jedoch eine 1:2-Niederlage hinnehmen – die einzige Pleite einer Barça-Abteilung, die ich während meines Aufenthalts miterlebte. Die Zuschauerresonanz war deutlich höher als am Abend zuvor, und erstmals kam in der Halle so etwas wie echte Heimspiel-Atmosphäre auf. Eine kleine Ultragruppe sorgte während der gesamten Spieldauer für Stimmung und unterstützte das Team lautstark – ein klarer Kontrast zum nahezu gespenstischen Rollerhockey-Abend.
Den Abschluss meiner kleinen Hallenreise bildete am folgenden Tag der Besuch der Handball-Abteilung des FC Barcelona. Gegner war CD Bidasoa Irún, und anders als in den beiden Spielen zuvor wurde es diesmal richtig spannend. Barça lag lange Zeit zurück, schaffte aber in der Schlussphase die Wende und siegte am Ende mit 32:30. Besonders beeindruckend war die Atmosphäre während der Aufholjagd. Obwohl die Halle erneut nicht ausverkauft war und es diesmal keine organisierte Ultragruppe gab, entwickelte sich stellenweise ein kleiner Hexenkessel. Die Fans wurden mit jeder erfolgreichen Aktion lauter, und als Barcelona schließlich die Führung übernahm, war die Euphorie deutlich spürbar. Ein gelungener Abschluss meiner Erkundung der verschiedenen Sportarten des Vereins – doch nun wurde es Zeit für das große Finale: den Fußball.
Zum Gesamtpaket meiner Barça-Erfahrung gehörte natürlich auch ein Besuch im Vereinsmuseum, das sich ebenfalls auf der „La Rambla del Barça“ befindet. Durch mein Spielticket hatte ich den Zutritt bereits inbegriffen – also warum nicht mal reinschauen? Das Museum ist eine einzige große Lobeshymne auf den FC Barcelona. Titel ohne Ende, goldene Schuhe, alte Trikots und Bilder von legendären Momenten – hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Besonders ins Auge fällt die eigene Ecke von Lionel Messi, in der seine Ballon d’Or-Trophäen und andere persönliche Auszeichnungen ausgestellt sind. Kein Wunder, schließlich hat wohl kein Spieler die moderne Vereinsgeschichte so geprägt wie er. Trotz des aktuellen Umbruchs wird hier weiter der Anspruch vermittelt, ein Klub der Weltspitze zu sein. Ob das in den nächsten Jahren so bleibt, wird sich zeigen – aber im Museum lebt die große Vergangenheit des FC Barcelona auf jeden Fall weiter.
Im Vergleich zu Real Madrid gestaltete sich der Ticketkauf bei Barça unkompliziert. Über die Vereinswebsite konnte ich bereits vor der genauen Terminierung des Spiels Tickets erwerben. Allerdings wählt man dabei nur die Kategorie; den konkreten Sitzplatz erfährt man erst wenige Tage vor dem Spiel, wenn das Ticket als PDF zugeschickt wird. Die exakte Spielansetzung in La Liga erfolgt oft erst kurzfristig, meist maximal drei Wochen vorher.
Das Olympiastadion liegt auf dem Montjuïc-Hügel und wurde ursprünglich für die Weltausstellung 1929 erbaut. Es war Austragungsort der Olympischen Spiele 1992 und fasst heute rund 55.000 Zuschauer. Tagsüber kann man das Stadion übrigens kostenlos besichtigen, was für Groundhopper eine nette Gelegenheit ist.
An einem Montagabend traf Barça auf Rayo Vallecano. Mit 45.296 Zuschauern war das Stadion gut gefüllt, aber nicht ausverkauft. Die Atmosphäre war enttäuschend: Überwiegend Touristen, kaum echte Fangesänge. Nur beim einzigen Tor des Abends, einem Elfmeter von Robert Lewandowski, kam kurz Stimmung auf. Vereinzelt hallten nostalgische "Messi, Messi"-Rufe durch das Rund. In der ersten Halbzeit blieb ich auf meinem zugewiesenen Platz. In der zweiten Hälfte erkundete ich das Stadion und machte Fotos aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Ordner hatten damit kein Problem – es schien, als wäre das Spiel eher eine Touristenattraktion.
