Sonntag, 2. März 2025

Visca el Barca - Frühjahr 2025

Barcelona ist eine Stadt, die weltweit für ihren Fußballverein bekannt ist. Der FC Barcelona ist mehr als nur ein Klub – „Més que un club“ steht nicht umsonst auf den Tribünen des legendären Camp Nou, das aktuell umgebaut wird und noch lange nicht fertig zu werden scheint. Doch wie lebt sich der Fußball in einer Stadt, die sportlich so viel mehr zu bieten hat? Und wie schlägt sich Barcelona im Vergleich zu Madrid, das ich ein Jahr zuvor besucht habe und eindeutig als „Fußballstadt“ wahrgenommen habe?
Mein Groundhopping-Trip begann nicht etwa mit dem Fußball, sondern mit den anderen Abteilungen des FC Barcelona. Der Verein ist nicht nur im Fußball, sondern auch in Sportarten wie Rollerhockey, Futsal und Handball vertreten – allerdings mit sehr unterschiedlichem Zuschauerinteresse. Während das Rollerhockey-Spiel nur eine kleine Kulisse anzog, waren bei Handball und Futsal zwar mehr Fans in der Halle, doch auch hier blieb sie spürbar unter ihrer möglichen Kapazität. Die Fußballabteilung überstrahlt deutlich alles. Ich tauchte in die Welt des Vereins ein und besuchte die oben genannten Abteilungen, bevor es schließlich zum Fußballspiel in der Ausweichstätte Olympiastadion ging.
Doch Barcelona hat nicht nur den FC Barcelona. Mit Espanyol Barcelona gibt es einen zweiten Erstligisten, der zwar im Schatten des großen Nachbarn steht, aber dennoch eine eigene Identität und im Vergleich zum FCB eine fast leidenschaftliche Fanszene besitzt. Also war auch ein Besuch bei Espanyol Pflicht, um die Fußballkultur der Stadt noch besser kennenlernen zu können.
Dreh- und Angelpunkt der ersten Tage war die "La Rambla del Barça“ – und damit ist nicht die berühmte Promenade im Zentrum gemeint, sondern das Vereinsgelände des FC Barcelona rund um das alte Camp Nou. Auch wenn das Stadion wegen des Umbaus derzeit nicht nutzbar ist, bleibt das Gelände der zentrale Treffpunkt für Fans und Mitglieder. Hier befindet sich der Palau Blaugrana, die Mehrzweckhalle für verschiedene Sportarten, die ich in meinen ersten drei Tagen in Barcelona täglich besuchte.
Zunächst einmal schockierte mich aber der aktuelle Zustand des Camp Nou – der Verein wird mit dem Umbau-Großprojekt sichtbar nicht fertig. Zwischenzeitlich hatte man angepeilt, für die Rückrunde der laufenden Saison wieder in das legendäre Stadion zurückzukehren, doch beim Blick auf die Baustelle war dies wohl eher Wunschdenken. Von der einst imposanten Arena steht derzeit kaum mehr als das Grundgerüst. Die Ränge sind größtenteils abgetragen, und statt eines Fußballtempels blickt man auf eine riesige Baustelle mit Kränen, Gerüsten und offenen Betonflächen. Die Dimension des Projekts wird erst vor Ort richtig greifbar, und es scheint fraglich, ob Barça in absehbarer Zeit hier wieder spielen kann.
An meinem ersten Abend stand in der Palau Blaugrana das Rollerhockey-Spiel zwischen dem FC Barcelona und Pati Vic auf dem Programm. Barça gewann souverän und stellte mit dem 8:3-Sieg sogar einen spanischen Rekord auf – es war der 18. Sieg in Folge, was zuvor noch keinem Team gelungen war. Umso überraschender war es, dass die Partie quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Ich wusste nicht, was mich erwartet, aber als ich etwa eine Stunde vor Spielbeginn auf dem Gelände ankam, war es schon verdächtig ruhig. Auch in der Halle selbst war kaum etwas los. Letztlich verirrten sich maximal 150 Zuschauer an diesem Donnerstagabend in die Palau Blaugrana, was sich natürlich auch auf die Atmosphäre auswirkte. Für mich war es der erste Besuch eines Rollerhockey-Spiels – quasi Eishockey ohne Eis. Die Spieler bewegen sich auf Rollschuhen, und das Spiel ist in zwei Hälften unterteilt, die jeweils nur 25 Minuten dauern und damit kürzer sind als beim Eishockey. Durch die kompakte Spielzeit und das hohe Tempo wirkt die Partie noch intensiver, mit schnellen Angriffen und wenig Unterbrechungen. Trotz der geringen Zuschauerzahl war es durchaus unterhaltsam und bot ein temporeiches Spektakel.
Ebenfalls kurzweilig ging es am nächsten Abend weiter, als an gleicher Stelle die Futsal-Abteilung des FC Barcelona im Einsatz war. Gegen die Gäste vom FS Valdepeñas musste Barça jedoch eine 1:2-Niederlage hinnehmen – die einzige Pleite einer Barça-Abteilung, die ich während meines Aufenthalts miterlebte. Die Zuschauerresonanz war deutlich höher als am Abend zuvor, und erstmals kam in der Halle so etwas wie echte Heimspiel-Atmosphäre auf. Eine kleine Ultragruppe sorgte während der gesamten Spieldauer für Stimmung und unterstützte das Team lautstark – ein klarer Kontrast zum nahezu gespenstischen Rollerhockey-Abend.
Den Abschluss meiner kleinen Hallenreise bildete am folgenden Tag der Besuch der Handball-Abteilung des FC Barcelona. Gegner war CD Bidasoa Irún, und anders als in den beiden Spielen zuvor wurde es diesmal richtig spannend. Barça lag lange Zeit zurück, schaffte aber in der Schlussphase die Wende und siegte am Ende mit 32:30.  Besonders beeindruckend war die Atmosphäre während der Aufholjagd. Obwohl die Halle erneut nicht ausverkauft war und es diesmal keine organisierte Ultragruppe gab, entwickelte sich stellenweise ein kleiner Hexenkessel. Die Fans wurden mit jeder erfolgreichen Aktion lauter, und als Barcelona schließlich die Führung übernahm, war die Euphorie deutlich spürbar. Ein gelungener Abschluss meiner Erkundung der verschiedenen Sportarten des Vereins – doch nun wurde es Zeit für das große Finale: den Fußball.

Zum Gesamtpaket meiner Barça-Erfahrung gehörte natürlich auch ein Besuch im Vereinsmuseum, das sich ebenfalls auf der „La Rambla del Barça“ befindet. Durch mein Spielticket hatte ich den Zutritt bereits inbegriffen – also warum nicht mal reinschauen? Das Museum ist eine einzige große Lobeshymne auf den FC Barcelona. Titel ohne Ende, goldene Schuhe, alte Trikots und Bilder von legendären Momenten – hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Besonders ins Auge fällt die eigene Ecke von Lionel Messi, in der seine Ballon d’Or-Trophäen und andere persönliche Auszeichnungen ausgestellt sind. Kein Wunder, schließlich hat wohl kein Spieler die moderne Vereinsgeschichte so geprägt wie er. Trotz des aktuellen Umbruchs wird hier weiter der Anspruch vermittelt, ein Klub der Weltspitze zu sein. Ob das in den nächsten Jahren so bleibt, wird sich zeigen – aber im Museum lebt die große Vergangenheit des FC Barcelona auf jeden Fall weiter.


Mein Besuch in Barcelona krönte ich mit dem Spiel des FC Barcelona gegen Rayo Vallecano im Estadi Olímpic Lluís Companys – dem Olympiastadion von 1992. Dieses Stadion stand ohnehin auf meiner Liste, daher freute ich mich, dass Barça während der Umbauphase des Camp Nou hier seine Heimspiele austrug. Ursprünglich war geplant, dass der Verein genau zum Zeitpunkt meines Besuchs ins Camp Nou zurückkehrt, doch die Verzögerungen machen das Olympiastadion weiter zur aktuellen Spielstätte mindestens bis zum Saisonende.
Im Vergleich zu Real Madrid gestaltete sich der Ticketkauf bei Barça unkompliziert. Über die Vereinswebsite konnte ich bereits vor der genauen Terminierung des Spiels Tickets erwerben. Allerdings wählt man dabei nur die Kategorie; den konkreten Sitzplatz erfährt man erst wenige Tage vor dem Spiel, wenn das Ticket als PDF zugeschickt wird. Die exakte Spielansetzung in La Liga erfolgt oft erst kurzfristig, meist maximal drei Wochen vorher.
Das Olympiastadion liegt auf dem Montjuïc-Hügel und wurde ursprünglich für die Weltausstellung 1929 erbaut. Es war Austragungsort der Olympischen Spiele 1992 und fasst heute rund 55.000 Zuschauer. Tagsüber kann man das Stadion übrigens kostenlos besichtigen, was für Groundhopper eine nette Gelegenheit ist.
An einem Montagabend traf Barça auf Rayo Vallecano. Mit 45.296 Zuschauern war das Stadion gut gefüllt, aber nicht ausverkauft. Die Atmosphäre war enttäuschend: Überwiegend Touristen, kaum echte Fangesänge. Nur beim einzigen Tor des Abends, einem Elfmeter von Robert Lewandowski, kam kurz Stimmung auf. Vereinzelt hallten nostalgische "Messi, Messi"-Rufe durch das Rund. In der ersten Halbzeit blieb ich auf meinem zugewiesenen Platz. In der zweiten Hälfte erkundete ich das Stadion und machte Fotos aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Ordner hatten damit kein Problem – es schien, als wäre das Spiel eher eine Touristenattraktion.
Auffällig war die Abwesenheit der Ultras. Der FC Barcelona hat seit 2003 offiziell Stadionverbot für seine Ultras, die "Boixos Nois", ausgesprochen. Der Grund dafür liegt in der gewaltbereiten Vergangenheit der Gruppe, die in den 1980er- und 1990er-Jahren immer wieder mit rechtsextremen Tendenzen, Hooliganismus und gewalttätigen Auseinandersetzungen auffiel. Besonders unter dem damaligen Präsidenten Joan Laporta wurde ein harter Kurs gegen die Gruppe gefahren, weshalb sie aus dem Stadion verbannt wurde. Zudem soll es Unmut über die Ausweichspielstätte geben, was zu einem Boykott seitens der organisierten Fans führt. Die fehlende Stimmung im Olympiastadion ist also eine Mischung aus der ohnehin restriktiven Haltung des Vereins gegenüber Ultra-Gruppen und der allgemeinen Unzufriedenheit mit der vorübergehenden Spielstätte auf dem Montjuïc.
Das Spiel im Olympiastadion war für mich als Groundhopper definitiv ein interessantes Erlebnis. Die Stimmung war zwar absolut mau, aber immerhin konnte ich mir das Stadion mal bei einem Pflichtspiel anschauen. Klar, Barça ohne echtes Heimspiel-Feeling ist irgendwie seltsam, aber am Ende zählt: Ein weiterer Ground besucht, ein weiteres Fußballspiel mitgenommen – genau darum geht’s ja.