Auffällig war die Abwesenheit der Ultras. Der FC Barcelona hat seit 2003 offiziell Stadionverbot für seine Ultras, die "Boixos Nois", ausgesprochen. Der Grund dafür liegt in der gewaltbereiten Vergangenheit der Gruppe, die in den 1980er- und 1990er-Jahren immer wieder mit rechtsextremen Tendenzen, Hooliganismus und gewalttätigen Auseinandersetzungen auffiel. Besonders unter dem damaligen Präsidenten Joan Laporta wurde ein harter Kurs gegen die Gruppe gefahren, weshalb sie aus dem Stadion verbannt wurde. Zudem soll es Unmut über die Ausweichspielstätte geben, was zu einem Boykott seitens der organisierten Fans führt. Die fehlende Stimmung im Olympiastadion ist also eine Mischung aus der ohnehin restriktiven Haltung des Vereins gegenüber Ultra-Gruppen und der allgemeinen Unzufriedenheit mit der vorübergehenden Spielstätte auf dem Montjuïc.
Das Spiel im Olympiastadion war für mich als Groundhopper definitiv ein interessantes Erlebnis. Die Stimmung war zwar absolut mau, aber immerhin konnte ich mir das Stadion mal bei einem Pflichtspiel anschauen. Klar, Barça ohne echtes Heimspiel-Feeling ist irgendwie seltsam, aber am Ende zählt: Ein weiterer Ground besucht, ein weiteres Fußballspiel mitgenommen – genau darum geht’s ja.
17. Februar 2025 - FC Barcelona gg Rayo Vallecano - 1:0
La Liga - 24. Spieltag - Estadi Olimpic Lluis Companys, Barcelona - 45.296 Zuschauer
Nach dem eher ernüchternden Erlebnis beim Barça-Spiel im Olympiastadion lohnt sich ein Blick zurück auf den Vortag – denn schon am Sonntag stand mit Espanyol Barcelona der zweite große Klub der Stadt auf meinem Plan. Spannenderweise hatte auch Espanyol früher im Olympiastadion gespielt, bevor der Verein 2009 endlich sein eigenes Zuhause bekam. Das RCDE Stadium, auch bekannt als Estadi Cornellà-El Prat, liegt etwas außerhalb im Süden der Stadt und fasst rund 40.000 Zuschauer. Ein echtes Fußballstadion, das zwar nicht die Strahlkraft des Camp Nou hat, aber dafür ein klareres Profil als Heimstätte von Espanyol besitzt.
Für mein Barcelona-Wochenende hatte ich mir extra ein Datum ausgesucht, an dem beide Teams ein Heimspiel haben würden. Die feste Terminierung kam dann aber erst drei Wochen vor dem Spiel und brachte einen kurzen Zittermoment mit sich – zum Glück wurde Espanyol auf den Sonntag angesetzt, während das Barça-Spiel auf den Montagabend fiel. So konnte ich beide Klubs in nur 48 Stunden live erleben.
Die Ticketbeschaffung für das Spiel gegen Athletic Bilbao verlief problemlos über die Vereinswebsite, wobei ich meinen Sitzplatz hier direkt auswählen konnte. Am Spieltag selbst war das Stadion mit 26.645 Zuschauern zwar nicht ausverkauft, aber die Atmosphäre war trotzdem ordentlich. Im Vergleich zum Barça-Spiel waren hier deutlich mehr Einheimische als Touristen anwesend, was sich positiv auf die Stimmung auswirkte. Besonders hervorzuheben war die Hymne vor dem Spiel, die von den Fans a cappella zu Ende gesungen wurde und dabei definitiv für Gänsehaut sorgte. Die restliche Stimmung war zwar gut, aber jetzt auch nicht überragend – dennoch war es deutlich lebendiger als beim großen Nachbarn. Während des Spiels sorgten die Espanyol-Anhänger für eine lebhafte, wenn auch nicht überwältigende Atmosphäre. Die Unterstützung für ihr Team war spürbar, und die Fangesänge hallten regelmäßig durch das Stadion. Im Vergleich zum Spiel des FC Barcelona war die Stimmung hier deutlich authentischer und leidenschaftlicher.