17. Februar 2025 - FC Barcelona gg Rayo Vallecano - 1:0
La Liga - 24. Spieltag - Estadi Olimpic Lluis Companys, Barcelona - 45.296 Zuschauer

Nach dem eher ernüchternden Erlebnis beim Barça-Spiel im Olympiastadion lohnt sich ein Blick zurück auf den Vortag – denn schon am Sonntag stand mit Espanyol Barcelona der zweite große Klub der Stadt auf meinem Plan. Spannenderweise hatte auch Espanyol früher im Olympiastadion gespielt, bevor der Verein 2009 endlich sein eigenes Zuhause bekam. Das RCDE Stadium, auch bekannt als Estadi Cornellà-El Prat, liegt etwas außerhalb im Süden der Stadt und fasst rund 40.000 Zuschauer. Ein echtes Fußballstadion, das zwar nicht die Strahlkraft des Camp Nou hat, aber dafür ein klareres Profil als Heimstätte von Espanyol besitzt.
Für mein Barcelona-Wochenende hatte ich mir extra ein Datum ausgesucht, an dem beide Teams ein Heimspiel haben würden. Die feste Terminierung kam dann aber erst drei Wochen vor dem Spiel und brachte einen kurzen Zittermoment mit sich – zum Glück wurde Espanyol auf den Sonntag angesetzt, während das Barça-Spiel auf den Montagabend fiel. So konnte ich beide Klubs in nur 48 Stunden live erleben.
Die Ticketbeschaffung für das Spiel gegen Athletic Bilbao verlief problemlos über die Vereinswebsite, wobei ich meinen Sitzplatz hier direkt auswählen konnte. Am Spieltag selbst war das Stadion mit 26.645 Zuschauern zwar nicht ausverkauft, aber die Atmosphäre war trotzdem ordentlich. Im Vergleich zum Barça-Spiel waren hier deutlich mehr Einheimische als Touristen anwesend, was sich positiv auf die Stimmung auswirkte. Besonders hervorzuheben war die Hymne vor dem Spiel, die von den Fans a cappella zu Ende gesungen wurde und dabei definitiv für Gänsehaut sorgte. Die restliche Stimmung war zwar gut, aber jetzt auch nicht überragend – dennoch war es deutlich lebendiger als beim großen Nachbarn. Während des Spiels sorgten die Espanyol-Anhänger für eine lebhafte, wenn auch nicht überwältigende Atmosphäre. Die Unterstützung für ihr Team war spürbar, und die Fangesänge hallten regelmäßig durch das Stadion. Im Vergleich zum Spiel des FC Barcelona war die Stimmung hier deutlich authentischer und leidenschaftlicher.
Insgesamt bot mir das Wochenende in Barcelona einen interessanten Kontrast zwischen den beiden großen Fußballvereinen der Stadt. Während der FC Barcelona derzeit in einer Übergangsphase steckt und dies auch die Spielatmosphäre beeinflusst, präsentierte sich Espanyol als bodenständiger Klub mit einer engagierten Fanbasis. Für Groundhopper und Fußballromantiker ist ein Besuch bei Espanyol definitiv empfehlenswert.
Im Anschluss an das Spiel von Espanyol tauchte ich dann noch in den spanischen Amateurfußball ein. Direkt neben dem RCDE Stadium liegt das Nueva Municipal Cornellà, Heimat von UE Cornellà, und dorthin führte mich mein Weg für ein weiteres Fußballerlebnis. Hier trafen UE Cornellà und CE Sabadell FC in der Segunda División RFEF aufeinander, hierbei handelt sich um die 4. Liga des spanischen Fußballs.
Das Spiel selbst war ein munteres 2:2, vor allen Dingen in der Schlussphase mit einigen hektischen Szenen auf dem Platz. Das Nueva Municipal Cornellà ist ein überschaubares Stadion mit einer Haupttribüne, deren äußerer Teil durch Flatterband abgesperrt war und als Auswärtsblock diente – hier hatten sich etwa 50 Fans von Sabadell eingefunden. Auf der gegenüberliegenden Seite der Tribüne war die Heimkurve vertreten, eine Ultragruppe von Cornellà, die nicht nur mit lautstarken Gesängen auf sich aufmerksam machte, sondern auch eine Zaunfahne mit der Aufschrift „Hooligans“ präsentierte. Ein spannendes Spiel, das noch mal einen ganz anderen Einblick in die Fußballkultur Spaniens gab. Abseits der großen Ligen merkt man erst recht, das hier fast mehr Leidenschaft im Fußball steckt als bei den großen Vereinen.

16. Februar 2025 - Espanyol Barcelona gg Athletic Bilbao - 1:1
La Liga - 24. Spieltag - RCDE Stadium, Barcelona - 26.645 Zuschauer

16. Februar 2025 - UE Cornellà gg CE Sabadell FC - 2:2
Segunda Division RFEF - 23. Spieltag - Nueva Municipal Cornellà, Barcelona - ca. 600 Zuschauer

Die Woche in Barcelona war auf jeden Fall vielfältig und hat mir viele interessante Eindrücke vom spanischen Fußball verschafft, von den großen Vereinen bis hin zu den Amateurspielen. Ich konnte den FC Barcelona in mehreren Sportarten erleben, von Rollerhockey über Futsal bis hin zum Handball, was ein rundes Bild des Vereins und seiner riesigen Sportkultur bot. Trotzdem muss ich sagen, dass Barcelona für mich im Vergleich zu Madrid nicht ganz diese allgegenwärtige Fußballatmosphäre hatte, die ich in der spanischen Hauptstadt so stark gespürt habe.Würde ich mich also noch einmal entscheiden müssen, würde ich ohne zu zögern nach Madrid reisen. Madrid hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, sei es durch die Atmosphäre der Stadt, die Fußballszenen oder die unzähligen Sehenswürdigkeiten, die einen dort erwarten. Barcelona hat dagegen eine andere, ruhigere Seite, die ebenfalls ihren Charme hat. Es war mein erster Besuch dort, und obwohl der Fußball hier nicht immer die gleiche Durchschlagskraft wie in Madrid hatte, war es definitiv eine Reise wert. Und wenn das neue Camp Nou irgendwann fertiggestellt wird, dann werde ich auf jeden Fall wiederkommen – um die Magie dieses Vereins an einem noch größeren Ort zu erleben. Aber bis dahin bleibt Madrid meine erste Wahl, wenn es um den spanischen Fußball geht.

Dienstag, 11. Februar 2025

Fußball EM 2024 - Die große Deutschlandreise

Der Sommer 2024 stand ganz im Zeichen der Heim-EM – Sommermärchen 2.0. Nach der Weltmeisterschaft 2006 war die Welt erneut zu Gast bei Freunden. Der Slogan klang 2024 ein wenig globaler als damals: „United by Football – Vereint im Herzen Europas“. Ich war mittendrin, von der Gruppenphase bis zum Achtelfinale. Insgesamt besuchte ich acht der zehn Austragungsorte und erlebte in diesen zwei Wochen eine abwechslungsreiche und ereignisreiche Reise, die von vielen prägenden Momenten begleitet war. Eine unvergessliche Zeit, die in meiner Erinnerung noch genauso lebendig ist, als hätte ich meine EM-Reise erst gestern begonnen.
Bevor die Reise überhaupt beginnen konnte, hieß es zunächst einmal, sich um die Tickets zu kümmern – und das sollte sich als die schwierigste Herausforderung des gesamten Turniers herausstellen. Die Tickets wurden in mehreren Losverfahren vergeben, und das Ganze war ein echtes Glücksspiel. In der ersten Runde konnte man sich lediglich für die Austragungsorte bewerben, ohne zu wissen, welches Spiel man tatsächlich sehen würde. Also schickte ich Bewerbungen für sämtliche Spiele ab, in der Hoffnung, irgendwo ein Ticket zu ergattern. Die Ernüchterung ließ nicht lange auf sich warten: Am Ende erhielt ich nur ein einziges Ticket für ein Spiel in München.
Doch das war noch nicht das Ende der Ticket-Odyssee. Nachdem die Gruppenauslosung stattgefunden hatte, gab es eine zweite Bewerbungsrunde. Nun wusste man bereits, welche Mannschaften in welchem Stadion aufeinandertreffen würden. Also ging es wieder von vorne los: Ich bewarb mich für alle möglichen Ansetzungen und hoffte, das Losglück diesmal auf meiner Seite zu haben. Doch erneut blieb die erhoffte Ticketflut aus. Dieses Mal konnte ich immerhin ein weiteres Spiel sichern – in Düsseldorf. Die Vorfreude stieg, auch wenn die endgültige Reiseroute noch weit entfernt von dem war, was ich mir ursprünglich erhofft hatte. Aber immerhin: Zwei Spiele in zwei verschiedenen Städten, der Anfang war gemacht.
Ich versuchte alles, um an weitere Tickets zu gelangen. Jeder Verband erhielt ein bestimmtes Kontingent für seine Spiele in der Gruppenphase, und beim DFB konnte man sich sogar als Nicht-Mitglied für einen Preis von 5€ für die interne Ticketvergabe anmelden. Das Geld war es mir wert – zumindest dachte ich das zu diesem Zeitpunkt. Doch was sich zunächst wie eine vielversprechende Möglichkeit anfühlte, entpuppte sich schnell als große Fehlinvestition. Über den DFB erhielt ich nämlich kein einziges Ticket. Zunächst hatten die Fanklubmitglieder ein Vorkaufsrecht, und als die nicht abgegriffenen Tickets für die breite Masse freigegeben wurden, waren sie leider längst ausverkauft. Wieder kein Glück. Für einen Moment fühlte es sich fast an, als hätte ich den großen Traum einer Europameisterschaftsreise begraben müssen. Die Enttäuschung war groß, eine Europameisterschaft im eigenen Land erlebt man jetzt nicht alle Tage, einen Monat vor dem Eröffnungsspiel hatte ich immer nur die zwei Tickets in der Tasche. Ein letzter Funken Hoffnung glimmte weiter in mir und es hat sich gelohnt dran zu bleiben. Denn je näher das Turnier rückte, desto mehr Tickets wurden wieder frei, und auch die Resale-Plattform der UEFA ging an den Start. So kamen in der Woche vor dem Turnierstart tatsächlich zahlreiche zusätzliche Tickets hinzu. Die Erleichterung war groß, und die UEFA Ticket-App füllte sich zusehends. Leider gab es keine Papiertickets, aber die App war übersichtlich, und zum Turnierbeginn hatte ich tatsächlich acht Spieltickets zugewiesen bekommen. Alle Austragungsorte, außer Leipzig und Berlin, wurden besucht. Eine unvergessliche Zeit konnte beginnen.
Tag 1 - 16.6.2024 - Gelsenkirchen
Serbien gg England - 0:1
Gruppe C - Arena AufSchalke - 48.953 Zuschauer