Insgesamt bot mir das Wochenende in Barcelona einen interessanten Kontrast zwischen den beiden großen Fußballvereinen der Stadt. Während der FC Barcelona derzeit in einer Übergangsphase steckt und dies auch die Spielatmosphäre beeinflusst, präsentierte sich Espanyol als bodenständiger Klub mit einer engagierten Fanbasis. Für Groundhopper und Fußballromantiker ist ein Besuch bei Espanyol definitiv empfehlenswert.
Im Anschluss an das Spiel von Espanyol tauchte ich dann noch in den spanischen Amateurfußball ein. Direkt neben dem RCDE Stadium liegt das Nueva Municipal Cornellà, Heimat von UE Cornellà, und dorthin führte mich mein Weg für ein weiteres Fußballerlebnis. Hier trafen UE Cornellà und CE Sabadell FC in der Segunda División RFEF aufeinander, hierbei handelt sich um die 4. Liga des spanischen Fußballs.
Das Spiel selbst war ein munteres 2:2, vor allen Dingen in der Schlussphase mit einigen hektischen Szenen auf dem Platz. Das Nueva Municipal Cornellà ist ein überschaubares Stadion mit einer Haupttribüne, deren äußerer Teil durch Flatterband abgesperrt war und als Auswärtsblock diente – hier hatten sich etwa 50 Fans von Sabadell eingefunden. Auf der gegenüberliegenden Seite der Tribüne war die Heimkurve vertreten, eine Ultragruppe von Cornellà, die nicht nur mit lautstarken Gesängen auf sich aufmerksam machte, sondern auch eine Zaunfahne mit der Aufschrift „Hooligans“ präsentierte. Ein spannendes Spiel, das noch mal einen ganz anderen Einblick in die Fußballkultur Spaniens gab. Abseits der großen Ligen merkt man erst recht, das hier fast mehr Leidenschaft im Fußball steckt als bei den großen Vereinen.
16. Februar 2025 - Espanyol Barcelona gg Athletic Bilbao - 1:1
La Liga - 24. Spieltag - RCDE Stadium, Barcelona - 26.645 Zuschauer
16. Februar 2025 - UE Cornellà gg CE Sabadell FC - 2:2
Segunda Division RFEF - 23. Spieltag - Nueva Municipal Cornellà, Barcelona - ca. 600 Zuschauer
Die Woche in Barcelona war auf jeden Fall vielfältig und hat mir viele interessante Eindrücke vom spanischen Fußball verschafft, von den großen Vereinen bis hin zu den Amateurspielen. Ich konnte den FC Barcelona in mehreren Sportarten erleben, von Rollerhockey über Futsal bis hin zum Handball, was ein rundes Bild des Vereins und seiner riesigen Sportkultur bot. Trotzdem muss ich sagen, dass Barcelona für mich im Vergleich zu Madrid nicht ganz diese allgegenwärtige Fußballatmosphäre hatte, die ich in der spanischen Hauptstadt so stark gespürt habe.Würde ich mich also noch einmal entscheiden müssen, würde ich ohne zu zögern nach Madrid reisen. Madrid hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, sei es durch die Atmosphäre der Stadt, die Fußballszenen oder die unzähligen Sehenswürdigkeiten, die einen dort erwarten. Barcelona hat dagegen eine andere, ruhigere Seite, die ebenfalls ihren Charme hat. Es war mein erster Besuch dort, und obwohl der Fußball hier nicht immer die gleiche Durchschlagskraft wie in Madrid hatte, war es definitiv eine Reise wert. Und wenn das neue Camp Nou irgendwann fertiggestellt wird, dann werde ich auf jeden Fall wiederkommen – um die Magie dieses Vereins an einem noch größeren Ort zu erleben. Aber bis dahin bleibt Madrid meine erste Wahl, wenn es um den spanischen Fußball geht.