Der erste Stopp meiner Reise führte ins "Absolute Shithole" Gelsenkirchen. Zumindest, wenn man den englischen Fans Glauben schenkt, die in Massen angereist waren und nicht gerade begeistert von der Stadt im Ruhrgebiet schienen. Schnell wurde das „Drecksloch Gelsenkirchen“ zum geflügelten Wort dieser Europameisterschaft. Und als hätte das Wetter extra mitspielen wollen, startete diese Sommer-EM grau und kalt, mit Temperaturen nur knapp im zweistelligen Bereich. Dresscode? Winterjacke.
Das Spiel Serbien gegen England wurde von den deutschen Behörden als Hochrisikospiel eingestuft – was bedeutete: verstärkte Polizeipräsenz und ein Alkoholverbot im Stadionumfeld. Offiziell durfte man sein Getränk nicht mal mit auf die Tribüne nehmen, aber die Ordner sahen das eher entspannt bis gar nicht. In der Vergangenheit gab es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen serbischen und englischen Hooligans, weshalb man auf Nummer sicher ging. Im Stadtzentrum kam es zu ein paar kleineren Auseinandersetzungen mit einigen Festnahmen, rund ums Stadion blieb es aber ruhig. Generell war während des gesamten Turniers keine wirkliche Fantrennung erkennbar – die Stadionumläufe waren offen, jeder konnte sich frei bewegen. Auf den Rängen sah es dann aber immer gleich aus: Zwei Blöcke gehörten den jeweiligen Landesverbänden, der Rest war in den Händen neutraler Zuschauer – so wie mir.
Auf dem Platz setzten sich die Engländer mit 1:0 durch, dank eines Treffers von Jude Bellingham. Und dann passierte etwas, das unter normalen Umständen undenkbar gewesen wäre: Ein stimmgewaltiges „Hey Jude!“ hallte durch die Schalker Arena. Fangesänge für einen Ex-Dortmunder – auf Schalke. Die EM macht’s möglich.


Tag 2 - 17.6.2024 - Frankfurt am Main
Belgien gg Slowakei - 0:1
Gruppe E - Frankfurt Arena - 47.000 Zuschauer (ausverkauft)

Nach einer kurzen Nacht zu Hause ging es einen Tag nach meinem EM-Auftakt in Gelsenkirchen direkt weiter nach Frankfurt am Main, wo ich mein erstes von drei Spielen der Belgier sehen sollte. Tatsächlich nahm ich alle drei Gruppenspiele der Belgier mit – ein reiner Zufall, der so gar nicht geplant war.

Die Anreise nach Frankfurt erfolgte zunächst mit dem Auto. Kurz vor der Stadtgrenze parkte ich und setzte die letzte Meile bequem mit dem Zug zurück – als Ticketinhaber konnte ich die Öffis nämlich kostenlos nutzen. Am Frankfurter Hauptbahnhof wechselte ich von der Regionalbahn in die Straßenbahn und erreichte das Stadion viel zu früh, denn die Tore öffneten immer drei Stunden vor Anstoß. Über die offizielle UEFA-Europameisterschafts-App wurde man stets top informiert – sowohl was die An- als auch die Rückreise betraf. Bei mir schlugen die Push-Benachrichtigungen sogar direkt auf meiner Smartwatch auf, was sich als echt hilfreicher Service erwies.
Am zweiten Tag musste ich allerdings noch etwas lernen: Ich war viel zu früh am Stadion und stand mit Sicherheit noch eine Stunde vor verschlossenen Toren. Den Lerneffekt konnte ich dann bei den darauffolgenden Spielbesuchen spüren. Nachdem die Tore endlich geöffnet wurden, bot der Stadionumlauf in Frankfurt ein riesiges Angebot an Catering, und verschiedene Sponsoren verteilten kostenlos ihr Merchandising – ein Service, den man nicht in jedem EM-Stadion fand.
Das Spiel zwischen Belgien und der Slowakei war eher Magerkost. Romelu Lukaku schoss für die Roten Teufel zwei Tore, die beide vom VAR aberkannt wurden. Letztlich setzte sich die Slowakei überraschend mit 0:1 durch – dank eines frühen Führungstreffers.
Ein weiteres Highlight auf der Rückreise: Am Frankfurter Hauptbahnhof waren die Ampelmännchen im Fußballdesign gestaltet – eines dieser kleinen Details, die diese EM so besonders machten.


Tag 3 - 19.6.2024 - Hamburg
Kroatien gg Albanien - 2:2
Gruppe B - Volksparkstadion Hamburg - 46.784 Zuschauer (ausverkauft)

In Hamburg erlebte ich den EM-Tag, der mir mit Abstand am meisten in Erinnerung geblieben ist. Was für ein Tag! Schon am frühen Morgen war scheinbar die ganze Stadt auf den Beinen. Die Partie begann bereits um 15 Uhr, also machte ich mich gegen 9 Uhr auf den Weg ins Stadtzentrum – und lief auf der Reeperbahn direkt in eine kroatische Faninvasion. Die Kroaten waren bestens gelaunt, trällerten ihre Lieder und zündeten zwischendurch ein bisschen Feuerwerk. Genau das hatte ich in Gelsenkirchen und Frankfurt vermisst – dort spielte sich das Geschehen mehr rund ums Stadion ab, während man in den Städten selbst auf den ersten Blick kaum etwas von der EM mitbekam. In Hamburg war das anders. Schon am Hauptbahnhof wurde man von einem großen EM-Pokal begrüßt, und die ganze Stadt war im Turniermodus. Nach der kroatischen Invasion auf der Reeperbahn und einigen zur Volksmusik tanzenden Albanern war die EM-Stimmung perfekt.
Das Spiel selbst war dann ein absolutes Highlight. Das Volksparkstadion verwandelte sich in einen Hexenkessel – mit Abstand die beste Stimmung, die ich während dieser EM erlebt habe. Als Klaus Gjasula in der Nachspielzeit den 2:2-Ausgleich für Albanien erzielte, gab es kein Halten mehr. Ein absolutes Tollhaus! Besonders kurios: Noch in der 76. Minute hatte Gjasula mit einem Eigentor die kroatische Führung besorgt – jetzt wurde er zum gefeierten Helden. Ein intensives, umkämpftes Spiel mit einzigartiger Atmosphäre auf den Rängen. Unvergesslich.
Üblicherweise bringen Shuttlebusse die Zuschauer nach Abpfiff vom Volksparkstadion zum Bahnhof. Während der EM fielen diese jedoch weg, sodass alle Fans zu Fuß Richtung Stellingen marschierten. Dort mischten sich die Fangruppen beider Nationen zwangsläufig, aber es blieb absolut friedlich – ein Fußballfest, wie es sein sollte.
Für mich ging es anschließend nach St. Pauli auf das Heiligengeistfeld, wo das Fanfest stattfand und ich das Spiel zwischen Deutschland und Ungarn sehen wollte. Wegen des großen Andrangs verzögerte sich die Anreise etwas, aber Hamburg bot einen coolen Service: Auf den Bahnanzeigen der S-Bahn wurde statt des Fahrplans der Zwischenstand des Spiels angezeigt. Kurz vor der Halbzeit betrat ich dann das Fanfest und sah noch den 2:0-Sieg der deutschen Nationalelf. Public Viewing ist zwar nicht unbedingt mein Ding, aber gehört zur EM irgendwie auch dazu – oder?


Tag 4 - 21.6.2024 - Düsseldorf
Slowakei gg Ukraine - 1:2
Gruppe E - Düsseldorf Arena - 43.910 Zuschauer

Die kurze Anreise nach Düsseldorf legte ich mit der Deutschen Bahn zurück – und wie so oft bei der DB gab es hier kleinerei Probleme. Die direkte Strecke zwischen Köln und Düsseldorf war gesperrt, sodass die Züge über irgendwelche Nebenstrecken umgeleitet wurden. Das hatte unter anderem zur Folge, dass Turnierdirektor Philipp Lahm die Partie zwischen der Slowakei und der Ukraine verpasste und stattdessen auf einen Anschlusszug in Solingen warten musste. Ich selbst war wie immer früh unterwegs, also brachte mir die Umleitung zwar eine kleine Verzögerung ein, aber nichts Dramatisches. So früh erreichte ich den Düsseldorfer Hauptbahnhof, dass ich mir noch ein wenig die Stadt anschauen konnte, bevor es mit der Straßenbahn zur Arena ging.
In der Stadt war – abgesehen vom üblichen Fanfest – nicht viel geboten, und generell war nicht allzu viel los. Ein interessantes Detail gab es aber doch: In der Altstadt hatte der ukrainische Fußballverband eine kleine Ausstellung aufgebaut, die Teile des im russischen Angriffskrieg zerstörten Sonyachny Stadium aus Charkiw zeigte.
Das Spiel gegen die Slowakei gewann die Ukraine mit 1:2, und die Fans feierten den Sieg frenetisch und emotional. In der Presse wurde die ukrainische Nationalelf als Hoffnungsträger für ein ganzes Land bezeichnet – und die Atmosphäre im Stadion spiegelte genau das wider.
Was mir in Düsseldorf (und später auch in anderen Stadien) sauer aufstieß, war jedoch eine andere Sache: das Becherpfand-Geschäft. Nach den ersten Turniertagen hatte sich herumgesprochen, dass sich damit ordentlich Geld machen ließ. Bei der EM wurden für jeden Becher 5 € Pfand erhoben – die man bei Rückgabe logischerweise zurückbekam. Da Pfandsysteme in vielen Ländern aber nicht gängig sind, wurden unzählige Becher einfach stehen gelassen oder im Müll entsorgt. Natürlich sagt keiner was, wenn man nach Spielschluss ein paar Becher einsammelt – aber in Düsseldorf sah ich erstmals Gestalten, die schon vor Anpfiff mit Taschenlampen durch den Umlauf streiften und jeden Mülleimer ausleuchteten. Jungs, ernsthaft? Guckt Fußball...


Tag 5 - 22.6.2024 - Köln
Belgien gg Rumänien - 2:0
Gruppe E - Cologne Stadium - 42.535 Zuschauer

Die Europameisterschaft direkt vor der Haustür – die Partie in Köln zwischen Belgien und Rumänien war mein persönliches Heimspiel dieser EM. Ganz entspannt ging es mit der KVB-Linie 1 zunächst nach Deutz, um dort ein wenig die Stimmung in der Stadt einzufangen. Erst als ich nach einem Fußmarsch über die Hohenzollernbrücke die Domplatte erreichte, sprang der Funke über.
Eine riesige Invasion belgischer Fans, die keine weite Anreise nach Köln hatte, nahm die Fanzone am Heumarkt ein und ließ die Altstadt in einem Meer aus belgischen Fahnen, roten Rauchtöpfen und Bierbechern versinken. Die rumänischen Fans feierten hier noch eher im Verborgenen, doch im Stadion fand sich dann ein beachtlicher, gelb gekleideter Fanblock, der der belgischen Stimmung in nichts nachstand.
Extra für die Europameisterschaft wurde die Bahnhaltestelle am Stadion umbenannt – statt am üblichen, kommerziellen Stadionnamen stieg man nun an der Station 'Cologne Stadium' aus. Nach dem Turnier verloste die KVB die Schilder mit dem temporären Stadionnamen – eine kleine, aber nette Geste.
Das Spiel selbst gewannen die Belgier, angeführt von ihrem Kapitän Kevin De Bruyne, mit 2:0. De Bruyne persönlich sorgte in der 80. Minute für die Entscheidung und wurde von seinen Landsleuten mit Sprechchören gefeiert: "Oh oh Kevin De Bruyne!"
Dieses Spiel wird mir als mein persönliches EM-Heimspiel wohl noch lange in Erinnerung bleiben – wer weiß schon, wann man so etwas noch einmal erlebt?


Tag 6 - 25.6.2024 - München
Dänemark gg Serbien - 0:0
Gruppe C - Munich Football Arena - 64.288 Zuschauer

Die meisten EM-Stadien hatte ich natürlich schon in meiner Groundhopping-Statistik, aber in München konnte ich einen neuen Stadionpunkt mitnehmen. Denn in der Allianz Arena – oder der "Munich Football Arena", wie das Stadion zur EM hieß – hatte ich bisher noch nie ein Spiel gesehen. Während meiner München-Tour im Sommer 2022 blieb es bei einem Besuch der zweiten Mannschaft des FC Bayern im Stadion an der Grünwalder Straße. Die Allianz Arena blieb damals außen vor – auch weil es als Normalo ziemlich kompliziert ist, ein Ticket für ein Bayern-Spiel zu halbwegs bezahlbaren Preisen zu bekommen.
Die Partie zwischen Dänemark und Serbien war dann das erste Ticket, das ich mir bereits über ein halbes Jahr vor Turnierbeginn gesichert hatte. Der Besuch in der bayerischen Landeshauptstadt konnte also schon lange im Voraus geplant werden.
Da der Anstoß des Gruppenspiels erst um 21 Uhr war, hatte ich den ganzen Tag Zeit, München zu erkunden. Zunächst ging es in den Olympiapark, wo ich mir für 3,50 € eine Eintrittskarte zur Besichtigung des Olympiastadions kaufte. Man durfte einmal über die Tribünen schlendern und den Flair von Olympia '72 spüren. Leider fanden gerade Auf- oder Abbauarbeiten für ein Konzert auf dem Rasen statt, was den Moment ein wenig zerstörte.
Vom Olympiapark ging es weiter zur Eisbachwelle, wo ich für ein paar Minuten den Surfern auf der Suche nach der perfekten Welle zusah. Mittlerweile war der Sommer in Deutschland angekommen, und in München stiegen die Temperaturen auf angenehme 28 Grad. Nach einem traditionell bayerischen Essen im Augustiner Brauhaus ging es dann mit der U-Bahn nach Fröttmaning zur Arena.
Was folgte, war leider ein unspektakuläres 0:0 zwischen Dänemark und Serbien. Von der Partie selbst blieb nicht viel hängen – außer dass Serbiens Sportlegende Novak Djokovic im Stadion war und, als er auf dem Videowürfel eingeblendet wurde, mehr Applaus bekam als die Spieler auf dem Platz.
Endgegner in München war dann tatsächlich der Heimweg. Sämtliche Zuschauer, die mit der Bahn angereist waren, mussten den gleichen Weg in Richtung U-Bahn nehmen – und genau das wurde zum Problem. Der Rückreiseverkehr von der Allianz Arena ist ohnehin berüchtigt, aber nach einem EM-Spiel mit vornehmlich Zuschauern, die keine Ortskenntnisse hatten, artete das Ganze noch mehr aus. Lange Wartezeiten, drangvolle Enge auf den Bahnsteigen und überfüllte Züge gehörten zum Standardprogramm. Wer nicht ewig anstehen wollte, musste entweder kreativ sein oder einfach Geduld mitbringen. Eine entspannte Rückreise sieht definitiv anders aus.


Tag 7 - 26.6.2024 - Stuttgart
Ukraine gg Belgien - 0:0
Gruppe E - Stuttgart Arena - 54.000 Zuschauer (ausverkauft)

Nach einer kurzen Nacht in München, bedingt durch die späte Anstoßzeit und die komplizierte Rückreise, sodass ich erst weit nach Mitternacht im Hotelbett lag, ging es nach einem schnellen Frühstück direkt weiter in Richtung Stuttgart. Zum Glück konnte ich nach einer kurzen Rücksprache mit meinem Hotel meinen Koffer schon weit vor der eigentlichen Check-in-Zeit dort deponieren und machte mich anschließend direkt mit der Bahn auf den Weg in die Stuttgarter Innenstadt.
Dort stand mein letztes Gruppenspiel auf dem Plan, zum dritten Mal sah ich die belgische Nationalmannschaft, die diesmal auf die Ukraine traf. Bevor es nach Bad Cannstatt ins Stadion ging, war natürlich die mittlerweile obligatorische Erkundung der Innenstadt angesagt. Viel hatte Stuttgart hier nicht zu bieten, einzig eine kleine Street-Food-Meile mit lokalen Köstlichkeiten weckte mein Interesse. Für einen erschwinglichen Preis gab es schwäbische Maultaschen mit Kartoffelsalat – solides Turnieressen.
Im Vergleich zum Spiel in Köln gab es in Stuttgart keine große belgische Faninvasion, auch größere Gruppen ukrainischer Anhänger waren im Stadtgebiet kaum auszumachen. Das Stadion war dennoch ausverkauft, aber als sich – wie schon am Vortag – ein zähes Spiel entwickelte, kippte auch die Stimmung auf den Rängen. Am Ende stand ein erneutes 0:0, das den Roten Teufeln zwar zum Einzug ins Achtelfinale reichte, bei den mitgereisten Fans aber alles andere als Euphorie auslöste. Nach Schlusspfiff stellte sich die belgische Mannschaft wie gewohnt vor ihrer Kurve auf, wurde dort jedoch lautstark ausgepfiffen. Daraufhin drehte Kapitän Kevin De Bruyne kurzerhand um und rief sein Team geschlossen von der Kurve zurück – eine deutliche Reaktion auf die Unmutsbekundungen der eigenen Anhänger.
Mit dem Abpfiff der Partie in Stuttgart endete für mich auch die Gruppenphase, doch ein Spiel stand noch auf dem Programm. Für ein Achtelfinale in Dortmund hatte ich noch Tickets – und hier sollte ich sogar die Deutsche Nationalmannschaft live erleben.


Tag 8 - 29.6.2024 - Dortmund
Deutschland gg Dänemark - 2:0
Achtelfinale - BVB Stadion Dortmund - 61.047 Zuschauer

Das Beste kommt zum Schluss. Der Last Dance meiner großen Europameisterschafts-Deutschlandreise fand in Dortmund statt. Als ich das Ticket bekam, stand noch nicht fest, welche Partie ich hier sehen würde. Man konnte aber auf ein Deutschlandspiel spekulieren, dafür musste die Nationalelf allerdings Gruppensieger werden. Und das stand im letzten Gruppenspiel lange auf der Kippe. Die Schweiz führte bis kurz vor Schluss mit 1:0, bevor Niklas Füllkrug in der Nachspielzeit den Ausgleich erzielte und damit den Gruppensieg sicherte. Das Spiel verfolgte ich vor dem Fernseher und musste beim späten Ausgleich tatsächlich jubeln, zum Abschluss meiner Heim-EM sollte ich also als Höhepunkt noch die Heimmannschaft live sehen. Theoretisch wäre hier in Dortmund auch ein Duell zwischen Deutschland und England möglich gewesen. Dafür hätten die Dänen gegen Serbien nur ein Tor schießen müssen, was bekanntlich nicht klappte. So hieß der Gegner der Deutschen statt England eben Dänemark.
Gut gelaunt ging es mit der Bahn in Richtung Dortmund. Weit vor dem Anpfiff erreichte ich die Innenstadt und machte mich erst einmal auf den Weg in den Westfalenpark, um die Möglichkeit zu nutzen, die Aussichtsplattform des Florianturms zu besuchen. Gegen ein kleines Eintrittsgeld bekommt man hier einen hervorragenden Blick auf Dortmund – und auf das „BVB Stadion“, wie das Westfalenstadion während der EM hieß. Nächster Stopp war „Mit Schmackes“, das Restaurant von Kevin Großkreutz. Erwartungsgemäß war es hier sehr voll, aber auch ohne Reservierung bekam ich als Einzelperson noch einen Platz an der Theke und konnte mein Schnitzel genießen. Danach ging es weiter vor das Deutsche Fußballmuseum am Bahnhofsvorplatz, wo wenig später auch der Deutsche Fanbus vorfuhr und für Partystimmung sorgte – typische deutsche EM-Stimmung. Bis dahin spielte auch das Wetter mit: bestes Sommerwetter, warme Temperaturen. Doch das sollte sich später noch ändern.
Im Stadion befand sich mein Platz auf der Dortmunder Südtribüne, die während der EM bestuhlt war, da keine Stehplätze zugelassen waren. Das Spiel gewann Deutschland mit 2:0 und löste das Ticket fürs Viertelfinale. Doch in Erinnerung wird das Match vor allem wegen einer 25-minütigen Gewitterunterbrechung in der ersten Halbzeit bleiben. In der 35. Minute öffnete der Himmel seine Schleusen – Blitze und Donnerschläge kamen hinzu. Der Schiedsrichter zögerte nicht lange und unterbrach die Partie. Während der Zwangspause entstanden im Stadion ikonische Bilder: Von den Stadiondächern strömte das Wasser wie Wasserfälle auf die Tribünen. Erinnerungen wurden wach an die WM 1974, als es zur legendären Wasserschlacht von Frankfurt zwischen Deutschland und Polen kam. 50 Jahre später sind die Fußballplätze allerdings besser auf solche Wetterkapriolen vorbereitet, sodass die Drainage in Dortmund keine Probleme hatte, die Wassermassen unter Kontrolle zu bekommen. Nachdem das Gewitter abgezogen war, rollte der Ball wieder problemlos über den Rasen.
Das Achtelfinale in Dortmund markierte einen würdigen Abschluss meiner EM-Reise, geprägt von unvergesslichen Momenten. Eine großartige Zeit, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Die Heim-EM 2024 – und ich war mittendrin statt nur dabei.